Junge Federn

Guardini gegen Flugangst. Von Rudolf Gehrig

Anbetung und Jesus-Disco

Meine schweißnassen Hände graben sich tief in die Vordertasche meines Kapuzenpullovers und suchen hektisch nach dem Rosenkranz. In einem Höllentempo geht mir das Glaubensbekenntnis über die Lippen, eine Perle nach der anderen rutscht durch die Finger und mir steigt ein inbrünstiges „Ave Maria“ zum Himmel empor. Es ist Donnerstagabend, es regnet und ich sitze am Fenster. Direkt an der Tragfläche. Ich hatte mir Romano Guardini eingepackt, „Der Herr“. Ein Buch, das ich mal angefangen hatte zu lesen und dann weglegte, weil es eine viel zu beruhigende Wirkung hatte und ich beinahe einschlief. Jetzt könnte ich Beruhigung gut gebrauchen, doch leider haben sie das Licht ausgemacht.

Die Maschinen drehen hoch, der Lärm wird immer lauter. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nichts weiter als die Tragfläche, die sich wie das ganze Flugzeug noch keinen Meter bewegt und deren Lichter in der verregneten Dunkelheit blinken. Dann, kurz bevor der Krach ohrenbetäubend wird, geht ein Ruck durch die Maschine. Ich werde in den Sitz gedrückt und kralle mich an meinem Rosenkranz fest. Wir schießen nach vorne und heben ab.

Ich hätte nicht gedacht, dass mir das Fliegen so viel ausmachen würde. Es ist ja nicht das erste Mal und in der Vergangenheit hatte ich das eigentlich immer problemlos weggesteckt. Doch nun fallen mir all die Dokus über Flugzeugabstürze ein, die ich im Internet gesehen habe. Das Wissen, mit so vielen Leuten in einer Konservenbüchse zu sitzen, die mit vielen hundert Sachen durch die Luft donnert und deren Wände aus gerade mal millimeterdickem Aluminium bestehen, hält mich davon ab, in einen beruhigenden Schlaf zu sinken.

Doch bald habe ich mich daran gewöhnt. Das Licht brennt längst wieder. Mit dem sanften Ruckeln einer Straßenbahn gleiten wir über die Wolken dahin. Als der Pilot mit dem Landeanflug beginnt, bin ich immer noch in Romano Guardini vertieft. Als die Räder ausgefahren werden, klingt es so, als würde die Maschine jeden Moment auseinanderbrechen. Dann geht das Licht aus und ich klappe das Buch zu. Ich habe eben noch die Überschrift des nächsten Kapitels gelesen. Es lautet: „Der Tod“. Irgendwie muss ich lachen, doch als der Flieger im nächsten Moment hart auf der Landebahn aufsetzt, bleibt mir für einen Moment das Herz stehen. Dann ist es überstanden.

Einige Tage später dann der Rückflug. Aufregung ist diesmal nicht vorhanden. Der Rosenkranz liegt in der Tasche, vergnügt lese ich Romano Guardini weiter. So langweilig ist sein Buch gar nicht. Doch als dann wieder die Maschinen hochdrehen und ein Ruck durchs Flugzeug geht, ist es mit der Selbstsicherheit dahin. Auch die Dame rechts neben mir wirkt angespannt, sie hat die Augen geschlossen und ihre Hände gefaltet. Dann öffnet sie ihre Augen wieder, schlägt ein Kreuzzeichen und liest seelenruhig in ihrem Buch weiter. Ich bin überrascht. Dann ziehe ich lächelnd meinen Rosenkranz aus der Tasche und mit einer ungekannten inneren Ruhe bete ich ein Gesätzchen. Einige Minuten später bin ich dann über Romano Guardini eingenickt.

Der Autor, 24, arbeitet beim katholischen Fernsehsender EWTN.TV