Kinder dürfen um alles bitten

Betrachtungen zum Vaterunser: Die Anrede „Vater“ – Teil I. Von Klaus Berger

Das Vaterunser ist im ältesten Christentum stets als das Gebet Jesu überliefert, und zwar von Matthäus (Mt 6, 9–13) und Lukas (Lk 11, 2–4) und außerhalb des Kanons in der Lehre der Zwölf Apostel (Didache). Die heilige Teresa von Avila (1515–82) sagt von diesem Gebet: „Ich muss staunen, wie in so wenigen Worten die ganze Kontemplation und alle Vollkommenheit inbegriffen ist, so dass es scheint, wir bedürften keines andren Buches und brauchten nur dieses Gebet zu studieren.“

Gott, wir dürfen es wagen, dich mit „Vater“ und mit „Du“ anzureden. Jesus hat uns das vorgemacht. Und mit ihm zusammen sind wir deine Kinder. Niemandem, der Jesus auch nur ein wenig kennt, wird es einfallen, von dir als einem „Es“ zu reden wie von Holz, Eisen oder Stroh. Du bist vielmehr „mindestens so etwas wie eine Person“, denn wir können mit dir reden und du zu uns.

Jüdische Gebete aus der Zeit Jesu beginnen oft mit den Worten „Unser Vater“, und vom Lobpreis deines Namens, vom Offenbarwerden deines Reiches, von der Bitte um Sündenvergebung und Befreiung ist oft die Rede. Doch eines kennt kein jüdisches Gebet: Dass man direkt nacheinander sagt „Unser Vater“ und „Dein Reich komme“. „Unser Vater“ sagt man zwar, aber nicht in Verbindung mit dem Reich. Denn das ist das Besondere der Botschaft Jesu: Dass wir Kinder eines Vaters sind, der König über ein Reich ist. Königskinder, so wie Jesus dein Königssohn ist. Man hat oft gefragt, wie denn Jesu Botschaft vom Reich Gottes, die man für das Ursprünglichste ansah, zusammenhängen könnte mit dem Glauben an Jesus als deinen Sohn. Dieses Gebet gibt die Antwort: Die Verbindung von Reich und Kindschaft, von „unser Vater“ und „Dein Reich komme“ ist das eigentlich Christliche. Jesus ist dein Sohn, unser älterer Bruder. Deshalb ist das ein typisch christliches Gebet. Und das bedeutet übermütige Freiheit. Gegenüber dem König der Welt sind Prinzen nicht Untertanen, sondern Kinder. Untertanen müssten Angst haben, Kinder dürfen um alles bitten. Untertanen konnte man verkaufen, zum Beispiel als Soldaten. Kinder begleitet man mit Sorgen das ganze Leben. Und schon die Philosophen haben gesagt, die Anhänglichkeit der Eltern gegenüber den Kindern sei in der Regel stärker als die der Kinder gegenüber den Eltern.

Dich Vater nennen: Der Vergleichspunkt ist nach der Bibel nicht die männliche Sexualität, auch nicht ein patriarchalisches System. Sondern wir Menschen verdanken dir das Leben und den Unterhalt. Aber gilt das für jede Mutter nicht noch mehr? Doch Mütter gebären Kinder, und das tust du nicht. Mütter gebären, du aber bist der Schöpfer. Bei den Müttern ist das Natur, bei dir ist das ganz anders als Natur, nämlich Erwählung. Weil du nicht gebierst und dennoch Unterhalt gewährst, bist du einem Vater vergleichbar, aber nur in diesem Punkt. Von dir so zu reden bedeutet für die Bibel nicht einfach Verlängerung der Familiengeschichten in den Himmel hinein. Unter all den sogenannten Göttern hast nur du, der Gott Israels, keine Göttin an deiner Seite. Denn Sexualität und Kinder zeugen ist nicht göttlich, sondern kreatürlich. Eine Person aber, die Mann und Frau zugleich ist, können wir uns nicht denken. Denn bei Sprache hören wir immer die Stimme mit. Deshalb sprechen wir weiter von dir als dem himmlischen Vater und meinen es nicht sexistisch. Gleichzeitig weiß ich, dass in der Bibel wie in der Kirche eine Frau immer Repräsentantin der Menschheit war, bis hin zu Maria. Und wir haben gehört, dass ein Vater nur in ganz bestimmter Hinsicht mit dir zu vergleichen ist. So wie wir früher Rätselfragen aufstellten: was ist das für eine Person, sie gebiert nicht und ist doch unterhaltspflichtig? Antwort: Das ist ein Mann, und in dieser Hinsicht ist er mit dir, Gott, vergleichbar.