Kein Mensch ist in sich selbst verschlossen

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz vom 6. Februar

Paradies, gemalt von Lucas Cranach d. Ä. Foto: CC
Paradies, gemalt von Lucas Cranach d. Ä. Foto: CC

Liebe Brüder und Schwestern!

Das Glaubensbekenntnis, das damit beginnt, dass es Gott als den „Vater, den Allmächtigen“ bezeichnet, worüber wir in der vergangenen Woche nachgedacht haben, sagt dann weiter, dass Er der „Schöpfer des Himmels und der Erde“ ist, und nimmt so die Aussage auf, mit der die Bibel beginnt. Denn im ersten Vers der Heiligen Schrift heißt es: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1): Gott ist der Ursprung aller Dinge und in der Schönheit der Schöpfung entfaltet sich seine Allmacht als liebender Vater.

Gott zeigt sich als Vater in der Schöpfung, die Ursprung des Lebens ist, und durch das Erschaffen zeigt er seine Allmacht. Die Bilder, die diesbezüglich in der Heiligen Schrift benutzt werden, sind äußerst eindrucksvoll (vgl. Jes 40,12; 45,18; 48,13; Ps 104,2.5; 135,7; Spr 8, 27–29; Hiob 38–39). Als guter und mächtiger Vater kümmert Er sich mit niemals nachlassender Liebe und Treue um das, was er geschaffen hat, heißt es in den Psalmen (vgl. Ps 57,11; 108,5; 36,6). So wird die Schöpfung Ort, um die Allmacht des Herrn und seine Güte zu erkennen und anzuerkennen, und sie wird Aufruf an unseren Glauben, Gott als Schöpfer zu verkünden. „Aufgrund des Glaubens – schreibt der Verfasser des Hebräerbriefs – erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort erschaffen worden und dass so aus Unsichtbarem das Sichtbare entstanden ist“ (11,3). Der Glaube impliziert also, das Unsichtbare erkennen zu können, indem man seine Spuren in der sichtbaren Welt ausmacht. Der Gläubige kann das große Buch der Natur lesen und seine Sprache verstehen (vgl. Ps 19,2–5); doch es bedarf des Wortes der Offenbarung, das den Glauben hervorruft, damit der Mensch zum vollen Bewusstsein der Wirklichkeit Gottes als Schöpfer und Vater gelangen kann. Im Buch der Heiligen Schrift kann der menschliche Verstand im Licht des Glaubens den Interpretationsschlüssel zum Verständnis der Welt finden. Vor allem das erste Kapitel der Genesis nimmt einen besonderen Platz ein mit der feierlichen Vorstellung des göttlichen Schöpfungswerks, das sich im Laufe von sieben Tagen entfaltet: In sechs Tagen vollendet Gott die Schöpfung und am siebten Tag, dem Sabbat, stellt er jede Tätigkeit ein und ruht sich aus. Ein Tag der Freiheit für alle, ein Tag der Gemeinschaft mit Gott. Und so, mit diesem Bild, zeigt uns das Buch Genesis, dass Gottes erster Gedanke war, eine Liebe zu finden, die auf seine Liebe antwortet. Der zweite Gedanke war dann, eine materielle Welt zu schaffen, um für diese Liebe einen Platz zu schaffen, für diese Geschöpfe, die Ihm in Freiheit antworten. Diese Struktur bewirkt, dass der Text durch einige bedeutsame Wiederholungen geprägt wird. Sechsmal etwa wird der Satz „Gott sah, dass es gut war“ (V. 4. 10. 12. 18. 21. 25) wiederholt, bis es schließlich, beim siebten Mal, nach der Erschaffung des Menschen, heißt: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut“ (V. 31). Alles, was Gott schafft, ist schön und gut, durchtränkt von Weisheit und Liebe; das schöpferische Wirken Gottes bringt Ordnung, schafft Harmonie, schenkt Schönheit. Aus der Erzählung der Genesis geht schließlich hervor, dass Gott durch Sein Wort erschafft: zehnmal steht im Text der Ausdruck „Gott sprach“ (V. 3. 6. 9. 11. 14. 20. 24. 26. 28. 29). Das Wort, der göttliche Logos, ist der Ursprung der Wirklichkeit der Welt, und indem es heißt „Gott sprach“, so war es, wird die Wirkmacht des göttlichen Wortes hervorgehoben. So singt der Psalmist: „Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel geschaffen, ihr ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes ... Denn der Herr sprach und sogleich geschah es; er gebot und alles war da“ (33,6.9). Das Leben entsteht, die Welt existiert, weil alles dem göttlichen Wort gehorcht.

