Jesu Botschaft vom Gottesreich

Betrachtungen zum „Vater unser“ (Teil IV): Dein Reich komme. Von Klaus Berger

Die Exegese hat seit einhundert Jahren entdeckt, dass „Gottes Reich“ zentral ist für die Verkündigung Jesu und dass es keine irdische, also weder eine staatliche noch eine kirchliche Größe ist, sondern eher „himmlisch“ und „transzendent“, also jenseits der Weltgeschichte und des in dieser Geschichte Erwartbaren liegt. Seit diesen Resultaten der Exegese tritt die mystische Deutung des Reiches Gottes zurück, wie sie bei Teresa von Avila voll entfaltet ist. Für Teresa ist Reich Gottes das Herz des Menschen. Teresa: „In diesem Gebet beginnt der Herr uns zu zeigen, dass er unsere Bitten erhört. Er will uns da schon hienieden allmählich sein Reich geben, damit wir ihn wahrhaft loben, seinen Namen heiligen und darauf hinarbeiten, dass dies auch von allen anderen geschehe.“ Dass Gott uns sein Reich zu geben beginnt, äußert sich daran, dass wir dann... ein oder zwei Tage voll Wonne und Seligkeit herumgehen. Durch diese Gegenwart versetzt der Herr die Seele in seinen gerechten Frieden wie einst den gerechten Simeon.

„Das Beste kommt erst noch“ – Dieser Ausdruck gibt treffend das wieder, was Bibel und Judentum unter Reich Gottes verstehen. Denn in der horizontalen Erstreckung der Geschichte ist Reich Gottes – gemäß apokalyptischer Erwartung – das letzte und entscheidende Reich in der Abfolge der Weltreiche. Das ist noch immer auch unser Geschichtsbild: Auf das Reich der Babylonier folgte das Reich Alexanders des Großen, darauf die Römer, darauf die Deutschen, Spanier, Holländer, Engländer, dann die USA, danach mutmaßlich die Chinesen. Alle diese Reiche, wie viele es auch sein mögen, wird Gottes Reich beerben. Es wird das Reich der Gerechtigkeit sein, für viele schon identisch mit der Neuen Schöpfung. – In der vertikalen Erstreckung der Wirklichkeit gibt es das Reich Gottes als den eigentlichen, noch unsichtbaren Bereich der Macht verborgen hinter aller Wirklichkeit und doch sie bestimmend. Gott lenkt die Welt als der wahre König die Geschichte. Der Mensch denkt, doch Gott lenkt. Sein Reich ist, sagen wir, im Himmel. Aber es ist das Beste in der Welt, die wahre Macht. Daher ist Gott schon jetzt der einzige, vor dem es sinnvoll ist in die Knie zu gehen. Wer das Vaterunser betet, bekennt sich zu dieser Machtverteilung in der Wirklichkeit der Welt, jetzt schon und sichtbar auch am Ende und als Ziel aller Dinge.

Deshalb ist für die Evangelien die Herrschaft Gottes der absolute Wert, und wer als Mensch zu diesem Reich gehört, hat den wahren Schatz gefunden. Auch für jeden Einzelnen gilt: Allein Gott ist der Herr und allein bei ihm kann es ewiges Leben statt eines dunklen Loches am Ende geben. Einen Schatz im Himmel zu haben, bedeutet unabgegoltenen Lohn erwarten zu dürfen für alles, was man im Namen dieses Reiches für seine Hoffnung darangesetzt hat. Weil das Reich im Entscheidenden zukünftig ist, wird nur der darin Lohn und Ausgleich für Leiden finden, der hier und jetzt auf Erden die Gebote bewahrt und für seinen Glauben gelitten hat. Gott wird diesen Lohn und Ausgleich schaffen, weil er der König und der Gerechte ist.

Vor den letzten Wert, dem Reich Gottes, ist eine Reihe von zweitwichtigsten Werten, vorletzten Werten gelagert. Diese sind Leidensbereitschaft und Freude, Radikalität, Reinheit des Herzens und Heiligkeit, Abgrenzung von jedem nur unklaren Bekenntnis, Ähnlichkeit mit Gott (zum Beispiel bei der Feindesliebe). Prägend für die Bergpredigt, in der Jesus diese „bessere Gerechtigkeit“ verkündet, ist nicht altruistische Barmherzigkeit im Sinne allgemeiner Freundlichkeit, sondern allein Sich-Ausrichten am Königtum Gottes und seinen Maßstäben. Alle Hoffnung, alle Zukunft, alles Ziel jeglichen Handelns ist allein der Anspruch des einen und einzigen Gottes (Erstes Gebot). Insofern verschärft Jesu Predigt vor allem das Erste Gebot der Dekaloggebote. Was den Lohn für gerechtes, gutes und oft mit Leiden verbundenes Handeln der Menschen angeht, predigt Jesus auf dem Berg, dass dieser Lohn allein von Gott zu erwarten sei. Alle andere Erwartung ist verdächtig, opportunistisch und total auf Vergängliches gerichtet.