„Jesus verbindet, er grenzt nicht aus“

Im Wortlaut der Brief von Papst Franziskus an Eugenio Scalfari, der in der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ am 11. September veröffentlicht wurde

Die Einladung des Papstes zu einem Dialog gilt auch für Nichtchristen. Foto: dpa
Die Einladung des Papstes zu einem Dialog gilt auch für Nichtchristen. Foto: dpa

Sehr geehrter Herr Dr. Scalfari, gerne möchte ich versuchen – wenn auch nur in groben Zügen –, mit diesem meinem Schreiben den Brief zu beantworten, den Sie am 7. Juli über die Zeitung „La Repubblica“ an mich richten wollten und der eine Reihe persönlicher Überlegungen enthielt, die Sie dann in der Nummer vom 7. August weiter ausgeführt haben.

Ich danke Ihnen zunächst für die Aufmerksamkeit, mit der Sie die Enzyklika Lumen fidei lesen wollten. Denn sie ist entsprechend der Absicht meines geliebten Vorgängers Benedikt XVI., der sie konzipiert und in weiten Teilen verfasst hat und von dem ich sie dankbar übernommen habe, nicht nur darauf ausgerichtet, diejenigen im Glauben an Jesus Christus zu bestärken, die sich bereits dazu bekennen, sondern auch einen aufrichtigen und ernsten Dialog mit jenen auszulösen, die sich, wie Sie, als „Nichtgläubigen, der seit vielen Jahren an der Verkündigung Jesu von Nazareth interessiert und von ihr fasziniert ist“, bezeichnen.

Mir scheint es also sicher positiv, nicht nur für uns als Einzelne, sondern auch für die Gesellschaft, in der wir leben, wenn wir uns mit dem Dialog über etwas so Wichtiges wie den Glauben befassen, der sich auf die Verkündigung und die Gestalt Jesu beruft. Ich glaube, es sind vor allem zwei Umstände, die diesen Dialog heute geboten und wertvoll erscheinen lassen.

Im übrigen ist dieser Dialog bekanntlich eines der Hauptanliegen des von Johannes XXIII. gewollten Zweiten Vatikanischen Konzils und des Amts der Päpste, von denen jeder mit seinem persönlichen Gespür und seinem persönlichen Beitrag von damals bis heute der Spur gefolgt ist, die das Konzil aufgezeichnet hat.

Der erste Umstand – worauf auf den ersten Seiten der Enzyklika hingewiesen wird – ergibt sich aus der Tatsache, dass wir im Laufe der Jahrhunderte der Moderne, einem Paradox beiwohnen: Der christliche Glaube, dessen Neuheit und dessen Auswirkung auf das Leben der Menschen von Anfang an gerade durch das Symbol des Lichts ausgedrückt wurde, ist häufig als finsterer Aberglaube abgestempelt worden, der sich dem Licht der Vernunft entgegensetzt. So ist zwischen der Kirche und der christlich inspirierten Kultur auf der einen Seite und der modernen Kultur aufklärerischer Prägung auf der anderen das Problem entstanden, dass man einander nicht mehr versteht. Es ist jetzt die Zeit gekommen – und das Zweite Vatikanum hat eben diesen Zeitraum eingeläutet – einen offenen und vorurteilsfreien Dialog zu führen, der die Türen zu einer aufrichtigen und fruchtbaren Begegnung wieder öffnet.

Der zweite Umstand ergibt sich für diejenigen, die versuchen, dem Geschenk treu zu sein, Jesus im Licht des Glaubens nachzufolgen, aus der Tatsache, dass dieser Dialog im Dasein des Gläubigen nicht etwas Nebensächliches darstellt: Er ist vielmehr innerer und notwendiger Ausdruck. Gestatten Sie mir, Ihnen dazu eine meiner Meinung nach äußerst wichtige Aussage der Enzyklika zu zitieren: Da die vom Glauben bezeugte Wahrheit die Wahrheit der Liebe ist – so wird dort hervorgehoben – „wird deutlich, dass der Glaube nicht unnachgiebig ist, sondern im Miteinander wächst, das den anderen respektiert. Der Gläubige ist nicht arrogant; im Gegenteil, die Wahrheit lässt ihn demütig werden, da er weiß, dass nicht wir sie besitzen, sondern vielmehr sie es ist, die uns umfängt und uns besitzt. Weit davon entfernt, uns zu verhärten, bringt uns die Glaubensgewissheit in Bewegung und ermöglicht das Zeugnis und den Dialog mit allen“ (Nr. 34). Von diesem Geist sind die Worte beseelt, die ich Ihnen schreibe.

