Junge Federn: Männerchor und Tod

Männerchor und Tod

Es ist halb sechs Uhr morgens, die Dorflampe flackert ein wenig. Im Osten kündigt ein roter Streifen den Anbruch eines neuen Tages an. Jetzt rührt sich keiner mehr, volle Konzentration ist angesagt, es wird still. Erst jetzt hört man das Zwitschern. Die Vögel veranstalten eine derartige Geräuschkulisse, dass man gar nicht von „Stille“ sprechen kann. Dann gibt der Mann das Signal und ein Dutzend tiefer Männerstimmen hebt an zum Gesang. Als die ersten Töne erklingen, scheint es, als ob auch die Vögel kurz innehalten. „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz, bedeckt mit Hohn.“ Während die Stimmen dieses alte Lied mit Inbrunst intonieren, scheinen für einen Augenblick lang sogar die Vögel zu verstummen.

Es ist Karsamstag. Wie jedes Jahr steigen die Männer des Gesangsvereins der DJK Seubrigshausen schon früh aus ihren Betten, um das große Finale der Karwoche einzuläuten. Gemeinsam mit den Klapper-Buben ziehen sie durch das Dorf, halten an verschiedenen Eckpunkten des Dorfes an und singen Lieder über die Passion Christi. Doch Jahr für Jahr wird der Kreis der Sänger kleiner, es ist die natürliche Auslese, die Stimmgewalt des Männerchores wird durch den Heimgang langgedienter Mitglieder mehr und mehr ausgedünnt. Bei den Klapperbuben ist das nicht viel anders, auch wenn die Ursache dort anderer Natur ist. Vor Jahren gab es ein regelrechtes Gerangel um die Posten, mittlerweile kommen kaum Kinder nach, die mit der Ratsche oder sonstigem Lärm machenden Gerät während der Karwoche durch die Straßen ziehen.

In Seubrigshausen, diesem kleinen 500-Seelen-Provinzort knapp 70 Kilometer östlich von Würzburg, scheint es, als sei die Zeit stehengeblieben. Eine heile Welt aus der Konservendose. Dort, wo das Mofa schneller ist als das Internet und die Menschen den Pfarrer mit „Grüß Gott“ begrüßen, wenn er ihnen über den Weg läuft.

Doch selbst hier auf dem Land hat sich viel verändert. Der Geburtenrückgang wird besonders im Vereinsleben spürbar. Während die Alten hier begraben werden, verlassen viele junge Menschen diese Oase des Friedens, sobald sie die Schule beendet haben. Auch ich bin diesen Weg gegangen. Doch in diesem Jahr werde ich über die Kartage wieder in meiner Heimat sein. Vielleicht werde ich mir am Karsamstag wieder früh den Wecker stellen, um dabei zu sein, wenn der Gesangsverein die Runde macht. Sie singen vom Tod und von der Auferstehung und so, wie die Sonne die Nacht vertreibt, geht auch hier alles weiter seinen gewohnten Gang, während sich die Bevölkerungsdichte auf dem Friedhof im Vergleich zum übrigen Dorf zunehmend erhöht.

Wie oft der Männerchor noch den Übergang von Tod und Auferstehung besingen wird, ist ungewiss. Vor gar nicht allzu langer Zeit erst hatten sie einen weiteren außerplanmäßigen Auftritt. Es war bei der Beerdigung eines langjährigen Chormitglieds.

Der Autor, 25, arbeitet beim katholischen Sender EWTN in Köln