„Johannes Paul II. konnte sehr gut zuhören“

Erzbischof Henryk Hoser. Foto: Meetschen
Erzbischof Henryk Hoser. Foto: Meetschen

Seit drei Jahren ist der Pallottiner-Pater Henryk Hoser Erzbischof der Diözese Warschau-Praga. Der 68-jährige Bioethik-Experte der Polnischen Bischofskonferenz hat nicht nur deutsche Familienwurzeln, er verfügt auch über langjährige Missions-Erfahrungen in Afrika. Bekannt wurde Hoser allerdings mit seinen Äußerungen bei einer Pressekonferenz im Herbst 2010, als er im Zusammenhang mit der politischen Debatte über In-Vitro-Fertilisation in Polen die mögliche Exkommunikation von Politikern ins Spiel brachte. Stefan Meetschen sprach mit dem polyglotten Erzbischof, der auch Medizin studiert hat, in Warschau.

Exzellenz, seit Mitte Januar wissen wir, dass der 1. Mai dieses Jahr nicht nur Tag der Arbeit sein wird, sondern auch der Tag der Seligsprechung von Johannes Paul II. Wie bereitet sich Ihre Diözese auf die Seligsprechung vor?

Wir werden zwei Sanktuarien eröffnen, die beide Johannes Paul II. gewidmet sind. Ein Sanktuarium befindet sich samt Pfarrei in der Viktoria-Siedlung in Radzymin. Das ist der Ort bei Warschau, wo 1920, also im Geburtsjahr des Papstes, die Schlacht zwischen polnischen Truppen und den Bolschewiken stattfand. Dank des sogenannten Wunders von der Weichsel, also der Hilfe der Gottesmutter Maria, gewannen die polnischen Kämpfer. Johannes Paul II. hat diesen Ort als Papst am 13. Juni 1999 persönlich besucht und uns aufgefordert, diese Schlacht nicht zu vergessen, sondern in dankbarer Erinnerung zu bewahren. Er sagte, dass er diesem Sieg das Privileg verdanke, die ersten zwanzig Jahre seines Lebens in Freiheit aufgewachsen und von polnischer Kultur geformt worden zu sein.

Das zweite Sanktuarium wird in Grochuw eröffnet. Dort existiert bereits eine Kirche, die den Aposteln Paulus und Johannes gewidmet ist. Sie wird zukünftig den Namen des Papstes tragen. Dort soll auch ein Zentrum entstehen, das an seine Spiritualität erinnert. Darüber hinaus organisieren viele Gemeinden der Diözese Warschau-Praga Pilgerreisen nach Rom, um am 1. Mai vor Ort dabei zu sein. So wie auch ich in Rom dabei sein werde.

„Viele Menschen

in Europa

haben ihren

Glauben verloren“

Was für eine Wirkung wird aus Ihrer Sicht die Seligsprechung auf die polnische Gesellschaft haben?

Ich würde mir wünschen, dass diese Seligsprechung evangelisierend wirkt. So wie für Johannes Paul II. die Neuevangelisierung ein wichtiges Anliegen war. Viele Menschen in Europa haben ihren Glauben verloren oder wachsen ohne Glauben auf. Doch wo der Glaube nicht ist, da ist keine Leere. Diese wird durch Ersatzreligionen und Ideologien gefüllt.

Was heißt das konkret?

Wir haben es bei der Neuevangelisierung mit der menschlichen Natur zu tun und die ändert sich nicht. Lediglich die kulturelle Umwelt durchläuft Veränderungen. Johannes Paul II. hat sich intensiv mit der menschlichen Natur befasst. Er ist neben dem jetzigen Papst eine hervorragende Orientierungshilfe. Es geht also nicht nur darum, aktiv zu sein. Es geht darum, den Menschen sensibel zu begegnen und ihnen zum Beispiel in Predigten die Lehrangebote von Johannes Paul II., wie etwa die Theologie des Leibes, der Ehe, der Familie, näher zu bringen. Viel zu oft konzentrieren wir uns auf Nebensächliches.

Vieles, was Johannes Paul II. geschrieben hat, ist intellektuell sehr anspruchsvoll. Überschätzen Sie die heutigen Menschen nicht ein bisschen? Ihre Auffassungsgabe?

