Junge Federn

Der heilige Rest. Von Rudolf Gehrig

Anbetung und Jesus-Disco

Es ist nicht zu übersehen, dass der Mann Schwierigkeiten mit den Lichtverhältnissen hat. Vielleicht liegt es aber an den komplizierten Formulierungen und der Aufregung. Stockend quält er sich durch den Andachtstext. Sein Versuch, die eigene oberfränkische Herkunft durch besonders akzentuierte Intonation zu verbergen, schlägt fehl.

Als ich an diesem Abend die Kirche betrete, bin ich als Ministrant für die Abendmesse eingeplant. Davor ist eucharistische Anbetung. Es sind maximal zwanzig Leute hier, verteilt über die einzelnen Bänke. Die Gebete, vor allem die dünnen Zwischengesänge, verlieren sich im Gemäuer.

Dennoch bin ich erstaunt, dass es überhaupt Menschen gibt, die sich am Freitagabend vor dem ausgesetzten Allerheiligsten versammeln und sich von einem älteren Herrn vorbeten lassen, der in der Aufregung „furchtbar“ liest statt „fruchtbar“. Er trägt Chorkleidung, kniet auf dem Bänkchen vor der Monstranz und mittlerweile berührt seine Nasenspitze fast schon das Gebetbuch, weil er die Buchstaben kaum lesen kann. Vor mir knien zwei ältere Damen im Pelzmantel, von denen eine mit stoischer Gelassenheit einen Rosenkranz durch ihre Finger gleiten lässt, obwohl gerade aus dem Andachtsbuch gebetet wird. Rechts von mir ein alleinstehender Herr mittleren Alters, dessen Fistelstimme auch bei einsetzender Orgel noch herauszuhören ist. Weiter vorn eine Frau mit langen, dünnen Haaren und einer verfransten Stofftasche, in der mehrere Wallfahrtsbroschüren und fromme Andachtsgegenstände stecken.

Es wird für mich Zeit, in die Sakristei zu gehen, da bald die heilige Messe beginnt. Sie wird von einem älteren Priester würdevoll und andächtig zelebriert. Ich bin als Lektor eingeteilt. Als ich am Ambo stehe, wird mir die gähnende Leere wieder bewusst. Die Gläubigen Gottes ist nur noch eine versprengte Herde, die sich im viel zu großen Kirchenschiff verteilt.

Was für ein Kuriositäten-Kabinett, schießt es mir durch den Kopf. Ist dies der „heilige Rest“, das letzte Aufgebot? Ist das alles, was von Mutter Kirche übriggeblieben ist? Will ich mit diesen Leuten überhaupt etwas zu tun haben?

Als die Messe zu Ende ist, wundere ich mich selbst doch ein wenig über meine Arroganz. Ich hatte mich bei der Lesung gleich in der ersten Zeile verlesen und in meiner Verpeilung für Sekunden sogar das abschließende „Wort des lebendigen Gottes“ vergessen.

Das, was hier geschieht, hat auf den ersten Blick nichts mit den Weltjugendtagen zu tun, mit jenen ausgelassenen, rauschenden Glaubensfesten, bei denen Millionen Jugendliche Gott feiern. Und doch bin ich einer von ihnen. Es macht mich stolz, zu dieser Kirche zu gehören, in der wir unperfekten Menschen einen Platz haben. Die Jugend, die angeblich die Zukunft und Hoffnung der Kirche ist, gehört genauso dazu wie die Rosenkranz-Oma und der Stofftaschen-Opa, der später seine einlaminierten Bilder vom Barmherzigen Jesus in der Sakristei verteilen wird. Wir sind Kirche. Unter anderem.

Der Autor, 24, arbeitet beim katholischen Sender EWTN in Köln