Junge Federn: Marias Milch (II)

Außerchristliche Bildnisse integriert in christliche Ikonographie. Von Fabian Brand

Marias Milch (II)

Auf frühen Papyrusfragmenten, in Kirchen und Mönchszellen finden sich schon bald Darstellungen der „Maria lactans“. In der christlichen Kunstgeschichte wurde die Darstellung sehr beliebt und sowohl in der Ost- als auch in der Westkirche häufig rezipiert. Eine sehr bekannte Figur findet man auf der iberischen Halbinsel: Es ist die Nossa Senhora da Nazaré, die angeblich vom Ziehvater Josef geschnitzt und vom Evangelisten Lukas bemalt wurde und über den heiligen Augustinus in die portugiesische Stadt Nazaré kam.

Ein bedeutender Einschnitt in der Entwicklung des Motivs geschah mit Bernhard von Clairvaux. Die „Maria lactans“-Darstellung wurde vom Gedanken der Säugens des Jesuskindes getrennt und auf andere Menschen übertragen. Konkret geschah dies in der sogenannten „Lactatio Bernardi“: Maria soll Bernhard mit einigen Tropfen Muttermilch getränkt haben, wobei dieser seine „honigfließende Beredsamkeit“ erhielt. Dieser Bildtypus, der sich auch für andere Heilige zeigen lässt, spielt freilich wiederum mit dem Gedanken der Legitimation des eigenen Denkens – inwieweit auch die Hoffnung, durch die Milch Mariens Anteil an einer Göttlichkeit zu erhalten, mitgespielt hat, muss offen bleiben. Denn an der heilbringenden Brust Mariens gestillt, sahen sich manche Menschen besonders zum Predigtdienst oder zur theologischen Reflexion berufen. Die christliche Mystikerin Mechthild von Magdeburg führt den Gedanken der „Maria lactans“ weiter und interpretiert die im alttestamentlichen Hohenlied besungenen Brüste der Geliebten als Brüste Mariens.

Bis heute hat sich das Motiv des heilbringenden Stillens an der Brust Mariens erhalten. In Rengersbrunn, einem Wallfahrtsort im Spessart zum Beispiel, fließt das Wasser einer Quelle bis heute aus den Brüsten einer Mariendarstellung. Ähnliches findet man auch beim Marienbrunnen in Großgmain (Österreich) und andernorts.

Bei der Übernahme des Bilds der stillenden Göttin aus der altägyptischen Mythologie in die christliche Ikonographie bleibt noch eine bedeutende dogmatische Anmerkung: Maria wird im Christentum seit dem Konzil von Ephesus im Jahr 431 zwar als „theotokos“, also als Gottesgebärerin, verehrt, Jesus erhält aber seine Göttlichkeit nicht erst durch Maria. Er ist von Anbeginn wahrer Gott und wahrer Mensch. Jesus muss sich seine Göttlichkeit nicht erst an der Brust einer Göttin trinken, er ist schon ganz und gar Gott, und Maria, die ihn geboren hat, ist auch keine Göttin, sondern Mensch. Das unterscheidet die „Maria lactans“ von der „Isis lactans“: Während Letztere auch der Quell der Göttlichkeit für den Horusknaben ist, erhält das Jesuskind an der Brust Mariens nur menschliche Nahrung. Das unterscheidet die beiden Motivkomplexe im Kernpunkt ihrer Aussage.

Dennoch ist das Bild der „Maria lactans“ ein religionsgeschichtlich hochinteressantes Motiv, das wiederum zeigt, wie alt manche christliche Darstellungen doch sind. Und es beweist, wie außerchristliche Bildnisse übernommen und in den christliche Ikonographie integriert wurden.

Der Autor, 27, promoviert in katholischer Theologie