Die philosophischen Texte, die der Papst im akademischen Umfeld geschrieben hat, sind in der Tat nicht immer einfach zu verstehen, aber es gibt genügend spätere, pastorale Texte, die einer breiten Leser- und Hörerschaft verständlich sein können. Ist es nicht so? Die Menschen sind heutzutage sehr von celebrities fasziniert, gleichzeitig fragen sie aber doch alle, was für einen Sinn ihr Leben eigentlich hat. Dadurch, dass sie mit so vielen Angeboten konfrontiert werden, fällt es ihnen allerdings schwer, eine Entscheidung zu treffen. Die Folge ist: Viele Menschen sind unsicher und werden depressiv. Depressionen sind immer ein Zeichen metaphysischer Hilflosigkeit.

Was hat Sie bei Ihren persönlichen Begegnungen mit Johannes Paul II. am meisten an ihm fasziniert?

Er konnte sehr gut zuhören. Während meiner Zeit als apostolischer Visitator in Ruanda, empfing er mich alle drei Monate zu privaten Audienzen in Rom. Ich berichtete ihm beim Abendessen ausführlich über die Situation der Kirche, der Flüchtlinge, der Familien, und er hörte zu.

Afrika war ihm besonders wichtig?

Johannes Paul II. war in den meisten afrikanischen Ländern. Während all der Besuche wusste er, das Gute der Kulturen dieser Länder herauszustellen und zu würdigen. Er hat die Menschen dort in ihrem Selbstwert bestärkt, dem Respekt gezollt, was sie in Jahrhunderten entwickelt haben. Deshalb überrascht es nicht, dass er in den Augen der Menschen dort die wichtige Figur des Vaters authentisch vertreten hat. Sie hielten und verehrten ihn als einen alten, weisen Mann.

Die Arbeit eines päpstlichen Visitors in Ruanda war trotzdem sicher nicht immer einfach?

Ich habe während meiner Zeit dort 80 medizinische Zentren für Familien eröffnet und mit über 3 000 Ehepaaren gearbeitet. Es ging um Themen wie zum Beispiel eheliche Intimität, Lebensschutz. Manchmal gab es Tausende von Zuhörern, die alle gleichzeitig Hilfe und Rat suchten. Man stößt dabei auch an seine eigenen Grenzen.

Fühlen Sie sich nach all diesen exotischen Erfahrungen nun ein bisschen wie der Richard Kapuczynski, der Globetrotter der Polnischen Bischofskonferenz?

Gottseidank bin ich nicht direkt von Afrika nach Polen gekommen. Es gab Zwischenstationen. Sieben Jahre in Paris, zwei Jahre in Brüssel, dreieinhalb Jahre bei der Kongregation für die Evangelisierung der Völker. Ein guter Puffer! Als ich Polen 1974 verließ, hieß der sozialistische Parteichef Edward Gierek, 2008 fand ich eine andere polnische Wirklichkeit vor.

Eine schönere?

Vieles hat sich natürlich verändert, aber im Gefrierfach des Kommunismus haben die polnischen Katholiken ihren Glauben doch gut konservieren können. Post-konziliare Krisen wie andernorts hat es hier nicht gegeben, sondern Kontinuität, was sicher auch ein Verdienst des früheren Primas Kardinal Stefan Wyszynski ist. Ansonsten fällt natürlich auf, dass wir heute nicht mehr in dem alten Konfrontations-Zustand leben: Wir und die Kommunisten. Es hat sich alles im Sinne der Postmoderne atomisiert. Es herrscht eine Kultur des Subjektivismus, was allerdings im Widerspruch steht zum Wahrheitsanspruch der Kirche. Der Wert des Menschen wird allzu sehr auf seine ökonomische Kaufkraft reduziert.

Ist die Zeit des Kommunismus denn wirklich restlos vorbei?

Der Kommunismus hat sich wahrscheinlich nur in das Popis-Parteien-System (PO und PiS sind die beiden wichtigsten polnischen Parteien – Anmerkung des Übersetzers) transformiert. Wir hören ständig die Parteien-Sprache. Zwei Stämme, die unaufhörlich im Kampf sind.

Was aber auch auffällt: Die Benutzung des Wortes „Nation“ geht immer mehr zurück in Polen. In Frankreich und in Deutschland, wo es Phasen der Überbetonung gab, mag das heute nicht so sehr überraschen, aber in Polen war die „Nation“ immer eine Plattform der eigenen Identität, des Existierens. Schon die Sowjets haben den Begriff „Nation“ mit dem Begriff der „Partei“ zu ersetzen versucht.

Aber Präsident Komorowski hat dem Skispringer Adam Malysz ausdrücklich als polnischem Nationalhelden gratuliert.

Das stimmt, dennoch wird heutzutage permanent von der „Gesellschaft“ gesprochen. Viel häufiger als von der „Nation“. Ontologisch gesehen ist das aber eine viel niedriger anzusehende Ausdrucksebene. Die „Gesellschaft“ ist lediglich irgendeine dürftige, x-beliebige Gruppe von Leuten. Wer die Nation verdrängt, will offenbar alte Stammeszugehörigkeiten wieder einführen.

Auch in der Kirche? Die polnische Kirche, so hört man häufig, sei in einen liberal-Europafreundlichen und einen konservativ-nationalistischen Flügel gespalten.

Das ist eine Karikatur. Ich spüre eine solche Trennung nicht. Polen hatte niemals das Gefühl, außerhalb von Europa zu sein. Wir haben viele gute Einflüsse aus anderen europäischen Staaten erhalten und auch zurückgegeben. Europa sollte überhaupt die Familie der Nationen sein, kein anonymer Kontinent ausgewaschener Regionen. In der Komplementarität der Nationen liegt der Reichtum Europas. Die Idee der Nation ist zutiefst europäisch.

Sie sind in bekannt geworden mit Ihren strengen Aussagen zur In-Vitro-Fertilisation, die Sie gänzlich ablehnen. Von katholischen Politikern Ihres Landes, wie etwa Präsident Komorowski, werden Ihre Ansichten nicht geteilt. Wer hat nun Recht in Sachen In-vitro? Der katholische Bischof oder die katholischen Politiker?

Ich habe Recht, denn meine Ansicht ist die der katholischen Kirche. Was mich also bekannt gemacht hat, ist lediglich die Position der Kirche. Die weltweite Sicht der Kirche! Schließlich lehrt die Kirche, dass man menschliches Leben zwischen Empfängnis und Tod achten soll. Man darf nicht töten. Bei der In-Vitro-Fertilisation geschieht dies aber, indem mehr Embryos angelegt werden als tatsächlich gewollt sind. Zweitens wird bei diesem Verfahren menschliches Leben im Laboratorium hergestellt, was unmenschlich ist.

Sie sagen dies auch als Arzt?

Ja, als treuer Jünger des Hippokrates.

Lässt sich beides, das Priester- und Arzt-Sein immer so leicht vereinbaren?

Nein, nicht immer. Manchmal ist es eine schwierige Ehe. Auch wenn ich mittlerweile nicht mehr praktiziere, wie noch in Afrika. Am schwierigsten ist die Zeitfrage zu regeln. Beides, das Arzt- und das Priester-Sein, verlangt viel Zeit. Doch es ergänzt sich auch gut. Die Medizin vermittelt physisches und psychisches Wissen, die Spiritualität aber ist Priesterauftrag. Beides zusammen macht die Fülle der menschlichen Existenz aus.

„Ohne Sacrum

gibt es

aber keine

Religion“

Lassen Sie uns noch kurz auf Ihre Familienwurzeln zu sprechen kommen, die deutsch sind.

Das stimmt. Meine Familie stammt ursprünglich aus Augsburg. Sie gehörte im 15. Jahrhundert zum Patriziat der Stadt. Einer meiner Vorfahren war Bürgermeister von Augsburg. Wir waren im Salzgeschäft tätig. Ein sehr teures Produkt im Mittelalter. Nachdem meine Vorfahren den Ausbruch eines Feuers in Augsburg verhinderten, wurden sie in den Adelsstand erhoben. Wir bekamen ein eigenes Familienwappen mit drei Flammen. Die drei Flammen habe ich auch in mein Bischofswappen übernommen. 1844 zog die Familie nach Warschau.

Wie gefällt Ihnen Augsburg?

Sehr schön. Besonders das Rathaus und das berühmte Marienbild, die Knotenlöserin.

Wenn man wie Sie 1942 in Warschau zur Welt gekommen ist, verbindet man mit den Deutschen aber nicht nur Angenehmes.

Ich erinnere mich nur an sowjetische Soldaten.

Was kann die katholische Kirche in Deutschland und in ganz Europa von der Kirche in Polen lernen?

Vor allem das Gefühl des Sacrums. Das hat der Westen größtenteils verloren. Ohne Sacrum gibt es aber keine Religion. Zweitens: Das Beichten. Im Westen gehen nur die Eliten noch beichten. In Belgien, in Frankreich, in Italien. Die gewöhnlichen Katholiken kaum. Das Bewusstsein des Sacrums führt aber immer über die Gewissenserforschung. Durch das Sacrum wird deutlich: Die andere Person ist nicht nur Materie, sondern von Gott geschaffen. Kein Werkzeug, sondern sakral.