Kirchenrecht im Dienst am Wort Gottes

Eine umfassende Studie von Christoph Ohly arbeitet die rechtlichen Rahmenbedingungen von Predigt und Katechese heraus

Schon im Jahr 1972 hat der evangelische Theologe Jürgen Moltmann gemeint, eine doppelte Krise der kirchlichen Verkündigung feststellen zu müssen, eine „Relevanzkrise“ und eine „Identitätskrise“ – eine doppelte Krise, die sich als Dilemma erweise. „Je mehr Theologie und Kirche in den Problemen der Gegenwart relevant zu werden versuchen, umso tiefer werden sie in eine Krise ihrer eigenen christlichen Identität hineingezogen. Je mehr sie ihre Identität in traditionellen Dogmen, Riten und Moralvorstellungen zu behaupten versuchen, umso irrelevanter und unglaubwürdiger werden sie.“ Unabhängig davon, ob das hier beschriebene Dilemma in dieser Weise besteht oder nicht, ist das folgende klar: Einerseits muss aufgrund des Verkündigungsauftrags der Kirche versucht werden, die heutigen Menschen mit der christlichen Lehre zu „erreichen“, also die Bedeutung des Evangeliums für die Menschen unserer Zeit aufzuzeigen. Andererseits kann das aber nur dann gelingen, wenn nicht im Interesse einer vordergründigen Relevanz die Identität dessen aufs Spiel gesetzt wird, was der Kirche als Wort Gottes anvertraut wurde, denn in diesem Fall könnte die Kirche den Menschen nichts, zumindest nichts Neues sagen.

Nach der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils gibt es eine geschichtlich fortschreitende Entfaltung des Offenbarungsgutes, ohne dass dieses dadurch verändert oder aufgegeben würde. Der Fortschritt, um den es hier geht, zielt auf eine den wechselnden Zeitumständen stets neu anzupassende Aussageweise, damit die Glaubenswahrheiten umso besser erfasst und im Leben des Christen nachvollzogen werden können. Wie die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute bemerkt, haben insbesondere die Theologen die Aufgabe, „nach einer geeigneteren Weise zu suchen, die Lehre des Glaubens den Menschen ihrer Zeit zu vermitteln“ (Gaudium et spes 62, 2). Die Offenbarung Gottes ist aber nicht menschlicher Verfügungsmacht anheimgestellt, sondern liegt dem Lehramt voraus und ist jedem Amtsträger in der Kirche übergeordnet.

Zur Sicherung der Authentizität der kirchlichen Lehre können auch rechtliche Mittel beitragen. Rechtliche Aspekte betreffen vor allem die Bevollmächtigung des Verkündigenden und die Vorgehensweise bei Konflikten. Beide Gesetzbücher der katholischen Kirche, der Codex Iuris Canonici (CIC) für die katholische Kirche des Westens und der Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium (CCEO) für die katholischen orientalischen Kirchen, regeln Fragen der Verkündigung in ausführlicher Weise. Mit solchen Fragen befasst sich der Kölner Priester Christoph Ohly in seiner „rechtssystematischen Studie zur Gestalt von Predigt und Katechese im Kanonischen Recht“, die kürzlich unter dem Titel „Der Dienst am Wort Gottes“ erschienen ist und mit der er im Habilitationsverfahren am „Klaus-Mörsdorf-Studium für Kanonistik“ in München seine Befähigung für das Amt des Professors für Kirchenrecht nachgewiesen hat. Die Bedeutung der gewählten Thematik geht deutlich daraus hervor, dass sich auch die diesjährige Bischofssynode mit dem Thema „Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche“ befasst.

Das Verkündigungsrecht – zentraler Teil der Rechtsordnung

Ebenso wie die Feier der Sakramente und auch – wie man nach der Enzyklika Papst Benedikts XVI. „Deus caritas est“ ergänzen muss – die karitative Tätigkeit der Kirche stellt die Verkündigung des Wortes Gottes einen der Wesensvollzüge der Kirche dar. Das heißt: Die Kirche ist in ihrem Wesen nichts anderes als der Ort der Wortverkündigung, der Sakramentenfeier und der Caritas. Das Verkündigungsrecht stellt somit einen zentralen Teil der rechtlichen Ordnung der Kirche dar. Hieraus hat sich Ohly jenem Abschnitt der kirchlichen Gesetzbücher zugewendet, der überschrieben ist mit dem Titel „Dienst am Wort Gottes“ (cc. 756–780 CIC; cc. 607–626 CCEO). Konkret geht es um Predigt und Katechese, die beiden Formen kirchlicher Verkündigung, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil „immer den ersten Platz einnehmen“ (Christus Dominus 13, 3). Dieses Thema behandelt Ohly in drei Schritten: In einem ersten Teil stellt er die theologischen Grundlagen für den Dienst am Wort Gottes dar, der zweite Teil hat die Entstehung der Normen zu Predigt und Katechese zum Gegenstand, während der dritte, weitaus umfangreichste Teil systematische Erörterungen zum geltenden Recht bietet.