Doch unsere Frage heute lautet: Hat es im Zeitalter von Wissenschaft und Technik noch Sinn, von Schöpfung zu sprechen? Wie müssen wir die Erzählungen der Genesis verstehen? Die Bibel will kein Lehrbuch der Naturwissenschaft sein; sie möchte vielmehr die echte und tiefe Wahrheit der Dinge zu verstehen geben. Die fundamentale Wahrheit, die die Erzählungen der Genesis uns offenbaren, ist, dass die Welt nicht eine Gesamtheit einander entgegengesetzter Kräfte ist, sondern dass sie ihren Ursprung und ihre Stabilität im Logos hat, in der ewigen Vernunft Gottes, die das Universum weiterhin trägt. Es gibt einen Plan mit der Welt, der aus dieser Vernunft, der aus dem Geist des Schöpfers hervorgeht. Zu glauben, dass dies den Grund von allem bildet, erhellt jeden Aspekt des Daseins und verleiht den Mut, vertrauensvoll und mutig das Abenteuer des Lebens anzugehen. Die Schrift sagt uns also, dass der Ursprung des Seins, der Welt, dass unser Ursprung nicht das Irrationale und das Notwendige ist, sondern die Vernunft, die Liebe und die Freiheit. Daraus ergibt sich die Alternative: entweder der Vorrang des Irrationalen, der Notwendigkeit, oder der Vorrang der Vernunft, der Freiheit, der Liebe. Wir glauben an letzteres.

Doch ich möchte auch ein Wort darüber sagen, was den Höhepunkt der ganzen Schöpfung bildet: der Mann und die Frau, der Mensch, als einziger „fähig, seinen Schöpfer zu erkennen und zu lieben“ (Gaudium et spes, 12). Der Psalmist blickt auf den Himmel und fragt sich: „Seh ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (8,4–5). Der Mensch, aus Liebe von Gott geschaffen, ist recht klein gegenüber der Unermesslichkeit des Universums; manchmal haben auch wir, wenn wir fasziniert das enorme Ausmaß des Firmaments betrachten, unsere Begrenztheit erfahren. Dem Menschen wohnt dieses Paradox inne: unsere Kleinheit und unsere Hinfälligkeit leben mit der Größe dessen zusammen, was die ewige Liebe Gottes für uns gewollt hat. Der Schöpfungsbericht im Buch Genesis führt uns auch in diesen geheimnisvollen Bereich ein und hilft uns, Gottes Plan mit dem Menschen zu erkennen. Zunächst heißt es, dass Gott den Menschen „aus Erde“ formte (vgl. Gen 2,7). Das bedeutet, dass wir nicht Gott sind, wir haben uns nicht von selbst erschaffen, wir sind Erde; doch das bedeutet auch, das wir aus guter Erde kommen, durch das Werk des guten Schöpfers. Hinzu kommt eine weitere fundamentale Wirklichkeit: Alle Menschen sind Erde, über die Verschiedenheiten hinaus, die sich kulturell oder historisch ergeben haben, über alle sozialen Unterschiede hinaus; wir sind eine einzige Menschheit, geformt aus der einen Erde Gottes. Dann gibt es noch ein weiteres Element: Der Mensch entsteht, weil Gott dem aus Erde geformten Leib den Lebensatem einbläst (vgl. Gen 2,7). Der Mensch ist nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen (vgl. Gen 1,26–27). Wir alle tragen also Gottes Lebensatem in uns und jedes menschliche Leben – sagt uns die Bibel – steht unter Gottes besonderem Schutz. Das ist der tiefste Grund für die Unverletzlichkeit der menschlichen Würde gegen jede Versuchung, die Person nach Nützlichkeits- und Machtkriterien zu bewerten. Das Sein nach dem Bild und Gleichnis Gottes besagt weiter, dass der Mensch nicht in sich selbst verschlossen ist, sondern einen wesentlichen Bezug zu Gott hat.

