Juden ehren Kardinal

In Abu Gosch bei Jerusalem wurde ein Denkmal zu Ehren des früheren Pariser Erzbischofs Jean-Marie Lustiger eingeweiht. Die Initiative dazu ging von jüdischer Seite aus. Von Oliver Maksan

Kardinal Vingt-Trois mit Patriarch Twal bei der Einweihung des Denkmals. Foto: Maksan
Kardinal Vingt-Trois mit Patriarch Twal bei der Einweihung des Denkmals. Foto: Maksan

Abu Gosch (DT) Es gibt wenige Orte, wo ein Denkmal zu Ehren des 2007 verstorbenen Kardinals Jean-Marie Lustiger besser passen würde als in der Benediktinerabtei Abu Gosch nahe Jerusalem. Oft zog sich der frühere Pariser Erzbischof während seiner Pilgerreisen durch das Heilige Land hierher zur geistlichen Einkehr zurück. Seit vielen Jahren ist die in dem arabisch-muslimischen Dorf Abu Gosch gelegene Abtei aber auch ein Ort der Begegnung zwischen Juden und Christen. Mannigfaltige Initiativen der Benediktiner setzen sich für ein besseres Kennenlernen der Anhänger des Alten und des Neuen Bundes ein. Kardinal Lustiger verband beides in seiner Person. Denn der 1926 als Sohn polnischer Juden geborene Aaron Lustiger konvertierte als 14-Jähriger zum Katholizismus. Anfeindungen von jüdischer Seite blieben nicht aus. Noch während eines Heilig-Land-Besuchs Mitte der neunziger Jahre beschuldigte Israels Oberrabbiner Israel Lau Aaron Lustiger, der Jean-Marie Lustiger geworden ist, sein Volk und seinen Glauben verraten zu haben. Aber Lustiger fuhr unbeeindruckt fort, für Verständnis zwischen Juden und Christen zu werben. 1996 etwa sagte er: „Ich wünschte, dass die Christen nicht vergessen, dass sie einer einzigen Wurzel aufgepfropft sind. Diese Wurzel ist Israel.“

Sein Nachfolger als Erzbischof von Paris, Kardinal Andre Vingt-Trois, reist deshalb in dieser Woche mit einer großen Delegation im jüdisch-christlichen Gespräch Engagierter auch in Erinnerung Lustigers durch das Heilige Land. Geplant war die Reise schon für das Frühjahr. Die Abdankung Papst Benedikts XVI. indes und das Konklave im März erforderten aber die Anwesenheit Kardinal Vingt-Trois in Rom. Höhepunkt des jetzigen Besuchs war dabei die Einweihung des Denkmals für seinen Vorgänger am Mittwoch. Dieses ging auf eine jüdische Initiative zurück. Richard Pasquier, ehemaliger Präsident des jüdischen Zentralrats in Frankreich (CRIF), hatte dies vorgeschlagen und von einer „heiligen Pflicht“ gesprochen. Lustiger habe es geschafft, den Respekt zahlreicher Juden zu erwerben. Dieses Denkmal, erklärte er, solle ein Ort der Reflexion der Gedanken Kardinal Lustigers sein, dessen Ansichten, Worte und Gesten weiter den Weg erhellten. Tatsächlich hält das nach einem feierlichen Gottesdienst in der Abteikirche in Anwesenheit zahlreicher prominenter Gäste eingeweihte Denkmal das Vermächtnis des Kardinals für das Gespräch zwischen Juden und Christen mit dessen eigenen Worten fest. In französischer, arabischer und hebräischer Sprache steht da auf schlichten Keramikplatten: „Das Geheimnis Israels ist unauflöslich das Geheimnis der Christen“, oder: „Beten, das heißt sich Gott anheimgeben und den mörderischen Wahnsinn des Hasses abweisen“. Keine Figur schmückt das Ensemble. Vielmehr fließt Wasser über mehrere Terrassen durch die Olivenhaine des Klostergartens. Zu Einkehr und Ruhe will das Gedenkareal einladen.

Kardinal Vingt-Trois, der Kardinal Lustiger während 23 Jahren als Mitarbeiter diente, sagte in seiner Ansprache über seinen Vorgänger: „Er war der katholischen Tradition treu. Dennoch verstand er es, Beziehungen zu den Juden einzurichten, die von einem vom Evangelium inspirierten Mut waren." Fouad Twal, der Lateinische Patriarch von Jerusalem, betonte, dass Lustiger auch heute noch inspiriere. Er sei ein Mittler, der dank des Denkmals lebendig bleibe und dessen Gebet wirksam sei.