Wert legt Ohly auf eine exakte Rechtssprache, denn von der Klarheit der Sprache hängt ab, ob die Normen verstanden und befolgt werden. In dieser Hinsicht schlägt Ohly auch einige gut begründete Verbesserungen vor ebenso wie neue Regelungen für die kirchlichen Gesetzbücher beziehungsweise eine Neufassung bestehender Normen. So hält er, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Regelung zur Präsenz der Kirche im Internet für erforderlich. Ob sich diese Vorschläge durchsetzen können, wird man abwarten müssen – allzu optimistisch kann man in dieser Hinsicht nicht sein.

Für die am kirchlichen Leben Interessierten von größter Bedeutung ist sicher das, was auf über 200 Seiten über die Predigt gesagt wird, denn die (sonntägliche) Predigt ist jene Verkündigungsform, bei der „eine Großzahl der Gläubigen ... erreicht wird“ (S. 450). Hierbei nimmt die Frage der Laienpredigt als eines der in der pfarrlichen Praxis im deutschsprachigen Raum wichtigeren Probleme viel Platz in der Abhandlung von Ohly ein (S. 505–617). Nur dieser Frage soll hier etwas nachgegangen werden, wobei einzuräumen ist, dass dieses Thema nicht überall auf der Welt von Bedeutung für das Leben der katholischen Kirche ist. Im Ergebnis kommt Ohly zu der Ansicht, dass die Predigt von Laien in der Eucharistiefeier seit dem CIC von 1983 entgegen allen bis dahin geltenden Sonderregelungen ausnahmslos verboten ist (vgl. S. 611, 777 f.); das gilt auch für Kindermessen. Für die Beteiligung von Laien an der Verkündigungstätigkeit der Kirche bestehen andere Möglichkeiten, zum Beispiel in der religiösen Kindererziehung und in der katechetischen Tätigkeit.

Wenn jedoch als theologische Begründung für das Verbot der Laienpredigt in der Eucharistiefeier darauf hingewiesen wird, dass es um die Einheit des Kultaktes gehe, müsste konsequenterweise immer der Zelebrant beziehungsweise einer der Konzelebranten predigen und es wäre eigentlich unmöglich, dass ein nicht (kon-)zelebrierender Priester oder ein Diakon predigt.

Die dem Priester mit der Weihe verliehene Befähigung zur Repräsentation Christi, insofern Christus das Haupt der Kirche ist, kann ebenfalls als Begründung für die rechtliche Zulässigkeit der Predigt des Diakons nicht herangezogen werden, der ja nicht zum Priestertum, sondern zur Dienstleistung geweiht wird. Im Unterschied zum Priester, der Christus als das Haupt der Kirche repräsentieren kann, verkündigt der Diakon in Vertretung Christi, des Dieners der Kirche, worauf Ohly hinweist (S. 57). Die in den kirchlichen Gesetzbüchern festgelegte Reservation der Homilie, das heißt der Predigt in der Eucharistiefeier, für Priester oder Diakon scheint sich aus dem Wesen des geweihten Amtes zu ergeben. Ergibt sich aber aus dem Unterschied zwischen Priester- und Diakonenweihe nicht auch eine Konsequenz im Blick auf die Möglichkeit der Predigt des Diakons in der Eucharistiefeier? In dieser Frage ist sicher ein weiteres Nachdenken erforderlich, für das die Unterscheidungen, die Ohly hinsichtlich der Vollmacht von Bischof und Priester einerseits und Diakon andererseits vorgelegt hat, einen wertvollen Ansatzpunkt bieten.

Man muss Ohly beipflichten, dass durch verschiedene Instruktionen römischer Kongregationen die Einhaltung des die Laienpredigt untersagenden Gesetzes (c. 767 § 1 CIC) eingeschärft und so der Fristenlauf für die Entstehung von Gewohnheitsrecht unterbrochen worden ist – letztmalig durch die Instruktion „Redemptionis Sacramentum“ vom 25. März 2004. Dennoch besteht die gesetzwidrige Gewohnheit bezüglich der Laienpredigt fort. Das Hin und Her in dieser Frage im Sinne der Nichteinhaltung des Gesetzes auf pfarrlicher Ebene und seiner Einschärfung durch den Apostolischen Stuhl wird wohl noch länger weitergehen. Übrigens ist die Praxis hinsichtlich der Laienpredigt auch in vielen Pfarren in Österreich – trotz der eindeutig der gesetzlichen Lage entsprechenden Regelung der Österreichischen Bischofskonferenz zur Laienpredigt – nicht anders als in Deutschland, nämlich gesetzwidrig.

