„Jesu Licht kann die Finsternis besiegen“

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters beim Angelus am Hochfest der Erscheinung des Herrn – 6. Januar 2017

Messe zum Dreikönigstag im Petersdom
Papst Franziskus hält am 06.01.2017 den Kreuzstab während er eine Messe zum Dreikönigstag im Petersdom feiert. Foto: Andrew Medichini/AP/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Foto: Andrew Medichini (AP)

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute feiern wir die Erscheinung des Herrn, das heißt die Offenbarung Jesu, der als Licht für alle Völker leuchtet. Symbol dieses Lichts, das in der Welt erstrahlt und das Leben eines jeden Menschen erleuchten will, ist der Stern, der die Sterndeuter nach Bethlehem führte. Sie, so heißt es im Evangelium, „haben seinen Stern aufgehen sehen“ (Mt 2, 2) und beschlossen, ihm zu folgen: Sie beschlossen, sich vom Stern Jesu führen zu lassen.

Auch in unserem Leben gibt es verschiedene Sterne, Lichter, die leuchten und Orientierung geben. Die Entscheidung, welchem wir folgen wollen, liegt an uns. Es gibt zum Beispiel die unregelmäßigen Lichter, die kommen und gehen, wie die kleinen Freuden des Lebens: Auch wenn sie gut sind, reichen sie nicht, weil sie von kurzer Dauer sind und nicht den Frieden zurücklassen, den wir suchen. Dann gibt es die grellen Lichter der Bühne, des Geldes und des Erfolges, die alles und alles sofort versprechen: Sie sind verführerisch, doch sie sind so stark, dass sie blind machen und von Träumen nach Ruhm in die tiefste Finsternis führen. Die Sterndeuter hingegen fordern dazu auf, einem beständigen Licht, einem freundlichen Licht zu folgen, das nicht untergeht, weil es nicht von dieser Welt ist: es kommt vom Himmel und leuchtet… wo? Im Herzen.

Dieses wahre Licht ist das Licht des Herrn, oder besser, es ist der Herr selbst. Er ist unser Licht: ein Licht, das nicht blendet, sondern begleitet und eine einzigartige Freude schenkt. Dieses Licht ist für alle und ruft jeden: So können wir die heutige Aufforderung des Propheten Jesaja als an uns gerichtet verstehen: „Auf, werde licht“ (60, 1). So sprach Jesaja und prophezeite Jerusalem die heutige Freude: „Auf, werde licht“. Zu Beginn eines jeden Tages können wir diese Aufforderung annehmen: „Auf, werde licht“, folge heute unter den vielen Sternschnuppen der Welt dem leuchtenden Stern Jesu! Wenn wir ihm folgen, werden wir Freude empfinden, so, wie es den Sterndeutern geschah: „Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt“ (Mt 2, 10); denn wo Gott ist, da ist Freude. Wer Jesus begegnet ist, hat das Wunder des Lichts erfahren, das die Dunkelheit durchdringt, und kennt dieses Licht, das erleuchtet und erhellt. Ich möchte, mit allem Respekt, alle einladen, keine Angst vor diesem Licht zu haben und sich dem Herrn zu öffnen. Vor allem denen, die die Kraft verloren haben, zu suchen, die erschöpft sind, deren Verlangen angesichts der Dunkelheiten des Lebens erloschen ist, möchte ich sagen: Auf, nur Mut, das Licht Jesu kann die dunkelste Finsternis besiegen; auf, nur Mut!