Der Glaube ist für mich aus der Begegnung mit Jesus hervorgegangen. Einer persönlichen Begegnung, die mein Herz berührt und meinem Dasein eine Richtung und einen neuen Sinn gegeben hat. Doch gleichzeitig einer Begegnung, die durch die Glaubensgemeinschaft ermöglicht wurde, in der ich gelebt und dank derer ich den Zugang zum Verständnis der Heiligen Schrift gefunden habe, zu dem neuen Leben, das wie strömendes Wasser durch die Sakramente aus Jesus hervorquellt, zur Brüderlichkeit mit allen Menschen und zum Dienst für die Armen, dem wahren Bild des Herrn. Ohne die Kirche – glauben Sie mir – hätte ich Jesus nicht begegnen können, selbst in dem Bewusstsein, dass jenes immense Geschenk, das der Glaube darstellt, in den schwachen, tönernen Gefäßen unserer Menschheit bewahrt wird.

Nun, gerade davon ausgehend, von dieser persönlichen Erfahrung des in der Kirche gelebten Glaubens, fällt es mir nicht schwer, Ihre Fragen anzuhören und gemeinsam mit Ihnen nach Wegen zu suchen, auf denen wir möglicherweise beginnen können, ein Stück weit gemeinsam zu gehen.

Verzeihen Sie mir, wenn ich nicht Schritt für Schritt die Gedankengänge verfolge, die Sie in Ihrem Leitartikel vom 7. Juli anführen. Es scheint mir einträglicher – und außerdem entspricht es mir eher – gewissermaßen zum Kern Ihrer Betrachtungen vorzudringen. Ich möchte auch nicht auf den von der Enzyklika verfolgten Darstellungsmodus eingehen, in dem Sie das Fehlen eines Abschnitts ausmachen, der sich besonders mit der historischen Erfahrung Jesu von Nazareth befasst.

Ich möchte zunächst nur feststellen, dass eine Analyse dieser Art nicht nebensächlich ist. Es geht in der Tat darum – wenn man im Übrigen der Logik folgt, von der die Entfaltung der Enzyklika geleitet wird –, die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung dessen zu richten, was Jesus gesagt und getan hat, und somit letztlich darauf, was Jesus für uns war und ist. Die Paulusbriefe und das Evangelium des Johannes, auf die sich die Enzyklika besonders bezieht, bauen in der Tat auf dem festen Fundament des messianischen Dienstes Jesu von Nazareth auf, der im Pascha des Todes und der Auferstehung seinen entscheidenden Höhepunkt erreichte.

Es ist also notwendig, würde ich sagen, sich mit Jesus in der Konkretheit und Rauheit seiner Geschichte auseinanderzusetzen, so wie sie vor allem im ältesten der Evangelien, im Markusevangelium, erzählt wird. Man stellt dann fest, dass das „Ärgernis“, das durch das Wort und die Vorgehensweise Jesu um ihn herum hervorgerufen wird, vor allem eine Folge seiner außergewöhnlichen „Vollmacht“ ist: ein Begriff, der vom Evangelium des Markus an belegt ist, der jedoch nicht leicht wiederzugeben ist. Das griechische Wort lautet „exousia“, was wörtlich auf das verweist, was „vom Sein abstammt“, das man ist. Es handelt sich also nicht um etwas Äußeres und Aufgezwungenes, sondern um etwas, das von innen ausgeht und sich von selbst aufdrängt. Jesus beeindruckt, versetzt in Erstaunen, erneuert – wie er selbst sagt – ausgehend von seiner Beziehung zu Gott, den er auf vertraute Weise „Vater“ nennt und der ihm diese „Vollmacht“ erteilt, damit er sie für die Menschen verwende.

