Katholischsein ist keine Kopfsache

Bruder Paulus macht Mut zur Kirche. Von Franziska Pröll

Bruder Paulus Terwitte in der Frankfurter Liebfrauenkirche. Foto: KNA
Bruder Paulus Terwitte in der Frankfurter Liebfrauenkirche. Foto: KNA

Die postmoderne Gesellschaft kennzeichnet vor allem Pluralität. Sie umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensentwürfe sowie Konsum-, Sinn- und Wertangebote. Der katholische Glaube scheint nur eine von vielen weiteren Optionen zu sein. Er droht, auf dem Markt der Möglichkeiten unterzugehen. Sein grenzenloses Potenzial ist teilweise in Vergessenheit geraten, teilweise wird es verkannt. Dabei hebt er sich in einem entscheidenden Punkt von allen weltlichen Möglichkeiten ab. Während jene das Bedürfnis des Menschen nach Glück stets kurz und oberflächlich befriedigen, steht der Glaube für das Beständige, Erfüllende und über das Diesseits Hinausragende. Denn seine Quellen, die unaufhörlich sprudeln, sind „nicht von dieser Welt“.

Auf diese grundlegende Aussage baut das Buch „Ich bleib dann mal da“ von Bruder Paulus Terwitte auf. Darin schildert der Kapuzinermönch, der in der Frankfurter Cityseelsorge tätig ist, seine persönlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen. So entstehen bemerkenswert treffende Zeitdiagnosen. Zum Beispiel bezeichnet Terwitte die gegenwärtige Gesellschaft als eine, die „nur noch unterwegs“ ist. Sei es durch Pendeln, Reisen oder Surfen, die Menschen würden rast- und ruhelos von einem Ort zum nächsten hetzen. Diesem „unheilvollen Unterwegssein, das einem Leben auf der Flucht gleicht“, stellt der Autor das katholische Unterwegssein als einen geistigen, in Gott verankerten Prozess, gegenüber. Schließlich fordert er den Leser auf, die Gottsuche in sein Leben zu integrieren und dem Guten, dem Schönen in der näheren Umgebung mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Allerdings formuliert Terwitte nicht nur Anregungen, wie man das Leben des Einzelnen sowie das Zusammenleben der Gesellschaft verbessern könnte. Vielmehr stellt er dar, wie sehr die deutsche Gesellschaft vom Katholischen durchdrungen ist. Zuversichtlich beschreibt er, wie positiv es das Land geprägt hat. Dabei kommt deutlich zum Ausdruck, wie arm das menschliche Miteinander ohne den katholischen Glauben wäre. Dass die Kirchlichkeit Terwittes „Lebensgerüst“ ist, dass er seine Berufung gefunden hat und dass er voll darin aufgeht, wird für den Leser an diesen Stellen greifbar.

Jedoch hält er sich mit theologischen Begriffen weitgehend zurück. Bevor er Worte wie beispielsweise „Zölibat“ und „Sünde“ verwendet, legt er großen Wert auf eine exakte Benennung des Wortursprungs und seiner Bedeutung. Weil derartige Begriffe im Alltag oft falsch besetzt sind, räumt der Autor so mit Vorurteilen und Halbwissen auf. Selbst umstrittene Themen spricht Terwitte offen an. Unter anderem fragt er: „Was ist mit wiederverheirateten Geschiedenen? Was ist mit Menschen, die homosexuell sind und in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben? [...] Ist es wirklich richtig, diese Menschen ins Abseits zu stellen?“ Er gibt zu bedenken, dass diese Menschen ihre Lebensform nicht wählen, „um sich von Gott abzuwenden“ und äußert Nachholbedarf von Seiten der Kirche. Dabei kann der Leser erahnen, dass sich Terwitte im Umgang mit ihnen eine andere Haltung der Christen vorstellen könnte. Dogmatische Neubewertungen fordert er an allerdings nicht.

Auf eine erfrischende Weise führt das Werk vor Augen „warum das Katholische in unserer Gesellschaft nicht fehlen darf“. In den zahlreichen, lebensnahen Beispielen, die Terwitte gibt, kann sich jeder Leser wiederfinden. So gelingt es dem Autor, Menschen, die der Kirche nahe stehen, bei der Suche nach den Quellen ihres Glaubens zur Seite zu stehen. Sie werden ermutigt, ein gestärktes „Ja“ zum Glauben auszusprechen. Gleichzeitig findet er aber auch ansprechende Worte für alle, denen das Katholische fremd geworden ist. Ihnen steckt der Autor ein Licht auf. Denn Katholischsein ist keine Kopfsache, sondern Herzensangelegenheit. Bruder Paulus selbst verkörpert dies.

Paulus Terwitte: Ich bleib dann mal da. Vier Türme Verlag 2011, 157 S., ISBN 978-3-89680496-9, EUR 16,90