Kirchenaustritte in Deutschland: Auf dem Weg zum neuen Negativrekord?

Aktuelle Zahlen lassen eine neue Höchstzahl an Kirchenaustritten in Deutschland vermuten. Von Kilian Martin

Der Kirche den Rücken kehren
Erste vorab gemeldete Zahlen zeigen, dass im Jahr 2018 deutlich mehr Menschen die katholische Kirche verlassen haben als in den Jahren zuvor. Foto: dpa
Der Kirche den Rücken kehren
Erste vorab gemeldete Zahlen zeigen, dass im Jahr 2018 deutlich mehr Menschen die katholische Kirche verlassen haben als... Foto: dpa

Zur gelebten Ökumene in Deutschland zählt seit Jahren ein Akt gemeinschaftlichen Leidens von Katholiken und Protestanten: Jedes Jahr im Juli laden Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zeitgleich zur Vorstellung ihrer Jahresstatistiken. Unter all den Daten und Fakten zum kirchlichen Leben der beiden Großkirchen interessiert sich die mediale Öffentlichkeit dabei vor allem für die jeweilige Zahl der Kirchenaustritte.

Der Termin dürfte gerade für die katholische Seite in diesem Jahr besonders schmerzhaft ausfallen. Darauf jedenfalls deuten erste Zahlen hin, die in den vergangenen Tagen publik wurden. So meldete das Justizministerium von Nordrhein-Westfalen einen sprunghaften Anstieg bei den Kirchenaustritten. Im einwohnerstärksten Bundesland hatten im vergangenen Jahr laut einem Bericht der „Bild“ 88 150 Menschen ihre rechtliche Mitgliedschaft in einer christlichen Kirche beendet. Gegenüber dem Vorjahr bedeute dies einen Anstieg von 22 Prozent. Obgleich das Ministerium die Zahl nur gesammelt für evangelische und katholische Kirche bekannt gab, dürfte der größere Teil der Austritte auf Katholiken entfallen, welche in NRW die Mehrheit der Christen bilden.

Bereits am Sonntag hatte die Münstersche Bistumszeitung „Kirche + Leben“ eine Rekordzahl an Kirchenaustritten für das Jahr 2018 prognostiziert. Nach Recherchen des Blatts könnten im vergangenen Jahr demnach über 12 000 Katholiken aus der Diözese Münster ihren Austritt erklärt haben – ein Anstieg von mehr als 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diese Prognose stützt sich auf Stichproben bei lokalen Behörden, die allesamt ähnliche Steigerungsraten gemeldet hätten. So war die Zahl der Austritte allein in der Stadt Münster selbst von 1 035 im Jahr 2017 auf 1 428 im Jahr 2018 gestiegen.

Diese Entwicklung zeichnet sich unterdessen auch außerhalb Nordrhein-Westfalens ab. So zum Beispiel in der größtenteils zum Bistum Limburg gehörenden Stadt Frankfurt am Main. Bedingt vor allem durch den Zuzug vieler ausländischer Katholiken sei die Gesamtzahl der Gläubigen dort in den vergangenen Jahren zwar relativ stabil und habe bis 2015 sogar zugenommen, wie Stadtdekan Johannes zu Eltz in der vergangenen Woche erklärte. Die Austritte hätten jedoch auch dort massiv zugenommen. Im vergangenen Jahr hätte er in der Dompfarrei St. Bartholomäus fast 700 registriert, wie zu Eltz gegenüber der „Tagespost“ erklärte. Im Jahr 2016 zählte die Dompfarrei noch 421 Abmeldungen. Selbst im Jahre 2014, dem Jahr mit den bisher meisten Austritten aus der katholischen Kirche in Deutschland, lag die Zahl in Frankfurt mit 507 noch deutlich niedriger als im zurückliegenden Zeitraum.

Dass die Zahl der tatsächlich erklärten Austritte in Zukunft noch höher ausfallen könnte, deuten nun auch die Ergebnisse einer neuen Studie an. Bereits im Jahr 2017 hatten Sozialwissenschaftler des Heidelberger Sinus-Instituts unter deutschen Katholiken eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Demnach hatten 41 Prozent von ihnen bereits über einen Kirchenaustritt nachgedacht. Sieben Prozent waren zum Zeitpunkt der Umfrage sogar „fest entschlossen“, der Kirche den Rücken zu kehren. Immerhin jeder Fünfte denke zwar hin und wieder über einen Austritt nach, bleibe dann aber trotzdem in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche. Ziel der von der katholischen Unternehmensberatung MDG und dem Erzbistum München und Freising beauftragten Studie war es, Motive der Kirchenbindung von Katholiken zu ermitteln.

Diese Frage beschäftigt Verantwortliche in der Kirche bereits seit Jahren. So hatte schon eine Anfang vergangenen Jahres veröffentlichte Untersuchung im Bistum Essen versucht, den Gründen nach dem Kirchenaustritt nachzuspüren. Damals hatte jeder zehnte Befragte erklärt, dass Skandale um Missbrauch oder Kirchenfinanzen ihn zum Austritt aus der Kirche bewogen hätten.

Dieses Motiv dürfte im vergangenen Jahr erneut eine große Rolle gespielt haben. Mit Blick auf die jüngsten Zahlen aus Nordrhein-Westfalen betonte dies auch Kardinal Rainer Maria Woelki. „2018 war ein sehr dunkles Jahr, in dem das Vertrauen in die Kirche schwer erschüttert wurde“, sagte er gegenüber der „Bild“. Der Kölner Erzbischof nannte es als erklärtes Ziel, das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen, etwa indem „Fehler der Vergangenheit weiterhin schonungslos und konsequent“ aufgearbeitet würden. Nur so sei die Kirche in ihrer Kernaufgabe glaubhaft: „die Verkündigung der frohen Botschaft Jesu Christi“.