Junge Federn: Liebe und Sexualität

Liebe als ein Trugbild von dem, was Liebe bedeutet. Von Johannes Wieczorek

Die Kirche und die Moral

„Gott ist die Liebe“ sagt der Apostel Johannes. Es ist gleichsam das kürzeste Glaubensbekenntnis und drückt zugleich die gesamte Heilsgeschichte aus. Doch was heißt „Gott ist die Liebe“? Der Katechismus sagt „Gott (offenbart) sein innerstes Geheimnis: Er selbst ist ewiger Liebesaustausch – Vater, Sohn und Heiliger Geist – und hat uns dazu bestimmt, daran teilzuhaben.“ Gott ist also Liebesgemeinschaft und Abbild dieser Gemeinschaft ist die Liebe zwischen Mann und Frau. Johannes Paul II. hat die Bedeutung des Leibes erkannt und entwickelte die „Theologie des Leibes“.

Doch Liebe ist nicht gleich Liebe. Es ist notwendig, zwischen Liebe und Begierde zu differenzieren. Gerade der Begriff der Liebe wird heute inflationär gebraucht und der eigentliche Sinn ist verschleiert. Was heute unter Liebe verstanden wird, ist nicht mehr als ein Trugbild von dem, was Liebe bedeutet, nämlich die Freiheit des Sich-Schenkens. Das Charakteristikum der Liebe ist das krasse Gegenteil von dem, was heute die Welt predigt. Denn dort zählt nur das Ich, um jeden Preis.

Liebe heißt, sich dem andern uneingeschränkt zu schenken

Aus christlicher Sicht ist die Ehe der Ort, wo Eros und Agape sich begegnen und Frucht bringen. Diese Liebe kennzeichnet die Freiheit, sich uneingeschränkt dem anderen zu schenken. Die Begierde jedoch ist ohne diese Liebe. Die Person wird zum Objekt, das der Befriedung dient und dem Egoismus des eigenen Ichs, das ohne Gott nicht fähig ist, sich voll und ganz dem anderen zu schenken.

In einer Gesellschaft, die sich selbst kaum hinterfragt und Freiheit darin sieht, dem Individuum möglichst wenig Grenzen aufzuerlegen, sind One-Night-Stands, Pornographie oder Prostitution normal geworden. West schreibt in seinem Buch „Einführung in die Theologie des Leibes“: „Das Problem mit unserer sex-gesättigten Kultur ist also nicht, dass sie Körper und Sex überbewerten. Das Problem ist, dass sie nicht erkennen kann, wie wertvoll Körper und Sex tatsächlich sind.“

Kirche lehrt nicht, dass Leiblichkeit schlecht ist

Die Kirche lehrt also nicht, dass die Sexualität und Leiblichkeit etwas Schlechtes ist. Sondern sie sagt, dass sie so wichtig ist, dass es nicht beliebig ist, mit wem man diese Liebe teilt. Sie stellt die Liebe und Sexualität gleichsam auf ein Podest und sagt, wenn sie wahrhaft gelebt wird, ist es Begegnung mit dem Göttlichen. Um so lieben zu können, müssen wir die eigene Erfahrung des Geliebt-Sein gemacht haben, in einer existenziellen Art und Weise. Denn Liebe bedeutet maßlose Freigebigkeit. Gott fordert von uns heute nichts, er wartet nur auf unser Ja, auf unser Amen zu ihm, damit er uns mit dieser seiner Liebe begegnen darf. Diese Erfahrung wird uns frei machen, sodass auch wir freimütig bekennen können: Wir haben der Liebe geglaubt! Denn wie Vergil sagte „Omnia vincit amor"!

Der Autor, 26, arbeitet beim katholischen Sender Radio Horeb