Ob im Fall von Priestermangel die Durchführung von priesterlosen Wortgottesdiensten mit – dann zulässiger – Laienpredigt wirklich eine Lösung darstellt, kann man in Frage stellen. Besteht nicht die Gefahr, dass der besondere Wert der Eucharistiefeier aus dem Blick gerät, wenn priesterlose Wortgottesdienste als „Ersatz“ für die Eucharistiefeier angeboten werden? Ohly zeigt in dieser Frage ein ausgewogenes Urteil (vgl. zum Beispiel S. 599). Allerdings gilt für diese Form von Gottesdiensten ebenso wie für die Teilnahme an Sonntagsgottesdiensten in Fernsehen oder Hörfunk: Ein Christgläubiger kann der Sonntagspflicht nur durch die Mitfeier der Eucharistie in räumlicher Anwesenheit nachkommen (vgl. cc. 1247, 1248 § 1 CIC). Eine „Ersatzlösung“ per „Fernsehmesse“ gibt es nicht – anders, als Ohly sagt (S. 664); dasselbe gilt für die Teilnahme am Wortgottesdienst. Für denjenigen jedoch, der wirklich nicht in der Lage ist, zur Messfeier zu gehen, besteht diese Verpflichtung nicht – gemäß dem Grundsatz, dass niemand zu etwas Unmöglichem verpflichtet ist. Für einen solchen Fall ist (lediglich) empfohlen, an einem Wortgottesdienst teilzunehmen oder sich eine gewisse Zeit lang dem persönlichen oder gemeinschaftlichen Gebet zu widmen oder eben auch, wie man ergänzen kann, eine Messe in Fernsehen oder Rundfunk „mitzufeiern“ (c. 1248 § 2 CIC). Damit wird die Sonntagspflicht nicht erfüllt; sie muss aber auch nicht erfüllt werden, wenn sie nicht erfüllt werden kann.

Kirchliches Recht und Glaube dürfen nicht auseinanderfallen

Die Ergebnisse der Studie werden dankenswerterweise auf wenigen Seiten zusammengefasst (S. 772–780). Ohly weist darauf hin, dass die Ergebnisse seiner Arbeit neben den wichtigen Fragen der Rechtssprache zu einem großen Teil Einzelfragen des kirchlichen Verkündigungsrechts betreffen, die jedoch alle so behandelt werden, dass die kirchlichen Rechtsnormen in einem engen Zusammenhang mit den ihnen zugrundeliegenden theologischen Erkenntnissen betrachtet werden. Die Interpretation, Anwendung und Weiterentwicklung der kirchlichen Rechtsordnung muss sich am Glauben orientieren und von ihm ausgehen. Hinter dieser Methodologie steht die Auffassung: Kirchliches Recht und Glaube dürfen nicht auseinanderfallen, denn das Kirchenrecht ist keine beliebige Ordnung, sondern muss sich strikt an der Sendung der Kirche und an ihrem Glauben ausrichten. Pragmatische Lösungen dagegen sind oftmals eher hinderlich als von Vorteil für die Kirche.

Christoph Ohly hat mit seiner Habilitationsschrift einen wichtigen Beitrag für die Auseinandersetzung mit den kanonistischen Fragen von Predigt und Katechese geliefert, den man nicht übersehen darf, wenn man sich künftig mit diesen Fragen befasst. Es wäre zu wünschen, dass die von ihm geforderte Klarheit in Fragen der kirchlichen Rechtssprache nicht nur in der Kirchenrechtswissenschaft, sondern auch von den kirchlichen Gesetzgebern beachtet wird. Richtungsweisend ist die von ihm gewählte Methode einer Theologie des Kirchenrechts, die – unbeschadet möglicher Kritik in einzelnen Fragen – anhand von Predigt und Katechese beispielhaft durchgeführt wird.

Zu Beginn seines Buches erklärt der Verfasser im Anschluss an eine Aussage des damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Kardinal Ratzinger aus dem Jahr 2002: „Das Wort Gottes ist kein Buch, keine theoretische Lehre und auch keine wissenschaftliche Abhandlung. Das Wort Gottes ist eine Person: Jesus Christus, der selbst das lebendige Wort Gottes ist und sich sozusagen in den Wörtern der Schrift auslegt, die aber umgekehrt immer nur im Leben mit ihm, in der lebendigen Beziehung zu ihm verstanden werden können‘“ (S. 2). Das vorausgesetzt, muss das Recht der Kirche in erster Linie dazu beitragen, dass die Menschen diesem lebendigen Wort Gottes begegnen können. Wer auch immer in der Kirche die Aufgabe der Lehre hat – gleich ob Bischof, Priester, Diakon oder Laie, gleich ob Prediger, Katechet, Missionar, Religionslehrer oder auch Theologieprofessor –, muss darauf bedacht sein, nicht nur in seiner Lehre, sondern auch und vor allem in seinem Leben Zeuge für Jesus Christus zu sein. Zu dieser Zeugenschaft ist jeder Christ berufen. Das ist der Sinn der Lehre vom gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen, welche die Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche „Lumen gentium“ mit folgenden Worten erläutert: „Die Gläubigen hingegen wirken kraft ihres königlichen Priestertums an der eucharistischen Darbringung mit und üben ihr Priestertum aus im Empfang der Sakramente, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe“ (Art. 10, Abs. 2). Wenn es gelänge, die Glaubwürdigkeit des Wortes Gottes durch das Leben seiner Zeugen zu bestätigen, dürfte auch eine Möglichkeit zu finden sein, die eingangs erwähnte Spannung zwischen Relevanz und Authentizität des christlichen Glaubens auszuhalten.