Junge Federn: Fußball und Kirche

Fußball und Kirche

In Wien gibt es zwei legendäre Fußballvereine: den SK Rapid und den FK Austria. Wächst man in der Stadt an der Donau auf, kommt man an diesen beiden Klubs nicht vorbei. Man ist entweder ein „Grüner“ oder ein „Violetter“, dazwischen gibt es nichts. Wenn man aufmerksamen Blicks durch Wien schlendert, bemerkt man da und dort Graffitis, die die Sticheleien der beiden Todfeinde zum Ausdruck bringen. Bei Matches kommt es regelmäßig zu Ausschreitungen zwischen den Fans.

In gewisser Hinsicht gleicht die Kirche einem Fußballfeld. Da heißen die verfeindeten Klubs jedoch nicht Dortmund und Schalke, sondern Traditionalisten und Liberale. Die „Tradis“ sehen die Wurzel allen Übels in den Beschlüssen des Zweiten Vatikanums und bei den Katholiken der 68er Generation. Ihre Feinde heißen Pastoraltheologie, Regenbogenstola, Handkommunion und Ökumene. Sie sind überzeugt davon, dass die Glaubenserneuerung der Kirche sowie neue Bekehrungen durch die Rückkehr zur Alten Messe und die Wiederbelebung von Traditionen geschehen wird. Die Liberalen wiederum sehen das Heil im „Aufbruch“ und in der Abwendung von Althergebrachtem. Auf ihrer „No go“-Liste stehen alte, weiße Priester, Hierarchien und Orgelmusik. Wenn die Kirche ihre Sexualmoral der Gesellschaft anpasst, Frauen zu den Weiheämtern zulässt und den synodalen Prozess durchsetzt, dann, ja dann, werden die Menschen die Kirche wieder ernst nehmen.

Zurück zum Fußball: Zugegeben, niemand würde dem Spiel Beachtung schenken, gäbe es nicht Wettkampf, Konkurrenz, Bessere und Schlechtere, Gewinner und Verlierer. Die Frage ist, ob es sich in der Kirche so verhält wie im Fußball oder ob nicht alle Verlierer sind, beziehungsweise Gewinner sein können. Beiden kirchlichen Gruppierungen geht es schließlich um das Tore schießen, auf katholisch übersetzt: um die Erneuerung der Ekklesia und das Erreichen von Menschen. Die Leute außerhalb der katholischen Mauern interessieren sich jedoch nicht für die innerkirchlichen Kämpfe, weder für Maria 2.0 noch für Petitionen gegen den Papst. Dies sind vielleicht eher Aktionen einer Kirche, die um sich selbst kreist und das Wesentliche aus dem Blick verliert oder schon längst verloren hat. Beide Parteien, die der Liberalen sowie die der Traditionalisten, setzen ihre Hoffnungen in die Veränderung von Strukturen. Erstere sieht die Kirche oftmals als Gutmenschen-Verein, der seine Politik ändern sollte. Für Zweitere tendiert sie dazu, ein Katalog an Benimm-Regeln zu sein, dessen Einhaltung die verlorengegangene Ehrfurcht gegenüber Gott wiederherstellen sollte. Die einen richten den Blick in die Zukunft, die anderen in die Vergangenheit. Doch weder im einen noch im anderen ist Christus zu finden. Vielleicht ist es an der Zeit, die alten Kategorien zu begraben und zu hören, was „der Geist den Gemeinden sagt“.

Von Emanuela Sutter

Die Autorin, 29, ist Harfenistin und studiert katholische Theologie und Germanistik