In den ersten Kapiteln des Buches Genesis finden wir zwei bedeutungsvolle Bilder: den Garten mit dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und die Schlange (vgl. 2,15–17; 3,1–5). Der Garten sagt uns, dass die Wirklichkeit, in die Gott den Menschen gesetzt hat, kein wilder Urwald ist, sondern ein Ort, der schützt, ernährt und versorgt; und der Mensch soll die Welt nicht als Eigentum ansehen, das es zu plündern und auszubeuten gilt, sondern als Geschenk des Schöpfers, Zeichen Seines Heilswillens, als Gabe, die es zu bebauen und zu hüten, die es achtungsvoll und harmonisch zu mehren und zu entfalten gilt, indem man ihrem Rhythmus und ihrer Logik entsprechend dem göttlichen Plan folgt (vgl. Gen 2,8–15). Die Schlange dann ist eine Gestalt, die orientalischen Fruchtbarkeitskulten entstammt, die Israel faszinierten und eine ständige Versuchung darstellten, sich vom geheimnisvollen Bund mit Gott abzukehren. Angesichts dessen stellt die Heilige Schrift die Versuchung, der Adam und Eva ausgesetzt sind, als Kern der Versuchung und der Sünde dar. Denn was sagt die Schlange? Sie leugnet Gott nicht, sondern sie stellt eine hinterlistige Frage: „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“ (Gen 3,1). Auf diese Weise ruft die Schlange den Verdacht hervor, dass der Bund mit Gott eine Fessel ist, die einen ankettet, die einen der Freiheit sowie der schönsten und kostbarsten Dinge des Lebens beraubt. Die Versuchung wird hervorgerufen, sich selbst die Welt zu schaffen, in der man lebt, die Grenzen des Geschaffenseins, die Grenzen von Gut und Böse, der Moral, nicht zu akzeptieren; die Abhängigkeit von der schöpferischen Liebe Gottes wird als Last betrachtet, von der es sich zu befreien gilt. Das bildet immer den Kern der Versuchung. Doch wenn sich die Beziehung zu Gott durch eine Unwahrheit verfälscht, indem man sich an seine Stelle setzt, werden alle anderen Beziehungen verändert.

