Kein gemeinsamer Standpunkt

Medien: Polnische Bischöfe lehnen Vorschlag von Kardinal Marx ab, sich vor der Familiensynode im Oktober 2015 miteinander abzustimmen

Warschau (DT) Auf der Website „National Catholic Register“ berichtet der Journalist Edward Pentin in einem Artikel vom 15. Mai über einen Vorstoß des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz mit Blick auf die Familiensynode. Anfang Mai soll Kardinal Reinhard Marx polnischen Bischöfen, die zu den Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau nach München gereist waren, während des Essens vorgeschlagen haben, bei einem Treffen der deutschen und polnischen Bischofskonferenz in Berlin „auf einen Konsens hinzuarbeiten“ hinsichtlich einer gemeinsamen Position. Dieser Vorschlag, so Pentin, der sich auf „gut informierte Quellen“ beruft, sei von den polnischen Bischöfen „zurückgewiesen“ worden.

Auch in der Warschauer Kirchenzeitschrift „Idziemy“, die in verschiedenen polnischen Diözesen erscheint, wird über den Vorgang in einem umfangreichen Artikel berichtet. Nach Darstellung des Blattes soll sich die Episode allerdings schon Ende April zugetragen haben.

„Keinen Zweifel an

ihrer Treue

zur Lehre des heiligen Johannes Paul II.“

So berichtet der „Idziemy“-Chefredakteur Pfarrer Henryk Zielinski, der zu den Hauptinitiatoren der Pilgerreise zählt, an welcher fast 740 polnische Geistliche und Bischöfe teilnahmen, darunter KZ-Überlebende und Angehörige von Opfern, in dem Artikel „Zabraklo papieza Franciszka“ (deutsch: Es fehlte Papst Franziskus) in der Ausgabe vom 10. Mai 2015, dass Kardinal Marx bei seiner Predigt im Freisinger Dom daran erinnert habe, dass die Nazis versucht hätten, die im Konzentrationslager Dachau inhaftierten Geistlichen aus Polen und Deutschland gegeneinander aufzuhetzen. Eine solche Uneinigkeit dürfe es nicht mehr geben. Zielinski schreibt dazu kommentierend: „Wie diese Einheit zu verstehen ist, hat sich aber bald auf andere Weise gezeigt, als nämlich Kardinal Marx in seiner Residenz den polnischen Bischöfen ein Treffen in Berlin vorgeschlagen hat, um vor der Herbstsynode über die Familie den Standpunkt abzustimmen. Im verborgenen Sinn ging es hier darum, einen der Hauptverteidiger der Unauflöslichkeit der Ehe bei der vorjährigen Synode, Erzbischof Gadecki, von dem Standpunkt zu überzeugen, den Kardinal Marx vertritt. Dies umso mehr, da auch die Zusammensetzung der diesjährigen polnischen Synoden-Delegation mit Erzbischof Gadecki, Erzbischof Hoser und Bischof Watroba keinen Zweifel an ihrer Treue zur Lehre des heiligen Johannes Paul II. lässt.“

Des weiteren geht Zielinski in dem Artikel kritisch auf den Umstand ein, dass bei der Feier im Freisinger Dom lediglich Kardinal Marx die deutsche Kirche vertreten hätte. Viele polnische Teilnehmer hätten dies als „ernsthaften Mangel“ an Interesse am deutsch-polnischen Versöhnungsprozess gewertet. „Die Anwesenheit bei diesem Gottesdienst von fast der Hälfte der polnischen Bischofskonferenz und mehreren hundert Priestern gegenüber einer mangelnden richtigen Vertretung der deutschen Geistlichen zeigt die Einseitigkeit des ganzen Prozesses“, so der Autor des „Idziemy“-Artikels.

„Eine lange

Schlange für

einen Löffel

Gulasch“

„Das hektische Mitnehmen der Mehrheit der Bischöfe zur Residenz von Kardinal Marx, wodurch sie von den Priestern und Laien beim Mittagessen getrennt wurden, war eine schlechte Idee“, schreibt Zielinski weiter. „Das umso mehr, wenn wir den Ort und den Kontext der Wallfahrt berücksichtigen. Unter den Laienmitgliedern waren auch Alte und Kranke, Ex-Häftlinge des KZs Dachau. Diese in eine lange Schlange für einen Löffel Gulasch zu stellen, war von der Seite der deutschen Organisatoren eine Idee, die schlimmste Assoziationen geweckt hat.“

Das Konzentrationslager Dachau wurde am 29. April 1945 von amerikanischen Soldaten befreit. Mit mehr als 40 000 Inhaftierten bildeten polnische Häftlinge die größte Gefangenengruppe. 8 332 dieser Gruppe kam in Dachau ums Leben, zumeist nach brutalen Arbeitsdiensten im Dachauer Kräutergarten, der sogenannten „Plantage“, schlechter Ernährung und pseudo-medizinischen Experimenten. Insgesamt wurden im Konzentrationslager Dachau 1 034 Geistliche aus verschiedenen europäischen Ländern ermordet, darunter bildeten 868 polnische Priester, von denen inzwischen 45 seliggesprochen wurden, die größte Opfergruppe.

Im Herbst dieses Jahres jährt sich das Schreiben der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder, das nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, der mit dem Überfall auf Polen begonnen hatte, nicht nur den Dialog zwischen beiden Bischofskonferenzen einleitete, sondern auch wesentlich zur Versöhnung zwischen der Bundesrepublik und Polen beitrug. Berühmt ist der in dem Brief enthaltene Satz: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“