Jesus widerlegt den Versucher

Dtn 26, 4–10

Röm 10, 8–13

Lk 4, 1–13

Vierzig Tage oder Jahre ist in der Bibel die heilige Zahl für die Zeitspanne der Begegnung zwischen Gott und Mensch. Daher dauert die Wüstenwanderung Israels dem Buch Deuteronomium zufolge vierzig Jahre, und daher ist Jesus vierzig Tage in der Wüste, um vom Teufel versucht zu werden. Daher dauert die Zeit zwischen Ostern und Himmelfahrt vierzig Tage, daher hält die Kirche für Verstorbene nach vierzig Tagen ein Sechs-Wochen-Amt. Und sieben mal vierzig Tage dauert eine Schwangerschaft. So ist die vierzig eine natürlich-übernatürliche Zahl. Immer wieder steht sie für das Werden neuen Lebens. Nirgends ist so klar, dass die biblische Religion lebensbejahend ist und die Natur nicht zerstört, sondern vollendet.

Die drei Lesungen passen unter mehreren Gesichtspunkten gut zusammen. Unter dem Aspekt des „wer?“ spricht das Buch Deuteronomium von Gottes Taten an Israel, der Römerbrief von der Möglichkeit zu glauben für Juden und Heiden, und Lukas spricht von der Gotteskindschaft, die Jesus als erster beanspruchen kann. Das Nacheinander der Texte steht daher für Ausweitung und Qualifizierung des Gottesvolkes. Durch die Versuchung wird der Gottessohn genauso auf die Probe gestellt in seinem Glauben wie Israel in den vierzig Jahren der Wüstenwanderung.

Sodann passen die drei Texte unter dem Gesichtspunkt des „Glaubens“ zusammen. Die Lesung aus Deuteronomium ist für Gerhard von Rad und seine Schule so etwas wie ein „heilsgeschichtliches Credo“. Das heißt: der Text fasst die wichtigen Stationen von Gottes Heilshandeln an Israel erzählerisch (narrativ) kurz zusammen. Allerdings fehlt das Sinai-Geschehen; für diesen Sonntag wird genau dieses aber im zehnten Kapitel des Römerbriefs nachgeholt. Darin geht es ganz explizit um den Glauben an Jesu Auferstehung und das Bekenntnis dazu, und im vierten Kapitel des Lukasevangeliums wird wie in allen Versuchungsberichten der Glaube erprobt.

Das Thema (Glaube und) Versuchung wird umso brisanter, als im 26. Kapitel von Deuteronomium und im vierten Kapitel des Lukasevangeliums die „Kulisse“ eine Wüstenlandschaft ist. Denn die Wüste ist in der Bibel und später in christlicher Spiritualität stets der ideale Ort, um grundsätzliche Fragen zu klären. So wird die Wüste selbst in ihrer Lebensfeindlichkeit und aggressiv-bedrohlichen Tendenz, sich auszubreiten und alles zu töten, was sich ihr aussetzt, zum Bild für die Mächte des Zweifelns und der Verzweiflung, des Nihilismus und des oft verzweifelten Kampfes des Lebens gegen die Macht des Todes. Indem die biblischen Schriften immer wieder die Wüste als den Ort der Bewährung nennen, zeigt sie, dass der schöpfungsgemäße Kampf des Lebens um sich selbst und gegen den Tod mit Gottes Hilfe fortdauert.

Schließlich zeigen das zehnte Kapitel des Römerbriefs und das vierte Kapitel des Lukasevangeliums, wie das Alte Testament („die Schrift“) in das Neue hineinragt. Die Texte über die Nähe von Gottes Wort bei den Menschen werden ausgelegt und erfüllt in den Aussagen über das Bekennen mit Herz und Mund, und Jesus widerlegt den Versucher mit Schriftstellen, die zumeist aus dem Buch Deuteronomium kommen.

Vor allem aber geht es in den drei Texten um Werte und Höchstwerte und damit um ein in der Fastenzeit brisantes Thema. Das „Land“ ist Thema im 26. Kapitel des Buches Deuteronomium. Denn hier wird der Weg in das verheißene Land geschildert. Zu allen Zeiten und bis heute ist das „Land“ für Israel der Höchstwert. Bis heute gerät öfter selbst der Weltfrieden in Gefahr wegen dieser Verheißung. Die spätere Kirche deutet das verheißene Land als das Licht bei Gott selbst; so heißt es im Offertorium zum alten Requiem „der Erzengel Michael... führe sie in das Licht, das du einst verheißen hast Abraham und seinem Samen.“

Im zehnten Kapitel des Römerbriefs ist der Höchstwert das Heil, die Rettung, das Nicht-zuschanden-werden. Nach dem vierten Kapitel des Lukasevangeliums ist die Gotteskindschaft das Höchste, und ihr gegenüber werden andere Werte wie Sättigung, Weltherrschaft und Reichtum abgewertet. Insofern ist Jesu Versuchung durch den Teufel ein Disput um Werte. Der Teufel versucht, Jesus von seiner Sendung abzubringen, indem er ihm Werte mit kurzfristigem Verfallsdatum in Aussicht stellt. Denn darum geht es hier der Reihe nach: Erstens möchte der Teufel Jesus dazu bringen, seine Vollmacht und speziell die Wundervollmacht zu eigenen Zwecken und zum eigenen Wohlergehen zu missbrauchen (Lk 4, 3f). Doch Jesus ist nicht der Arzt, der sich selbst zuerst hilft, der sich zunächst in Sicherheit bringt. Er ist eher wie der Kapitän, der als letzter das sinkende Schiff verlässt. Bis heute gelten die Forderungen, sich nicht zuerst die Taschen vollzustopfen, für Minister und Beamte.

An zweiter Stelle steht die Verlockung, Macht über möglichst die ganze Welt zu genießen unter der Bedingung der Anbetung des Teufels. Der Pakt, den nach Goethes Faust I Faust mit dem Teufel schließt, ist von dieser Art. Da jede Macht eine Art der Verselbstständigung kennt und grenzenlos werden möchte, kommt jede Macht auf dem Weg der Selbstdurchsetzung früher oder später in Konflikt mit Gottes Geboten. In der Geschichte war dieses die Rolle der Propheten und Märtyrer. Wie oft sind sie zum persönlichen Feind des launischen Tyrannen erklärt worden.

Schließlich geht es darum, Gott selbst zu versuchen, indem man Schriftstellen gegen ihn ausspielt. Muss Gott mich nicht schützen, da er doch in der Bibel selbst gesagt hat, er werde für den Gerechten sorgen? Und ist Gott nicht verpflichtet, kein Erdbeben kommen zu lassen, weil er doch allmächtig ist? Macht es nicht die Allmacht Gott leicht, immer und überall zugunsten seiner Anhänger zu wirken? Es geht hier auch um die Anfechtung durch die offene Theodizeefrage. Aber Gott „muss“ gar nicht, und der Mensch ist nicht in der Lage, Gott unter Berufung auf Schriftworte zu etwas zu zwingen. Dass Gott die Seinen von sich aus schützt, nur eben nicht, wenn man ihn provokativ auf die Probe stellt, wird gerade der Evangelist Lukas noch in demselben Kapitel sagen, wenn er schildert, wie es den Feinden Jesu nicht gelingen wird, ihn vom Berg bei Nazareth hinabzustürzen. Es geht um denselben Tatbestand des Sturzes aus der Höhe.– Was aber, wenn Gott nicht schützt? Dann schützt er später, wie an der Auferstehung Jesu sichtbar.

Abwarten, nicht aussitzen

Offenbar ist Lukas der Auffassung, diese drei Themen bezeichneten die Schwerpunkte in den Versuchungen Jesu (vgl. Lk 22, 29), die ihn offenbar die gesamte Wirksamkeit über begleitet haben.

Schließlich ist dieser Gesichtspunkt den drei Texten gemeinsam: Von der Ankündigung bis zur Einlösung des Versprechens durch Gott vergeht immer viel Zeit. Diese Zeit ist geduldig abzuwarten, nicht auszusitzen. Aus diesem Grund ist das Credo schon im Alten Testament, aber auch eben nachher in der Kirche„narrativ“ formuliert, als erzählte Geschichte. Denn zum Glauben und Bekennen gehört immer der Weg durch die Versuchung, und das heißt: Zeit der Erprobung, Strecke des geduldigen Wartens, Gefahr des Abstürzens.

In der Gegenwart ist es nach meiner Einschätzung notwendig, die Fastenzeit im Zusammenhang mit dem Fest zu sehen, auf das sie vorbereitet. So wie es auch Ansätze dazu gibt, auch die Adventszeit als quadragesimale (40-tägige) Fastenzeit zu halten. So wie vor allem im Neuen Testament vor jeder Weihe, Aussendung oder Beauftragung (der Kandidat und) die Gemeinde in Fasten und Beten verharrt. Denn Fasten nebst zugehöriger Anfechtung führt dem Menschen angesichts des kommenden Festes vor Augen, wer er selbst ist, wie seine Lage ist und dass er auf die Zuwendung Gottes mit allen Fasern seiner Existenz angewiesen ist, wie ein Kranker auf heilsame Medizin.

So ist Jesu Versuchung die Versuchung „nach“, denn in ihr wird die Gottessohnschaft, die in der Taufe Jesus ausdrücklich zugesprochen wird, auf die Probe gestellt, ob sie denn echt sei. Die Versuchung Israels auf dem Wüstenzug in das gelobte Land ist dagegen die Versuchung „vor“. Sie testet das Volk, ob es denn würdig und aufnahmebereit ist, das große Geschenk Gottes in Empfang zu nehmen. So ist es auch mit dem Fasten vor Ostern und vor den Weihen der Kirche. Das leibliche Fasten ist nicht Selbstzweck oder ein Weg zur kalkulierten Gewichtsabnahme. In dem kirchlichen Fasten hält sich die Grunderfahrung biblischer Religion, dass Verzicht auf Nahrung in ein ganzes Bündel von Schritten gehört, die insgesamt dem Menschen vor Augen führen, dass sein leiblicher Zustand und sein geistliches Sein im Verhältnis kommunizierender Röhren stehen. So ist es nach katholischer Auffassung immer im Verhältnis zwischen Leibhaftigkeit und Heiligem Geist. Letztlich geht es darum: Leben von dem Brot, das Christus ist. Im Warten darauf mit der ganzen Existenz wahrnehmen, was Durst und Hunger ist, eben die Zwischenzeit als Chance wahrnehmen, die Sehnsucht, sich erneuern zu lassen. Klaus Berger