Dann wird der Andere ein Rivale, eine Bedrohung: Nachdem Adam der Versuchung nachgegeben hat, beschuldigt er sofort Eva (vgl. 3,12); die beiden verstecken sich vor dem Blick jenes Gottes, mit dem sie freundschaftlich gesprochen hatten (vgl. V. 8-10); die Welt ist kein Garten mehr, in dem man einträchtig leben kann, sondern ein Ort, den es zu bearbeiten gilt und der Gefahren birgt (vgl. 3,14–19); Neid und Hass gegenüber dem Anderen gelangen ins Herz des Menschen; beispielhaft ist Kain, der seinen Bruder Abel tötet (vgl. 4,3–9). Wenn sich der Mensch gegen seinen Schöpfer wendet, wendet er sich in Wirklichkeit gegen sich selbst, leugnet er seinen Ursprung und damit seine Wahrheit; und das Böse kommt in die Welt, mit seiner schmerzhaften Folge von Leid und Tod. Und so findet – so sehr das, was Gott geschaffen hatte auch gut, ja sehr gut war – nach dieser freien Entscheidung des Menschen für die Unwahrheit und gegen die Wahrheit das Böse Eingang in die Welt. Ich möchte eine weitere Lehre aus dem Schöpfungsbericht hervorheben: Sünde bringt Sünde hervor und alle Sünden der Geschichte sind miteinander verbunden. Dieser Aspekt drängt uns dazu, über das zu sprechen, was wir „Erbsünde“ nennen. Was ist die Bedeutung dieser schwer verständlichen Realität? Ich möchte nur einige Faktoren anführen. Zunächst müssen wir berücksichtigen, dass kein Mensch in sich selbst verschlossen ist, keiner kann allein aus sich und für sich leben; wir empfangen das Leben vom Anderen und zwar nicht nur bei der Geburt, sondern jeden Tag. Der Mensch ist Beziehung: Ich bin nur im Du und durch das Du ich selbst, in der Liebesbeziehung zum Du Gottes und zum Du der anderen. Nun, die Sünde bedeutet, die Beziehung zu Gott zu stören oder zu zerstören, das ist ihr Wesen: die Beziehung zu Gott zu zerstören, die fundamentale Beziehung, sich an Gottes Stelle zu setzen. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es, dass sich der Mensch mit der ersten Sünde „für sich selbst gegen Gott (entschied), gegen die Erfordernisse seines eigenen Geschöpfseins und damit gegen sein eigenes Wohl“ (Nr. 398). Wenn die fundamentale Beziehung gestört ist, sind auch die anderen Pole der Beziehung in Gefahr oder zerstört, die Sünde verdirbt die Beziehungen, und so verdirbt sie alles, weil wir Beziehung sind. Wenn nun die Beziehungsstruktur der Menschheit von Anfang an gestört ist, kommt jeder Mensch in eine Welt, die durch diese Beziehungsstörung gekennzeichnet ist, er kommt in eine durch die Sünde gestörte Welt, durch die er persönlich gekennzeichnet wird; die Ursünde greift die menschliche Natur an und verletzt sie (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 404–406). Und der Mensch von sich allein kann diesem Zustand nicht entkommen, er kann sich nicht allein erlösen; nur der Schöpfer selbst kann die rechten Beziehungen wieder herstellen. Nur wenn Derjenige, von dem wir uns entfernt haben, zu uns kommt und uns liebevoll die Hand reicht, können die rechten Beziehungen wieder geknüpft werden. Das geschieht durch Jesus Christus, der genau den umgekehrten Weg wie Adam geht, wie der Hymnus im zweiten Kapitel aus dem Brief des heiligen Paulus an die Philipper beschreibt (2,5–11): während Adam sein Geschöpfsein nicht erkennt und sich an Gottes Stelle setzen will, steht Jesus, der Sohn Gottes, in einer vollkommenen Beziehung der Kindschaft zum Vater, er erniedrigt sich, wird Knecht, folgt dem Weg der Liebe, indem er sich bis zum Kreuzestod erniedrigt, um die Beziehungen zu Gott wieder in Ordnung zu bringen. Das Kreuz Christi wird so der neue Baum des Lebens. Liebe Brüder und Schwestern, aus dem Glauben leben bedeutet, Gottes Größe anzuerkennen und unsere Kleinheit zu akzeptieren, unser Geschöpfsein, und zuzulassen, dass der Herr es mit seiner Liebe erfüllen und dass so unsere wahre Größe wachsen möge. Das Böse, mit seiner Last an Schmerz und Leid, ist ein Geheimnis, das vom Licht des Glaubens erleuchtet wird, der uns die Gewissheit gibt, davon befreit werden zu können: die Gewissheit, dass es gut ist, ein Mensch zu sein.

Die Pilger aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Papst mit den Worten:

Ganz herzlich grüße ich alle Brüder und Schwestern deutscher Sprache, heute besonders die Gruppe der Seminare von Eisenstadt, Wien und St. Pölten mit Weihbischof Anton Leichtfried. Ich freue mich, dass Sie da sind! Lassen wir uns im Wort Gottes und in den Sakramenten immer neu von der Liebe Christi einholen, mit der er uns in die Gemeinschaft mit dem Schöpfer und mit dem Nächsten zurückführen will. Der Herr schenke euch inneres Wachstum und sein Geleit auf allen euren Wegen. Danke.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller