STEPHAN HAERING OSB.

„Kein beliebiger leitender Funktionär“

Der Münchner Kirchenrechtler Stephan Haering OSB ordnet den Fall Limburg kirchenrechtlich ein. Von Regina Einig

Stephan Haering OSB. Foto: KNA
Stephan Haering OSB. Foto: KNA
Herr Professor Haering, ist eine öffentliche Debatte in dem Ausmaß, wie sie derzeit über den Bischof von Limburg geführt wird, von juristischer Warte aus betrachtet relevant? Geht von ihr Druck auf Rom aus, Dinge zügig zu entscheiden?

In der öffentlichen Diskussion ist das Thema „Limburg“ für viele, die sich zu Wort melden, ein willkommener Anlass, Kritisches zur katholischen Kirche zu sagen, auch ohne genaue Kenntnis von Sachverhalten. Und das erfährt dann in der Öffentlichkeit gern und leicht Aufnahme, weil Klischees bedient werden. So entsteht ein medialer Hype. Man könnte fast meinen, wir seien mit einer großen Naturkatastrophe konfrontiert. Für die rechtliche Bewertung der Angelegenheit ist dergleichen unerheblich, aber es wird natürlich ein gewisser Druck erzeugt, zügig zu Ergebnissen und Entscheidungen zu kommen. Die Gründlichkeit der Untersuchung darf darunter auf keinen Fall leiden.

In Limburg sollen Baukosten überprüft werden, das kann dauern. Wäre es denkbar, dass ein Bischof eine Auszeit erhält, bis sich die Wogen geglättet haben?

Ein Bischof trägt Verantwortung für sein Bistum, die er nicht einfach selbst aussetzen kann. Er ist auch verpflichtet, sich im Bistum aufzuhalten; kirchenrechtlich spricht man von der Residenzpflicht. Der Papst könnte ihm aber eine solche Auszeit gestatten. Auch in dieser Phase aber müsste für eine geordnete Leitung des Bistums vorgesorgt werden.

Eine Apostolische Visitation wurde mehrfach als Lösungsversuch angesprochen. Was könnte ein solcher Visitator leisten?

Eine Apostolische Visitation würde es dem Papst ermöglichen, ein besonders unmittelbares und genaues Bild von der Situation im Bistum Limburg zu gewinnen. Der Visitator hätte die Befugnis, Einblick in die Verhältnisse aller Einrichtungen und Personen im Bistum zu nehmen. Über die gewonnenen Erkenntnisse würde er dann dem Papst und der Kongregation für die Bischöfe seinen Bericht erstatten. Entscheidungen infolge der Visitation lägen bei den römischen Verantwortlichen.

Wäre ein Koadjutor in Limburg denkbar? Welche Voraussetzungen müssen kirchenrechtlich für seinen Einsatz gegeben sein?

Es wäre auch denkbar, dass dem Bischof von Limburg ein Koadjutor oder ein Weihbischof mit besonderen Vollmachten beigegeben wird, wenn dies opportun erscheint. Die Entscheidung darüber liegt beim Papst.

Welche kirchenrechtlichen Kriterien können bei einem Konflikt wie dem Limburger helfen, eine gerechte Güterabwägung zu treffen zwischen dem Schaden für die Kirche und dem Schaden, den ein Rücktritt für das

Bischofsamt bedeuten würde?

Allein der Medien-Hype darf kein Anlass sein, dass ein Bischof aus seinem Amt gedrängt wird. Wenn er sich tatsächlich (strafrechtlich) etwas hat zuschulden kommen lassen oder seine persönliche Integrität auf andere Weise erheblich beeinträchtigt wäre, dann könnte er kaum weiter im Amt belassen werden. Sofern ein Bischof selbst aus schwerwiegendem Grund zu dem Schluss kommt, dass er sein Amt in der Diözese nicht mehr fruchtbringend ausüben kann, dann kann der Amtsverzicht eine angemessene Lösung sein, bei einem vergleichsweise jungen Bischof wohl verbunden mit der Versetzung auf eine andere Aufgabe. Jedenfalls ist ein Bischof kein beliebiger leitender Funktionär, den man so einfach austauscht oder der selbst leichthin sein Amt aufgeben darf. Bei der Übernahme des Bistums ist eine nicht nur rechtliche, sondern auch geistliche Verbindung zwischen dem Gottesvolk und seinem Hirten entstanden, die nicht ignoriert werden kann. Aus diesem Grund war übrigens in der alten Kirche die Translation von Bischöfen von einem Bistum auf das nächste verboten und sie ist auch heute kritisch zu betrachten.

„Kein beliebiger leitender Funktionär“
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