So predigt Jesus „wie jemand, der Vollmacht hat“, er heilt, er beruft die Jünger, ihm zu folgen, er vergibt...: alles Dinge, die im Alten Testament zu Gott – und nur zu Gott – gehören. Die Frage „Wer ist dieser...“, die im Evangelium des Markus mehrfach auftaucht und sich auf die Identität Jesu bezieht, entspringt dem Konstatieren einer Vollmacht, die sich von weltlicher Vollmacht unterscheidet, einer Vollmacht, die nicht darauf ausgerichtet ist, Macht über andere Menschen auszuüben, sondern ihnen zu dienen, ihnen Freiheit und Fülle des Lebens zu geben. Und das bis zu dem Punkt, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, Unverständnis, Verrat, Ablehnung zu erfahren, zum Tod verurteilt zu werden, in den Zustand der Verlassenheit am Kreuz zu stürzen. Doch Jesus bleibt Gott treu, bis zum Schluss.

Und gerade da – wie der römische Hauptmann zu Füßen des Kreuzes im Markusevangelium sagt – zeigt sich Jesus paradoxerweise als der Sohn Gottes! Sohn eines Gottes, der die Liebe ist, und der mit seinem ganzen Ich wünscht, dass der Mensch, dass jeder Mensch sich ebenfalls als sein wahres Kind entdeckt und lebt. Das wird für den christlichen Glauben durch die Tatsache bestätigt, dass Jesus auferstanden ist: nicht, um über diejenigen zu triumphieren, die ihn abgelehnt haben, sondern um zu bezeugen, dass die Liebe Gottes stärker ist als der Tod, die Vergebung Gottes stärker als jede Sünde, und dass es sich lohnt, sein Leben ganz hinzugeben, um Zeugnis für dieses unsägliche Geschenk abzulegen.

Der christliche Glaube glaubt das: dass Jesus der Sohn Gottes ist, der gekommen ist, sein Leben hinzugeben, um für alle den Weg der Liebe zu öffnen. Sie haben also recht, verehrter Herr Dr. Scalfari, wenn Sie in der Fleischwerdung des Sohnes Gottes den Angelpunkt des christlichen Glaubens sehen. Schon Tertullian schrieb „caro cardo salutis“: Das Fleisch (Christi) ist der Angelpunkt des Heils. Denn die Fleischwerdung, also die Tatsache, dass der Sohn Gottes unser Fleisch angenommen und unsere Leiden und Freuden geteilt hat, die Siege und Niederlagen unseres Daseins, bis hin zum Aufschrei am Kreuz, indem er alles in der Liebe und in der Treue zum Vater lebte, bezeugt die unglaubliche Liebe Gottes zu jedem Menschen, den unermesslichen Wert, den er ihm zuschreibt. Jeder von uns ist daher berufen, sich den Blick und die Entscheidung der Liebe Jesu zu eigen zu machen, in Seine Art des Daseins, des Denkens und des Handelns einzutreten. Das ist der Glaube, mit all seinen Ausdrucksformen, die in der Enzyklika genau beschrieben werden.

In Ihrem Leitartikel vom 7. Juli fragen Sie mich auch, wie die Besonderheit des christlichen Glaubens zu verstehen sei, insofern sein Drehpunkt die Fleischwerdung des Sohnes Gottes ist, im Vergleich zu anderen Religionen, bei denen hingegen alles um die absolute Transzendenz Gottes kreist.

Die Besonderheit, würde ich sagen, besteht gerade in der Tatsache, dass der Glaube uns in Jesus an der Beziehung teilhaben lässt, die Er zu Gott, dem Vater, hat, und in diesem Licht an der Beziehung, die Er, im Zeichen der Liebe, zu allen Menschen hat, einschließlich der Feinde. Mit anderen Worten: die Sohnschaft Jesu, wie der christliche Glaube sie uns darstellt, wird nicht offenbart, um eine unüberwindbare Trennung zwischen Jesus und allen anderen zu bezeichnen, sondern um uns zu sagen, dass wir in Ihm alle berufen sind, Kinder des einen Vaters und untereinander Geschwister zu sein. Die Einzigartigkeit Jesu besteht darin, zu verbinden, nicht darin, auszugrenzen.

Gewiss, daraus ergibt sich auch – und das ist keine Belanglosigkeit – jene Unterscheidung zwischen religiösem und politischem Bereich, die durch die Worte bekräftigt wird „gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“, die Jesus deutlich ausspricht und auf denen mühevoll die Geschichte des Abendlands erbaut wurde. Die Kirche ist in der Tat berufen, den Sauerteig und das Salz des Evangeliums zu säen – also die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes, die jeden Menschen erreichen – und auf das überirdische und endgültige Ziel unseres Schicksals hinzuweisen, während der bürgerlichen und politischen Gesellschaft die schwierige Aufgabe zukommt, ein immer humaneres Leben in Gerechtigkeit und Solidarität, im Recht und im Frieden zu artikulieren und zu verkörpern. Für jemanden, der den christlichen Glauben lebt, bedeutet das nicht Flucht aus der Welt oder Suche nach irgendeiner Vorherrschaft, sondern dem Menschen zu dienen, dem ganzen Menschen und allen Menschen, ausgehend von den Rändern der Geschichte, und den Sinn der Hoffnung wach zu halten, die dazu drängt, trotz allem das Gute zu tun und immer über die Dinge hinaus zu blicken.

Sie fragen mich am Ende Ihres ersten Artikels auch, was man den jüdischen Brüdern über die ihnen von Gott gegebene Verheißung sagen soll: Ist sie ganz und gar fehlgeschlagen? Das ist – glauben Sie mir – eine Frage, die uns als Christen zutiefst herausfordert, denn mit Gottes Hilfe haben wir vor allem ausgehend vom Zweiten Vatikanischen Konzil wieder entdeckt, dass das jüdische Volk für uns immer noch die heilige Wurzel ist, aus der Jesus hervorgegangen ist. Auch ich habe, in der Freundschaft, die ich im Laufe aller dieser Jahre in Argentinien zu den jüdischen Brüdern gepflegt habe, oftmals Gott im Gebet befragt, vor allem, wenn ich mich gedanklich an die schreckliche Erfahrung der Shoah erinnerte. Was ich Ihnen – mit dem Apostel Paulus – sagen kann, ist, dass Gottes Treue zu seinem mit Israel geschlossenen Bund niemals nachgelassen hat und dass die Juden über die schrecklichen Prüfungen dieser Jahrhunderte hinweg ihren Glauben an Gott bewahrt haben. Und dafür können wir ihnen als Kirche, aber auch als Menschheit nie dankbar genug sein. Sie rufen dann gerade dadurch, dass sie im Glauben an den Gott des Bundes verharren, allen, auch uns Christen, die Tatsache in Erinnerung, dass wir immer, wie Pilger, auf die Rückkehr des Herrn warten, und dass wir folglich immer offen für Ihn sein müssen und uns niemals in Sicherheit wähnen dürfen hinsichtlich dessen, was wir bereits erreicht haben.

So komme ich zu den drei Fragen, die Sie mir in Ihrem Artikel vom 7. August stellen. Mir scheint, dass es Ihnen in den ersten beiden am Herzen liegt, die Haltung der Kirche gegenüber denen, die den Glauben nicht teilen, zu verstehen. Zunächst fragen Sie mich, ob der Gott der Christen denen vergibt, die nicht glauben und den Glauben nicht suchen. Vorausgesetzt – und das ist das Wesentliche –, dass Gottes Barmherzigkeit grenzenlos ist, wenn man sich mit aufrichtigem und reuigem Herzen an Ihn wendet, besteht die Frage für diejenigen, die nicht an Gott glauben, darin, ob sie ihrem Gewissen gehorchen. Die Sünde besteht darin – auch für diejenigen, die nicht glauben –, gegen das eigene Gewissen zu handeln. Auf das Gewissen zu hören und ihm zu folgen bedeutet, sich gegenüber dem, was als gut oder als böse wahrgenommen wird, zu entscheiden. Und von dieser Entscheidung hängt die Gutheit oder die Bösartigkeit unseres Handelns ab.

Dann fragen Sie mich, ob der Gedanke, demzufolge kein Absolutes und folglich auch keine absolute Wahrheit existiert, sondern nur eine Reihe relativer und subjektiver Wahrheiten, ein Irrtum oder eine Sünde ist. Zunächst würde ich nicht einmal bei jemandem, der glaubt, von „absoluter“ Wahrheit sprechen, in dem Sinne, dass „absolut“ etwas ist, das in keinem Zusammenhang steht, das bar jeder Beziehung ist. Nun, die Wahrheit nach dem christlichen Glauben ist die Liebe Gottes zu uns in Jesus Christus. Die Wahrheit ist also eine Beziehung! So stimmt es, dass auch jeder von uns die Wahrheit von sich ausgehend erfasst und zum Ausdruck bringt: von seiner Geschichte und Kultur, von seiner Lebenssituation usw. Das bedeutet nicht, dass die Wahrheit variabel und subjektiv wäre, keineswegs. Doch es bedeutet, dass sie sich uns immer und nur wie ein Weg und ein Leben erschließt. Hat Jesus etwa nicht selbst gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit, das Leben“? Mit anderen Worten, da die Wahrheit letztlich eins mit der Liebe ist, erfordert sie die Demut und die Offenheit, gesucht, angenommen und zum Ausdruck gebracht zu werden. Man muss sich also klar über die Begriffe verständigen und vielleicht, um aus dem Engpass eines „absoluten“ Gegensatzes herauszukommen, die Frage zutiefst neu stellen. Ich denke, dass das heute absolut notwendig ist, um jenen ruhigen und konstruktiven Dialog einzuleiten, den ich mir zu Beginn dieser meiner Worte gewünscht habe.

In der letzten Frage möchten Sie von mir wissen, ob mit dem Verschwinden des Menschen von der Erde auch der Gedanke, der Gott zu denken vermag, verschwinden wird. Gewiss, die Größe des Menschen besteht darin, Gott denken zu können. Darin, eine bewusste und verantwortungsvolle Beziehung zu Ihm leben zu können. Doch die Beziehung besteht zwischen zwei Wirklichkeiten. Gott – das denke ich und das ist meine Erfahrung, doch wie viele, gestern und heute, teilen sie! – ist keine – wenn auch äußerst erhabene – Idee, eine Frucht des menschlichen Denkens. Gott ist die Wirklichkeit schlechthin! Jesus offenbart ihn uns – und lebt die Beziehung zu Ihm – als einen Vater unendlicher Güte und Barmherzigkeit. Gott ist also nicht von unseren Gedanken abhängig. Im übrigen würde der Mensch, auch wenn das Leben des Menschen auf der Erde zu Ende ginge – und für den christlichen Glauben ist diese Welt, so wie wir sie kennen, in jedem Fall dazu bestimmt, zu vergehen –, nicht aufhören zu existieren, und auf eine Weise, die wir nicht kennen, auch das mit ihm geschaffene Universum. Die Schrift spricht von einem „neuen Himmel“ und einer „neuen Erde“ und erklärt, dass am Ende, in dem Wo und Wie, das über uns hinausgeht, nach dem wir jedoch im Glauben voller Sehnsucht und Erwartung streben, Gott „alles in allem“ sein wird.

Verehrter Herr Dr. Scalfari, so möchte ich meine Überlegungen abschließen, die durch das hervorgerufen wurden, was Sie mir mitteilen und mich fragen wollten. Nehmen Sie sie als vorläufige und provisorische, aber aufrichtige und vertrauensvolle Antwort auf die darin wahrgenommene Einladung an, ein Stück des Weges gemeinsam zurückzulegen. Glauben Sie mir, die Kirche hat trotz der Schwerfälligkeit, der Untreue, der Irrtümer und der Sünden, die sie in denen begangen haben kann und noch begehen können wird, aus denen sie sich zusammensetzt, keinen anderen Sinn und kein anderes Ziel, als Jesus zu leben und zu bezeugen: Er, der vom Vater gesandt wurde, „damit er den Armen eine gute Nachricht bringe; damit er den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit er die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (vgl. Lk 4,18–19).

Mit brüderlicher Nähe,

Franziskus

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller.