Jesus ist die Quelle des Lebens

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters beim Angelus am 1. Juli.

Ansprache des Heiligen Vaters beim Angelus am 1. Juli.
Papst Franziskus. Foto: Claudio Peri/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Foto: Claudio Peri (ANSA)

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Das Evangelium des heutigen Sonntags (vgl. Mk 5,21-43) spricht von zwei Wundern, die Jesus gewirkt hat, und beschreibt sie dabei fast wie eine Art Siegeszug zum Leben.

Zunächst berichtet das Evangelium von einem gewissen Jaïrus, einem der Synagogenvorsteher, der zu Jesus kommt und ihn anfleht, ihn nach Hause zu begleiten, weil seine zwölfjährige Tochter im Sterben liegt. Jesus nimmt die Bitte an und geht mit ihm; doch unterwegs erhalten sie die Nachricht, dass das Mädchen gestorben ist. Wir können uns die Reaktion jenes Vaters vorstellen. Jesus jedoch sagt zu ihm: „Sei ohne Furcht; glaube nur!“ (V. 36). Vor dem Haus des  Jaïrus angelangt, schickt Jesus die Leute heraus, die weinen – auch die Klageweiber waren dort, die laut schrien –, tritt allein mit den Eltern und den drei Jüngern ein, wendet sich an die Verstorbene und sagt: „Mädchen, ich sage dir, steh auf!“ (V. 41). Und sofort steht das Mädchen auf, als wäre es aus einem tiefen Schlaf erwacht (vgl. V. 42).

In die Erzählung dieses Wunders fügt Markus ein weiteres ein: die Heilung einer Frau, die unter Blutfluss litt und geheilt wurde, sobald sie das Gewand Jesu berührt hatte (vgl. V. 27). Hier beeindruckt die Tatsache, dass der Glaube dieser Frau die göttliche Heilmacht anzieht – ich möchte fast sagen „raubt“ -, die in Christus ist, der, nachdem er spürt, „dass eine Kraft von ihm ausströmte“, zu verstehen versucht, wer das war. Und als die Frau beschämt vortritt und alles gesteht, sagt Er zu ihr: „Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen“ (V. 34).

Es handelt sich um zwei ineinandergeschobene Erzählungen mit einem einzigen Zentrum: dem Glauben; und sie zeigen Jesus als Quelle des Lebens, als Den, der denen, die ihm ganz vertrauen, das Leben zurückgibt. Die beiden Protagonisten, der Vater des Mädchens und die kranke Frau, sind keine Jünger Jesu und doch werden sie aufgrund ihres Glaubens erhört. Sie glauben an jenen Mann. Von daher verstehen wir, dass auf dem Weg des Herrn alle zugelassen sind: niemand muss sich wie ein Eindringling, ein Unbefugter, ein Unberechtigter fühlen. Um Zugang zu Seinem Herzen zu haben, zum Herzen Jesu, bedarf es nur einer Voraussetzung: sich als der Heilung bedürftig zu empfinden und sich Ihm anzuvertrauen. Ich frage Euch: fühlt jeder von Euch sich der Heilung bedürftig? Von irgendetwas, von einer Sünde, von einem Problem? Und wenn er das fühlt, glaubt er an Jesus? Das sind die beiden Voraussetzungen, um geheilt zu werden, um Zugang zu seinem Herzen zu haben: sich als der Heilung bedürftig zu empfinden und sich Ihm anzuvertrauen. Jesus geht diese Menschen in der Menge suchen und zieht sie aus der Anonymität heraus, befreit sie von ihrer Angst zu leben und etwas zu wagen. Er tut dies mit einem Blick und einem Wort, das sie nach so vielen Leiden und Demütigungen wieder auf den Weg bringt. Auch wir sind gerufen, diese befreienden Worte und diese Blicke, die denen ihre Lebenslust zurückgeben, die sie verloren haben, zu lernen und nachzuahmen.

