Würzburg

Junge Federn: Das alte Liebespaar

Abends in Köln: Eine Gruppe junger Frauen mischt den Straßenbahnwagen auf. Bis ihnen eine ältere Dame auffällt.

Zwei alte Menschen nehmen sich bei den Händen
Bei einer abendlichen Straßenbahnfahrt in Köln sind Rudolf Gehrig zwei alte Menschen aufgefallen. Foto: Jens Büttner (dpa-Zentralbild)

Wären die Kölsch-Gläser so groß wie die Meinung, die die Kölner von sich selbst haben, wäre es wahrscheinlich nicht passiert, dass ich an jenem Abend den Überblick über die von mir konsumierte Menge Alkohol verloren hätte. Ich hatte mich mit ein paar Freunden getroffen und wankte zurück zur Straßenbahn. Mir ist das ältere Ehepaar erst gar nicht aufgefallen. Sie saßen im Zweiersitz direkt neben der Tür. Da ich mein Ticket vergessen hatte, stand ich ebenfalls dort, immer bereit zur Flucht.

Nach der ersten Haltestelle kam eine Gruppe von ausgelassenen jungen Frauen herein. Als eine plötzlich hinter meinem Rücken auftauchte und mit tiefer Stimme „Guten Abend, die Fahrkarten, bitte“ in den Raum raunte, erschrak ich und war mit einem Schlag gefühlt wieder nüchtern.

Rudolf Gehrig (25) arbeitet beim katholischen Fernsehsender EWTN in Köln
Rudolf Gehrig (25) arbeitet beim katholischen Fernsehsender EWTN in Köln

„Was ist denn hier für eine Stimmung“, rief in diesem Moment eine andere Dame durch den Zug, „Partytime!“ Ich versuchte ihren Blick zu meiden. Zwei Teenager, die an der anderen Tür standen, schauten ebenfalls etwas irritiert. Doch die junge Dame ließ sich nicht beirren, hielt ihre Sektflasche in die Luft und rief in einer etwas zu lauten und zu hohen Stimme: „Leute, ich habe heute Geburtstag! Ich bin jetzt 30! Wollt ihr nicht für mich singen?“ Die anderen Ladys kicherten und stimmten ein Geburtstagslied an. Die beiden Teenager waren mittlerweile komplett eingekeilt und sahen keinen anderen Ausweg als mit einzustimmen.

Bevor ich mich darüber lustig machen konnte, sah ich mich ebenfalls den strengen Blicken der Frauenbande ausgeliefert. Also holte ich Luft und krächzte mit. Dabei fiel mein Blick auf das alte Pärchen hinter mir. Sie hatten sich nicht von der Stelle gerührt, mit stoischem Gleichmut beobachteten sie die Szenerie. Man konnte ihren Mienen nicht ablesen, ob sie amüsiert oder verärgert waren.

Offenbar sind sie auch dem Geburtstagskind aufgefallen. „Schaut euch die beiden an“, rief sie, wodurch sich natürlich alle Blicke auf das alte Pärchen richteten. „Seht ihr, wie die Dame jetzt lächelt?“ Die Oma fing tatsächlich an zu grinsen, auch ihr Mann machte nun einen belustigten Eindruck. Das Geburtstagskind war ganz hingerissen: „Ist sie nicht süß? Sie ist wirklich glücklich. Sie hat ihr Leben gelebt, das sieht man ihr an. Hört ihr, Leute, sie hat es richtig gemacht!“

Für einen Augenblick wurde es still. Die durstige 30-Jährige hatte nicht Unrecht. Ohne dass die beiden auch nur ein Wort gesprochen hatten, wurde man von ihrer Ausstrahlung in den Bann gezogen. Die tiefen Furchen im Gesicht, diese besondere Magie in den Augen, wenn die beiden sich ansahen. Ohne dass es jemand aussprach, dachten wohl alle dasselbe: Wenn ich einmal alt bin, möchte ich auch so dasitzen.

Als die Bahn hielt, stieg die Mädelstruppe aus. Der Zug fuhr weiter, Ruhe war eingekehrt. Bis einer der Teenager die Stille durchbrach, als er seinen Kumpel fragte: „Hätten wir da nicht auch rausgemusst, wo die Mädels sind?“ – „Ja schon, aber lass mal. Wir steigen an der nächsten Station aus.“

Rudolf Gehrig (25) arbeitet beim katholischen Fernsehsender EWTN in Köln