Jesus, das Fundament der Kirche

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz vom 16. Oktober 2013

Farbenfroher Glanzpunkt: Zum 125jährigen Bestehen der Liebfrauenschule und des Klosters Mülhausen (Kreis Viersen in Nordrhein-Westfalen) war die ganze Schule nach Rom gereist und nahm mit buntem Transparent an der Generalaudienz teil. Foto: Ahlen
Farbenfroher Glanzpunkt: Zum 125jährigen Bestehen der Liebfrauenschule und des Klosters Mülhausen (Kreis Viersen in Nord... Foto: Ahlen

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Wenn wir das Glaubensbekenntnis beten, sagen wir „Wir glauben ... an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. Ich weiß nicht, ob Ihr jemals darüber nachgedacht habt, was der Ausdruck „apostolische Kirche“ besagt. Vielleicht habt Ihr manchmal, wenn Ihr nach Rom gekommen seid, an die Bedeutung der Apostel Petrus und Paulus gedacht, die hier ihr Leben hingegeben haben, um das Evangelium zu verkünden und zu bezeugen.

Doch es ist mehr als das. Zu bekennen, dass die Kirche apostolisch ist, besagt, auf die ursächliche Verbindung mit den Aposteln hinzuweisen, jener kleinen Gruppe von zwölf Männern, die Jesus eines Tages zu sich gerufen hatte, die er mit Namen gerufen hatte, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten (vgl. Mk 3, 13–19). „Apostel“ ist ein griechisches Wort, das „Gesandter“, „Sendbote“ bedeutet. Ein Apostel ist ein Mensch, der gesandt wird, der ausgesendet wird, um etwas zu tun, und die Apostel sind von Jesus erwählt, berufen und gesandt worden, um sein Werk fortzuführen, also zu beten – das ist die erste Aufgabe eines Apostels – und zweitens das Evangelium zu verkünden. Das ist wichtig, denn wenn wir an die Apostel denken, könnten wir meinen, dass sie nur hingegangen sind, um das Evangelium zu verkünden und viele Werke zu vollbringen. Doch in der Anfangszeit der Kirche gab es ein Problem, weil die Apostel viele Dinge tun mussten, und so haben sie die Diakone eingesetzt, damit den Aposteln mehr Zeit blieb, um zu beten und um das Wort Gottes zu verkünden. Wenn wir an die Nachfolger der Apostel denken, die Bischöfe, einschließlich des Papstes, weil auch er ein Bischof ist, müssen wir uns fragen, ob dieser Nachfolger der Apostel das Gebet an die erste Stelle setzt und dann, ob er das Evangelium verkündet: das bedeutet es, Apostel zu sein und aus diesem Grund ist die Kirche apostolisch. Wenn wir alle Apostel sein wollen, wie ich das jetzt erklären werde, dann müssen wir uns fragen: Bete ich für das Heil der Welt? Verkünde ich das Evangelium? Das ist die apostolische Kirche! Es ist eine ursächliche Verbindung mit den Aposteln. Gerade davon ausgehend, möchte ich kurz auf drei Bedeutungen des Adjektivs „apostolisch“ hinweisen, das auf die Kirche bezogen wird.

1. Die Kirche ist apostolisch, weil sie auf der Verkündigung und dem Gebet der Apostel gründet, auf der Autorität, die ihnen von Christus selbst gegeben wurde. Der heilige Paulus schreibt an die Epheser: „Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes. Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst“ (Eph 2, 19–20); er vergleicht also die Christen mit lebendigen Steinen, die das Gebäude der Kirche bilden, und dieses Gebäude gründet auf dem Fundament der Apostel, welche die Säulen sind, und der Schlussstein, der alles zusammenhält, ist Jesus selbst. Ohne Jesus kann die Kirche nicht existieren! Jesus ist die Grundlage, das Fundament der Kirche! Die Apostel haben mit Jesus gelebt, sie haben seine Worte gehört, sie haben sein Leben geteilt, vor allem waren sie Zeugen seines Todes und seiner Auferstehung. Unser Glaube, die Kirche, die Christus wollte, gründet nicht auf einer Idee, sie gründet nicht auf einer Philosophie, sie gründet auf Jesus selbst. Und die Kirche ist wie eine Pflanze, die im Laufe der Jahrhunderte gewachsen ist, die sich entwickelt hat, die Früchte hervorgebracht hat, doch ihre Wurzeln sind tief in Ihm verpflanzt, und die fundamentale Erfahrung Christi, welche die Apostel hatten, die von Jesus erwählt und ausgesendet wurden, gelangt bis zu uns. Aus jenem kleinen Pflänzchen bis in unsere Tage: so ist die Kirche in der ganzen Welt.