In diesem Abschnitt des Evangeliums vermischen sich die Themen des Glaubens und des neuen Lebens, das allen anzubieten Jesus gekommen ist. Nachdem er das Haus betreten hat, in dem das Mädchen liegt, jagt er die heraus, die sich aufregen und klagen (vgl. V. 40), und sagt: „Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur“ (V. 39). Jesus ist der Herr, und vor ihm ist der leibliche Tod wie ein Schlaf: es gibt keinen Grund, zu verzweifeln. Der Tod, vor dem man Angst haben muss, ist ein anderer: der Tod eines vom Bösen verhärteten Herzen! Vor dem ja, vor dem müssen wir Angst haben! Wenn wir spüren, dass unser Herz verhärtet ist – ein Herz, das verhärtet, ist, ich erlaube mir diesen Begriff: ein mumifiziertes Herz -, dann müssen wir davor Angst haben. Das ist der Tod des Herzens. Doch auch die Sünde, auch ein mumifiziertes Herz ist für Jesus nie das letzte Wort, denn er hat uns die unendliche Barmherzigkeit des Vaters gebracht. Und selbst wenn wir tief gefallen sind, erreicht uns seine sanfte, starke Stimme: „Ich sage dir, steh auf! Komm. Steh auf, Mut, steh auf!“. Jesus gibt dem Mädchen das Leben zurück und er gibt der geheilten Frau das Leben zurück: Leben und Glauben an beide.

Bitten wir die Jungfrau Maria, unseren Weg des Glaubens und der konkreten Liebe - vor allem gegenüber den Bedürftigsten - zu begleiten. Und rufen wir ihre mütterliche Fürsprache für unsere Brüder und Schwestern an, die an Leib und Seele leiden.

Nach dem Gebet des Angelus und vor den Grüßen an einzelne Gruppen auf dem Petersplatz, unter anderem eine Gruppe von Firmlingen der Gemeinde Maria Himmelfahrt in Schattdorf, sagte der Papst:

Liebe Brüder und Schwestern!

Erneut möchte ich für die Bevölkerung Nicaraguas beten und mich den Bemühungen der Bischöfe des Landes und vieler Menschen guten Willens in ihrer Rolle als Vermittler und Zeugen im nationalen Prozess des Dialogs auf dem Weg zur Demokratie anschließen.

Die Lage in Syrien bleibt ernst, vor allem in der Provinz Daraa, wo die militärischen Aktionen der vergangenen Tage auch Schulen und Krankenhäuser getroffen haben und tausende neuer Flüchtlinge die Folge sind. Ich werde weiter für sie beten und möchte zudem erneut dazu aufrufen, dass der schon seit Jahren schwer geprüften Bevölkerung weitere Leiden erspart werden mögen.

Inmitten so vieler Konflikte muss auf eine Initiative hingewiesen werden, die als historisch und auch als eine gute Nachricht bezeichnet werden kann: nach zwanzig Jahren haben die Regierungen von Äthiopien und Eritrea in diesen Tagen endlich wieder gemeinsam über den Frieden gesprochen. Möge diese Begegnung ein Licht der Hoffnung für diese beiden Länder am Horn von Afrika und für den ganzen Kontinent entzünden.

Die Jugendlichen, die seit mehr als einer Woche in einer unterirdischen Höhle in Thailand vermisst werden, möchte ich ebenfalls meines Gebets versichern.

Am kommenden Samstag werde ich mich gemeinsam mit vielen Oberhäuptern der christlichen Kirchen und Gemeinden des Nahen Ostens nach Bari begeben. Wir werden einen Tag des Gebets und des Nachdenkens über die immer noch dramatische Situation jener Region, wo viele unserer Brüder und Schwestern im Glauben weiterhin leiden müssen, zusammen verleben und mit einer einzigen Stimme bitten: „In dir sei Friede“ (Ps 122,8). Ich bitte alle, diese Pilgerreise des Friedens und der Einheit mit ihrem Gebet zu begleiten.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller