„Kein Tourismus, nur Gottesdienste und Gebete“

Die Legende vom „Allerheiligsten Christus“ in Burgos reicht zurück bis ins Mittelalter – „Tagespost“-Serie zum Jakobsweg (Teil VII) Von Andreas Drouve

„Lege deine Güte über die Missgunst. Mögen sich durch deine Hilfe alle Völker vereinen, möge sich über die ganze Welt das Reich deiner Rettung verbreiten, möge der Fluss deiner Gnade die Bosheit besiegen“, heißt es in einem Gebet, das die Gläubigen in Burgos voller Pathos an ihren „Santísimo Cristo“ richten, den „Allerheiligsten Christus“, dem in der Kathedrale Santa María eine eigene Kapelle mit ganz eigener Aura geweiht ist. Wer im Kathedralinnern neben dem Hauptportal die Kapelle betritt und sich vom Besuchergemurmel löst, das durch eine der größten Glaubensburgen Spaniens mäandert, fühlt sich in eine andere Welt versetzt. Endlich Stille. Endlich eine Oase der inneren Einkehr. „No turismo“, mahnt ein Schild am Zugang an. Kein Tourismus, nur Gottesdienste und Gebete. Doch es ist nicht nur die Friedensstimmung, die hinter der Glastür schlagartig in ihren Bann zieht. Es ist allein diese ungewöhnlich langgestreckte Struktur der Kapelle, die einer symbolischen Totenbahre gleichkommt und die Blicke wie magnetisch auf den Gekreuzigten richten lässt – und mit diesem Christus hat es etwas Besonderes auf sich!

Eine Legende aus dem Mittelalter verbürgt, dass sich einmal ein frommer Kaufmann aus Burgos auf Handelsreise in ferne Länder begab und die Augustiner vor seinem Aufbruch zum nächstgelegenen Hafen um Schutz auf See und gutes Gelingen seiner Unternehmungen bat. Dafür gab er ihnen sein Wort, ein Geschenk mitzubringen. In erfolgreiche Geschäfte verstrickt, vergaß der Kaufmann sein Versprechen. Erst als sein Schiff auf der Heimfahrt durch das Kantabrische Meer segelte, fiel es ihm wieder ein. Im selben Moment vernahm er den Ausruf des Wachhabenden, der einen seltsamen, länglichen Gegenstand gesichtet hatte, der in der Ferne im Wasser trieb. Beim Näherkommen war eine große Kiste zu erkennen, die einem Sarg glich. Einige Matrosen hievten sie an Bord. Als der Zimmermann sie öffnete, wich die Neugier der Umstehenden einer tiefen Ergriffenheit. Die Kiste barg eine Glasschatulle mit einem polychromierten, unversehrten Christusbildnis, wie es niemals jemand zuvor gesehen hatte.

Es war ein übermannsgroßer Christus mit einem solch schmerzerfüllten Ausdruck, der selbst die abgebrühtesten Kerle anrührte und den Kopf senken ließ. Der Mund der Skulptur stand halb offen, die Zahnreihen schauten hervor, die Augen waren glasig verdreht. Auf dem Kopf trug er die Dornenkrone, sein Körper war mit Wundmalen übersät, das Blut hatte überall getrocknete Rinnsale hinterlassen. Alles an ihm wirkte täuschend echt: sein Haar, sein Bart, seine Wimpern, seine Nägel, die ganze Haut. Erst später sollte sich herausstellen, dass das Schnitzwerk mit echter Rindshaut überzogen war und wirklich menschliche Fingernägel und Haare Verwendung gefunden hatten, auch, dass Arme und Kopf bewegbar waren. Für den Kaufmann stand fest: Dieser Fund sollte sein Geschenk an das Augustinerkloster seiner Heimatstadt werden!

Dort, in Burgos, wo bis zum Ende des Mittelalters über 30 Pilgerspitäler für die Jakobswallfahrer entstanden, begann der „Santísimo Cristo“ hohe Verehrung zu genießen. Bei Hungersnöten und Epidemien bat man ihn um Beistand, manche Gläubige wollen die Skulptur freitags schwitzen gesehen haben. Andere erzählten, dass man ihr den Bart, das Haupthaar und die Nägel regelmäßig schneide. Der „Allerheiligste Christus“ blieb bis 1836 bei den Augustinern, als die Wirren der Säkularisation um sich griffen und ein neuer Platz vonnöten wurde. Man fand ihn in einer Kapelle der Kathedrale Santa María. Dort hebt sich der Gekreuzigte seither hinter dem Altar vor einem samtroten Hintergrund ab. Sanft fällt das Licht durch Buntglasfenster, die Szenen der Passion zeigen.

Abseits der Legendenversion bleibt die Frage, wem die Skulptur in Wahrheit zu danken ist. Forscher vermuten einen flämischen Künstler aus dem 14. Jahrhundert. Doch wie genau fand der Christus seinen Weg nach Burgos, wie kam es zur Geschichte um den Bildnisfund in einer Kiste auf dem Meer? Hatte der Kaufmann, bei dem es sich um einen gewissen Pedro Ruiz de Minguijuán gehandelt haben soll, die Story selbst in die Welt gesetzt? Oder hatten lokale Einflussnehmer ihre Hände im Spiel, um in Konkurrenz zu anderen Ordensgemeinschaften oder Bildnissen am Jakobsweg die Einzigartigkeit des „Allerheiligsten Christus“ von Burgos herauszustellen und seine Verehrung zu zementieren? Oder muss man sich erst gar nicht mit solch nüchternen Aspekten beschäftigen, die der Ursprungslegende ihren Zauber nehmen?

Legenden erlauben keine Fragen, Legenden sind einfach wahr, hat der niederländische Erzähler Cees Nooteboom einmal geschrieben. Unter diesen Vorzeichen mag es genügen, sich frei von Gedankenspielen einfangen zu lassen von der Stimmung in der Kapelle, vom dramatischen Realismus, der den Christus von Burgos umgibt. Sein Kopf fällt tief nach rechts, sein Ausdruck steht für eine letzte, totale Erschöpfung. Wer irgendwann durch die Glastür in die Schiffe der Kathedrale zurückkehrt, wird den Hall der Besucherstimmen als regelrecht schmerzhaft empfinden.