Und wie kann man dieses göttliche Licht finden? Folgen wir dem Beispiel der Sterndeuter, die das Evangelium immer in Bewegung beschreibt. Wer das Licht möchte, soll aus sich herausgehen und es suchen: Er soll nicht in sich verschlossen bleiben und unbeweglich zuschauen, was um ihn herum vorgeht, sondern sein Leben einsetzen; er soll aus sich herausgehen. Das christliche Leben ist ein ständiges Unterwegssein, das aus Hoffnung und Suche besteht; ein Weg, der wie der Weg der Sterndeuter auch weiterführt, wenn man den Stern für einen Moment aus den Augen verliert. Auf diesem Weg gibt es auch Fallen, denen man ausweichen muss: oberflächliches und weltlich orientiertes Geschwätz, das den Schritt verlangsamt; die lähmenden Launen des Egoismus; die Schlaglöcher des Pessimismus, in welche die Hoffnung geraten kann. Diese Hindernisse standen den Schriftgelehrten im Weg, von denen im heutigen Evangelium die Rede ist. Sie wussten, wo das Licht war, aber sie bewegten sich nicht. Als Herodes sie fragte: „Wo soll der Messias geboren werden?“, antworteten sie: „In Bethlehem!“. Sie wussten wo, aber sie bewegten sich nicht. Ihr Wissen nutzte ihnen nichts: sie wussten vieles, aber vergeblich, alles umsonst. Es reicht nicht aus, zu wissen, dass Gott geboren ist, wenn man nicht mit Ihm Seine Geburt im Herzen feiert. Gott ist geboren, ja, aber ist er in deinem Herzen geboren? Ist er in meinem Herzen geboren? Ist er in unserem Herzen geboren? Und so werden wir ihn wie die Sterndeuter mit Maria und Josef im Stall finden.

Die Sterndeuter haben es getan: Nachdem sie das Kind gefunden hatten, „fielen sie nieder und huldigten ihm“ (V. 11). Sie haben es nicht nur angesehen, sie haben nicht nur ein den Umständen entsprechendes Gebet gesprochen und sind dann gegangen, nein, sie haben ihm gehuldigt: Sie sind in eine persönliche Liebesgemeinschaft mit Jesus eingetreten. Dann haben sie ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dargebracht, also ihre kostbarsten Güter. Lernen wir von den Sterndeutern, Jesus nicht nur ein paar Mußestunden und ab und zu einen Gedanken zu widmen, sonst werden wir sein Licht nicht erfahren. Machen wir uns wie die Sterndeuter auf den Weg, werden wir licht, indem wir dem Stern Jesu folgen, und huldigen wir dem Herrn mit unserem ganzen Sein.

Nach dem Gebet des Angelus wartete der Papst unter anderem noch mit einer kleinen Überraschung auf:

Die Sterndeuter bringen Jesus ihre Gaben dar, doch in Wirklichkeit ist Jesus selbst die wahre Gabe Gottes: Denn Er ist der Gott, der sich uns schenkt, in Ihm sehen wir das barmherzige Antlitz des Vaters, der uns erwartet, uns annimmt, uns immer vergibt; das Antlitz Gottes, der uns nie nach unseren Werken oder unseren Sünden behandelt, sondern einzig nach der Unermesslichkeit seiner unerschöpflichen Barmherzigkeit. Und wo wir gerade von Geschenken reden: Auch ich möchte Euch ein kleines Geschenk machen… es fehlen die Kamele, aber ich werde Euch ein Geschenk machen: das Büchlein „Icone della misericordia“ („Ikonen der Barmherzigkeit“). Das Geschenk Gottes ist Jesus, die Barmherzigkeit des Vaters; und daher, um dieses Geschenk Gottes in Erinnerung zu rufen, werde ich Euch dieses Geschenk machen, das von den Armen, von den Obdachlosen und den Flüchtlingen gemeinsam mit vielen freiwilligen Helfern und Ordensleuten verteilt werden wird, die ich herzlich grüße und denen ich von ganzem Herzen danke.

Ich wünsche Euch ein Jahr der Gerechtigkeit, der Vergebung, der Ruhe, aber vor allem ein Jahr der Barmherzigkeit. Die Lektüre dieses Büchleins wird Euch dabei behilflich sein; es ist ein Taschenbuch, Ihr könnte es bei Euch tragen.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller