Keine katholische Nabelschau

Was Münsters Bischof Felix Genn vom Katholikentag erwartet. Von Regina Einig

Felix Genn
Bischof Felix Genn. Foto: KNA
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Bischof Felix Genn. Foto: KNA

Exzellenz, an der Einladung des kirchenpolitischen Sprechers der AfD auf ein Podium des Münsteraner Katholikentags scheiden sich die Geister. Wie beurteilen Sie diese Debatte?

Die Frage, wie man als Veranstalter mit Rechtspopulisten umgehen sollte, ist nicht einfach zu beantworten. Denken Sie etwa nur an die jüngsten Diskussionen auf der Leipziger Buchmesse. Und bei einer kirchlichen Großveranstaltung stellt sich die Frage umso mehr, vertreten die Rechtspopulisten doch in zentralen Fragen rassistische und menschenverachtende Positionen, die mit dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar sind. Dennoch können und dürfen wir eine Partei, die bei der letzten Bundestagswahl 12, 6 Prozent der Stimmen gewonnen hat, nicht einfach ignorieren; das ist viel zu lange geschehen und hat die Partei mit stark gemacht. Machen wir mit der Einladung diese Partei aber nicht hoffähig, wie Kritiker sagen? Nein. Wenn man sich nur einmal die Debatten der letzten Wochen im Bundestag anschaut, sieht man, dass es immer wieder Politikern anderer Parteien gelingt, die Rechtspopulisten zu demaskieren und sie argumentativ in ihre Schranken zu verweisen. Darum geht es. Im Übrigen kann ich mich nicht für einen pluralistischen Diskurs und für kontroverse Diskussionen auf einem Katholikentag einsetzen und dann den Vertreter einer Gruppe ausschließen. Ich will andere, die Positionen vertreten, die nicht unseren Vorstellungen entsprechen, nicht mit den Rechtspopulisten vergleichen, aber wo ziehen wir dann die Grenze? Solange eine Partei nicht verboten wurde, müssen und sollten wir uns der argumentativen Auseinandersetzung mit ihren Vertretern stellen.

Immer weniger Gottesdienstbesucher, weniger Interesse an Taufen und kirchlichen Trauungen ... warum sollten sich kirchenferne Zeitgenossen von einem Katholikentag angesprochen fühlen?

Ich bin überzeugt, dass sich nicht nur „kirchenferne Zeitgenossen“ vom Katholikentag in Münster ansprechen lassen, sondern natürlich auch viele „kirchennahe Zeitgenossen“… denn von denen gibt es trotz aller Rückgänge immer noch sehr viele. Wer einen Blick in das umfangreiche Programm des Katholikentags wirft, der kann aus meiner Sicht gar nicht anders, als sich angesprochen fühlen. Alle Menschen, denen die Zukunft unserer Gesellschaft und Kirche wichtig ist, finden beim Katholikentag spannende Veranstaltungen. Alle Menschen, die kulturinteressiert sind, finden beim Katholikentag ein hochkarätiges Programm. Und nicht zuletzt: alle Menschen, denen der Glaube Halt und Orientierung gibt, aber auch diejenigen, die Anfragen an Kirche und Glauben haben, finden beim Katholikentag Angebote, die nicht besser sein könnten.

Welche Programmpunkte interessieren Sie besonders?

Als gastgebender Bischof kann ich mir mein Programm nicht selbst aussuchen. Das wäre angesichts der bereits genannten Vielfalt großartiger Programmpunkte auch schwierig. Ich selbst freue mich beim Katholikentag vor allem auf die Begegnungen mit vielen Menschen und auf die Feier der Gottesdienste. Mir und uns als Gastgeber war es zudem wichtig, dass der Katholikentag familienfreundlich wird. So können wir dank des großartigen Einsatzes von fast 200 angehenden Erzieherinnen und Erziehern unserer Berufskollegs eine umfangreiche Kinderbetreuung anbieten. Und einen inhaltlichen Aspekt möchte ich noch betonen: Ich werde gemeinsam mit dem Präsidenten des Zentralkomitees an einer christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier teilnehmen. Angesichts eines anscheinend wieder wachsenden Antisemitismus setzen wir auch damit ein Zeichen gegen Judenhass und für einen friedlichen Dialog der Religionen.

Das Leitwort des Katholikentags lautet: Suche Frieden. Wie würden Sie die Linien von dort aus in den kirchlichen Alltag ausziehen? Und welche Botschaft sollte konkret an Politiker ergehen?

Der kirchliche Alltag ist kein isolierter. Kirche steht, oder sollte zumindest stehen, mitten im Leben. Das Leitwort ist der Heiligen Schrift entnommen (Psalm 34, 15). Gottes Botschaft an die Menschen ist eine Friedensbotschaft. Im Kontext des Leitworts macht der Psalmbeter deutlich, dass Gott ihn in seiner Not gehört hat und ihm nahe gewesen ist. Gott war für ihn ansprechbar, hat ihm geholfen, ihn errettet und erlöst. Darauf gründet sich seine Hoffnung, das macht ihm Mut. Kann das nicht auch für uns eine ermutigende Botschaft sein? Auch wir können darauf vertrauen, dass Gott hört, wie sehr wir nach Frieden für uns, für unsere Kirche und unsere Welt suchen. Und das kann auch für Politiker Mut machend sein. Mut, Entschlossenheit und ein klares ethisches Koordinatensystem brauchen unsere Politiker angesichts einer Welt, die anscheinend immer mehr aus den Fugen gerät und angesichts einer Weltgemeinschaft, die dem machtlos gegenüber steht. Wir dürfen Konflikte wie in Syrien nicht tatenlos hinnehmen. Das Leid der Menschen dort, aber auch an vielen anderen Stellen ist unvorstellbar.

Die halbleeren Hallen von Leipzig sind vielen Katholikentagsbesuchern noch in Erinnerung. Inwieweit fallen Besucherzahlen in Ihren Augen überhaupt ins Gewicht?

Ich glaube ehrlich gesagt gar nicht, dass die Hallen in Leipzig überwiegend halbleer waren. Für Münster mache ich mir da auch keine Sorgen, die Anmeldezahlen sind bislang sehr gut. Wenn wir jetzt noch alle zusammen für gutes Wetter beten, wird der Katholikentag sicher, auch was die Besucherzahlen angeht, ein Erfolg.

Die niedrigen Besucherzahlen in Leipzig fielen aber so auf, dass Kardinal Lehmann erklärte, man werde das Phänomen sorgfältig untersuchen müssen. Er nannte als mögliche Ursachen nicht nur die übliche Verdrossenheit, sondern auch „ein Stück weit Hoffnungslosigkeit". Manche Menschen zögen sich von aktuellen Themen wohl zurück. Können Sie diese Sorge nachvollziehen?

Kardinal Lehmann wird sicher persönliche Erfahrungen gemacht haben, die ihn zu dieser Aussage veranlasst haben. Ich habe das so in Leipzig nicht erlebt. Ich sehe auch nicht – vielleicht hängt das mit der seit Leipzig schon wieder sehr veränderten weltpolitischen Situation zusammen – dass die Menschen sich von aktuellen Themen zurückzögen.

Der Verdruss an der Politik sitzt tief bei vielen katholischen Gläubigen, man denke nur an die Debatte um das C in den Unionsparteien. Wie kann ein Katholikentag das Feuer für das gesellschaftspolitische Engagement neu entfachen?

Auch hier glaube ich nicht, dass es um das gesellschaftspolitische Engagement so schlecht steht, wie Sie meinen. Wenn ich sehe, wie sich die Menschen im Bistum Münster etwa in der Flüchtlingsfrage engagiert haben und immer noch engagieren, dann kann ich nicht oft genug sagen, wie großartig ich das finde und wie sehr es mich auch berührt. Mit großer Dankbarkeit denke ich auch an die vielen Frauen und Männer, die sich bei der Vorbereitung des Katholikentages engagiert haben. Für mich hat etwa die Bereitschaft, sich als Helfer zur Verfügung zu stellen, möglicherweise dafür eigens Urlaub zu nehmen oder die Bereitschaft, Gäste in private Wohnungen aufzunehmen, genau mit dem zu tun, was uns Jesus ans Herz legt: Für andere da zu sein.

Nach Leipzig, wo Nightfever und Bibelteilen mehr Besucher anzog als manches politische Podium – befürchten manche eine Spiritualisierung des Katholikentags. Wie sehen Sie das?

Wenn Sie das den ehemaligen Spiritual eines Priesterseminars fragen, wird Sie die Antwort nicht verwundern: Wie kann man denn eine Spiritualisierung befürchten? Ihre Frage unterstellt einen Gegensatz zwischen Spiritualität und politischer Diskussion. Den gibt es so aber nicht, ganz im Gegenteil.

Wenn es diesen Gegensatz so nicht gibt, wie erklären Sie sich, dass eine überkonfessionelle Debatte in Deutschland darüber aufkommen konnte, wie politisch bzw. unpolitisch Predigten in Deutschland sein dürfen?

Diese Frage und die „Debatte“ hat aber doch nichts damit zu tun, dass der Katholikentag natürlich sowohl ein geistig-spirituelles als auch ein politisches Ereignis ist. Auch im Blick auf die Predigten halte ich das für eine Scheindebatte. Jede Predigt ist politisch, betrifft die Verkündigung doch immer auch das Zusammenleben der Menschen und damit das Gemeinwesen, die polis.

Dass die mit mehr als 800 Millionen verschuldete Stadt Münster den Katholikentag mit knapp einer Million Euro bezuschusst sieht nicht jeder Bürger ein. Wie antworten Sie Kritikern, die meinen, die Kirche solle ihre Katholikentage angesichts sprudelnder Kirchensteuern selbst finanzieren?

Ich verstehe, dass es für Menschen auch in Münster nicht selbstverständlich ist, dass die Stadt eine Veranstaltung wie den Katholikentag finanziell unterstützt. Umso wichtiger ist es, solchen Anfragen mit Argumenten zu begegnen: Alle seriösen Untersuchungen – auch wenn kämpferische Atheisten das anders behaupten – belegen, dass ein Katholikentag sich für eine Stadt auch finanziell rechnet. Zudem kann eine Stadt einen enormen Imagegewinn erzielen, der sich finanziell kaum bemessen lässt. Schließlich übersehen viele noch immer, dass der Katholikentag keine katholische Nabelschau ist, sondern eine Veranstaltung, die für unsere Gesellschaft insgesamt von hoher Relevanz ist.

Kommunikationswissenschaftler wie Mark Eisenegger raten der Kirche, ihre Botschaft „mutiger nach außen tragen und sich stärker in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen“: Viele Programmpunkte des Katholikentags lassen aber eher eine unzufriedene Nabelschau erwarten und dienen als Ventile für den Frust über die Institution. Wie kann die Kirche aus diesem Dilemma herauskommen?

Ihre Wahrnehmung stimmt aus meiner Sicht nicht und von daher sehe ich da auch gar kein Dilemma. Der Katholikentag tut genau das, was Herr Eisenegger fordert; wir tun das im Übrigen auch jeden Tag als katholische Kirche im Bistum Münster.

Bei der Lektüre des Programms entsteht aber der Eindruck, dass katholische Perlen im Acker vergraben werden. Beispiel Zölibat: Unter dem Stichwort „Zölibat“ stößt der interessierte Leser im Programm als erstes auf die Ehefrauen verheirateter Priester, die ihr Amt aufgegeben haben. Warum nicht auf jene, die diese Lebensform als Reichtum erleben und dankbar für ihre Berufung sind? Beispiel Dialog der Geschlechter: Was versprechen Sie sich von Veranstaltungen wie „Bringen Frauen die Männer um ihre Aufstiegschancen“?

Der Katholikentag ist keine Veranstaltung, die die Gesamtheit der Lehre der Kirche darstellen soll oder kann. Pluralismus erfordert, und das wünsche ich mir auch, den Dialog zuzulassen. Es ist ein Unterschied, ob die offizielle Glaubenslehre im Gottesdienst oder einer anderen „lehramtlichen“ Diskussion verändert oder „verunglimpft“ wird, oder ob wir in einer Diskussion darüber sprechen und Menschen ihre Sorgen und Nöte mitteilen. Die erste Aufgabe des Hirten ist es nicht, die Schafe zu maßregeln, sondern sie zu hüten. Natürlich frage ich mich manchmal, was dieser oder jener Programmpunkt bedeutet und ob alle Schwerpunkte richtig gesetzt sind. Sicherlich werden die Veranstaltungen rund um die Berufungspastoral das Thema Zölibat aufgreifen. Selbstkritisch möchte ich zu diesem Thema anfügen: Wir müssen von einer Bewältigungskultur, die sagt, wie der Zölibat in die einzelne Persönlichkeit zu integrieren ist, hin zu einer Verkündigung dessen, was hinter dem Versprechen steht. Es ist ein Zeichen der Hingabe an Christus, den Herrn, um des Himmelreiches willen. Was für ein starkes Zeichen!

Münster ist die Stadt des Westfälischen Friedens. Welche katholische Persönlichkeit aus jener Zeit legen Sie historisch interessierten Katholikentagsbesuchern besonders an Herz? Wer könnte uns heute ein besonderes Vorbild sein?

Wenn Sie gezielt nach dem Westfälischen Frieden fragen, fällt mir eher eine weltliche Persönlichkeit ein, nämlich der Minister von Kaiser Ferdinand III., Maximilian von und zu Trauttmansdorff. Er war zum Katholizismus konvertiert. Historiker halten ihn für den Schöpfer des Friedens, weil es ihm mit sehr viel Geschick gelang, richtungsweisende Kompromisse auszuhandeln. In diesen Verhandlungen spielten bekanntlich die Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen und vor allem die Frage der freien Glaubensübung eine zentrale Rolle. „Suche Frieden und jage ihm nach“: Trauttmansdorff hat sich dieses Motto bei den Verhandlungen, teilweise im wahrsten Sinne des Wortes, zu eigen gemacht. Auch heute bräuchten wir an vielen Stellen unserer Welt einen Trauttmansdorff.