Kämpfe in Gaza überschatten Weihnachten in Rom

Friedens-Appell Benedikts XVI. – Lombardi: An den Reiseplänen ins Heilige Land hat sich aber nichts geändert

Rom (DT) Die Rauchsäulen, die über dem Gaza-Streifen aufsteigen, werfen ihre Schatten bis nach Rom, das über Weihnachten schon genügend mit dunklen Wolken zu kämpfen hatte. Feucht und unfreundlich war es in diesen Tagen – Massen hat das Wetter nicht auf den Petersplatz gelockt. Aber die Nachrichten von den hohen Zahlen an Opfern, die der Angriff der israelischen Luftwaffe am vergangenen Samstag unter der palästinensischen Zivilbevölkerung gekostet hatte, waren mehr als nur eine Schlechtwetterfront. Die mögliche Reise Benedikts XVI. ins Heilige Land wäre 2009 wohl der Höhepunkt der päpstlichen Reisediplomatie. Aber kann der Papst in eine Region reisen, in der ein offener Kriegszustand herrscht? Dazu sagte Vatikansprecher Federico Lombardi a Montag, es gebe das Projekt einer Pastoralreise, und daran habe sich bislang nichts geändert. Aus der vom Papst zur aktuellen Lage in Nahost geäußerten Besorgnis sollte man keine voreiligen Schlüsse ziehen.

Sofort am Sonntag hat Benedikt XVI. den „unglaublichen Ausbruch der Gewalt“ im Nahen Osten verurteilt und einen sofortigen Waffenstillstand gefordert. Das Geburtsland Jesu dürfe nicht weiterhin Zeuge eines solchen Blutvergießens sein, das sich endlos wiederholt, sagte er nach dem Angelus-Gebet auf dem Petersplatz. Die internationale Gemeinschaft müsse Israelis und Palästinensern bei der Suche nach einem Ausweg aus dem Teufelskreis der Gewalt helfen. Benedikt XVI. zeigte sich zutiefst erschüttert „über die Toten, Verletzten, die materiellen Schäden, das Leiden und die Tränen der Bevölkerung, die Opfer dieser tragischen Abfolge von Angriffen und Repressalien geworden ist“. „Ich erflehe ein Ende dieser Gewalt, die in all ihren Erscheinungsformen zu verurteilen ist, und einen Waffenstillstand in Gaza“, sagte der Papst.

Bereits am zweiten Weihnachtstag hatte der Papst der verfolgten Christen in aller Welt gedacht. Namentlich nannte er die beiden italienischen Ordensschwestern Maria Teresa Olivero und Caterina Giraudo, die vor mehr als anderthalb Monaten im Norden Kenias entführt wurden. „Ich wünsche mir, dass sie und alle Entführten auf der Welt in diesen Stunden meine Nähe sowie die Solidarität der gesamten Kirche spüren“, sagte er und bat alle Gläubigen, für die Entführten in Lateinamerika, im Nahen Osten und in Afrika zu beten. Und selbst in seiner Weihnachtsansprache zum Segen „Urbi et orbi“ hatte Benedikt XVI. an die Krisenregionen erinnert, in denen Menschen von politischen und sozialen Spannungen und Konflikten „zermalmt“ würden: in Israel und den Palästinenser-Gebieten, im Libanon, dem Irak und dem gesamten Mittleren Osten, in Zimbabwe und im Kongo, dort insbesondere in der Region Kivu, sowie in Dafur im Sudan und in Somalia. Es war ein trübes Szenario, das Papst Benedikt zu Weihnachten ausgebreitet hat – und das Wetter in Rom passte dazu.

Ganz anders die Weihnachtsbotschaft. Und der Papst selber hatte etwas von der Hilflosigkeit des Kindes in der Krippe, als er die Gewaltausbrüche und Schrecken des Krieges beklagte. Wie schon so oft und wie es schon so oft die Päpste vor ihm gerade an den Weihnachtstagen getan hatten. Die Welt quält sich heute wie vor zweitausend Jahren, als Gott einen neuen Weg wählte, um die Liebe der Menschen zu erlangen. „Gott wurde Kind“, hatte Benedikt XVI. in seiner Predigt während der Christmette im Petersdom gesagt. „Er wurde abhängig und schwach, unserer Liebe bedürftig.“ In dieser Nacht denke man daher besonders auch an die Kinder, denen die Liebe der Eltern versagt ist. „An die Straßenkinder“, so der Papst, „denen kein Zuhause geschenkt ist. An die Kinder, die als Soldaten missbraucht und zu Werkzeugen der Gewalt gemacht werden, anstatt Träger der Versöhnung und des Friedens sein zu dürfen. An die Kinder, die durch die Porno-Industrie und durch all die schändlichen Formen des Missbrauchs bis in die Tiefe ihrer Seele hinein verwundet werden.“ Das Kind von Bethlehem sei ein neuer Anruf, alles zu tun, damit die Not dieser Kinder ende. „Denn nur durch die Bekehrung des Herzens, nur durch eine Änderung im Innersten des Menschen kann die Ursache all dieses Bösen überwunden, kann die Macht des Bösen besiegt werden. Nur wenn die Menschen sich ändern, ändert sich die Welt, und damit die Menschen sich ändern, brauchen sie das Licht von Gott her, das Licht, das auf so unerwartete Weise in unsere Nacht eingetreten ist.“

Sogleich schloss er aber auch hier, im bis auf den letzten Platz besetzten Petersdom, einen Appell zum Frieden im Heiligen Land an: „Wenn wir vom Kind von Bethlehem sprechen, denken wir auch an diesen Ort Bethlehem und denken an das Land, in dem Jesus gelebt und das er zutiefst geliebt hat. Und wir beten darum, dass dort Friede werde. Dass der Hass und die Gewalt enden. Dass Verstehen erwache, eine Offenheit der Herzen, die die Grenzen öffnet. Dass der Friede einkehre, von dem die Engel in jener Nacht gesungen haben.“

Während der Papst am Weihnachtsabend sprach, rüstete sich die israelische Armee bereits zu einem seit Jahrzehnten nicht mehr da gewesenen Militärschlag gegen die Hamas im Gaza-Streifen, der auch vielen Zivilisten das Leben kosten sollte. Nach den Angriffen erklärte Vatikansprecher Federico Lombardi: „All dies ist bewusst provoziert worden. Einerseits macht der Hass blind für die Möglichkeiten zum Frieden, andererseits schärft er die Wahrnehmung für die Wege des Todes und fördert einen Teufelskreis, der zu einem weiteren Anwachsen des Hasses führt.“ Beide Seiten seien Gefangene ihrer selbst, meinte Lombardi: „Hamas ist gefangen in einer Logik des Hasses. Israel hingegen in einer Logik des Vertrauens auf die Gewalt als der besten Antwort auf den Hass. Wir müssen dennoch weiter einen anderen Ausweg suchen, auch wenn dies unmöglich erscheint.“

Unmöglich scheint es vorerst, dass Papst Benedikt in das Krisengebiet aufbricht, wenn dort nackte Gewalt entfesselt ist. Wieder einmal hat der Nachfolger Petri den Frieden des göttlichen Kinds von Bethlehem beschworen. Und wieder einmal ist diese Botschaft am Heiligen Land spurlos vorübergegangen.