2. Doch fragen wir uns: wie ist es uns möglich, mit jenem Zeugnis in Verbindung zu stehen, wie kann bis zu uns gelangen, was die Apostel mit Jesus erlebt haben, was sie von Ihm gehört haben? Und hier haben wir die zweite Bedeutung des Wortes „apostolisch“. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es, dass die Kirche apostolisch ist, weil „sie mit dem Beistand des in ihr wohnenden Geistes die Lehre, das Glaubensvermächtnis sowie die gesunden Grundsätze der Apostel bewahrt und weitergibt“ (vgl. Nr. 857). Die Kirche bewahrt über die Jahrhunderte diesen kostbaren Schatz, den die Heilige Schrift, die Lehre, die Sakramente und das Hirtenamt darstellen, so dass wir Christus treu sein und an seinem Leben selbst teilhaben können. Und wie ein Fluss, der durch die Geschichte strömt, entwickelt sie sich, bewässert sie, doch das Wasser, das fließt, geht immer von der Quelle aus, und die Quelle ist Christus selbst: Er ist der Auferstandene, Er ist der Lebendige, und seine Worte vergehen nicht, denn Er vergeht nicht, Er lebt, Er ist heute hier unter uns, Er hört uns und wir sprechen mit Ihm und Er hört uns zu, Er ist in unserem Herzen. Jesus ist bei uns, heute! Das ist die Schönheit der Kirche: die Gegenwart Jesu Christi unter uns. Denken wir jemals daran, wie wichtig dieses Geschenk ist, das Christus uns gemacht hat, das Geschenk der Kirche, in der wir Ihm begegnen können? Denken wir jemals daran, wie gerade die Kirche auf ihrem Weg durch die Jahrhunderte – trotz der Schwierigkeiten, der Probleme, der Schwachheit, unserer Sünden – uns die authentische Botschaft Christi übermittelt? Dass sie uns die Sicherheit gibt, dass das, woran wir glauben, wirklich das ist, was Christus uns mitgeteilt hat?

3. Ein letzter Gedanke: Die Kirche ist apostolisch, weil sie ausgesendet ist, der ganzen Welt das Evangelium zu verkünden. Auf dem Weg durch die Geschichte wird die Sendung weitergeführt, die Jesus den Aposteln anvertraut hat: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 19–20). Das ist es, was Jesus uns zu tun aufgetragen hat! Ich insistiere auf diesem Aspekt der Mission, weil Christus alle auffordert, zu den anderen Menschen zu gehen, er sendet uns aus, er bittet uns, dass wir uns in Bewegung setzen, um die Freude des Evangeliums zu verkünden! Fragen wir uns noch einmal: sind wir Missionare durch unsere Worte, vor allem aber durch unser christliches Leben, durch unser Zeugnis? Oder sind wir Christen, die sich in ihrem Herzen und in ihrer Kirche verschließen, Sakristeichristen? Christen nur dem Wort nach, die jedoch wie Heiden leben? Wir müssen uns diese Fragen stellen, die kein Vorwurf sind. Auch ich sage das zu mir selbst: Wie bin ich Christ, wirklich durch mein Zeugnis?

Die Kirche hat ihre Wurzeln in der Lehre der Apostel, wahrer Zeugen Christi, doch mit Blick auf die Zukunft hat sie das unerschütterliche Bewusstsein, gesandt zu sein – von Jesus gesandt zu sein –, missionarisch zu sein, den Namen Jesu mit dem Gebet, der Verkündigung und dem Zeugnis weiterzutragen. Eine Kirche, die sich in sich selbst und in der Vergangenheit verschließt, eine Kirche, die nur auf die kleinen Regeln der Gewohnheiten, des Verhaltens blickt, ist eine Kirche, die ihre Identität verrät; eine in sich verschlossene Kirche verrät ihre Identität! Wir wollen heute also alle die Schönheit und die Verantwortung wieder entdecken, apostolische Kirche zu sein! Und denkt daran: apostolische Kirche deshalb, weil wir beten – die erste Aufgabe – und weil wir das Evangelium durch unser Leben und unser Wort verkünden.

Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Papstes an die Pilger aus dem deutschen Sprachraum:

Von Herzen grüße ich alle Brüder und Schwestern deutscher Sprache. besonders die vielen Jugendlichen wie zum Beispiel die Schüler der Liebfrauenschule Mülhausen. Ihr, die ihr in eurer Ausbildung seid, lernt vom heiligen Augustinus, der einmal gesagt hat: Glaube, um zu verstehen, und verstehe, um zu glauben. Der Heilige Geist geleite euch auf eurem Lebensweg.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller