Jenseits aller Schablonen

Die „Mystikerin der Straße“ – Impulse von Madeleine Delbrel für ein Christentum an der Seite der Menschen. Von Klaus-Peter Vosen

Madeleine Delbrel-Plastik (Karlheinz Oswald) im Erbacher Hof in Mainz. Foto: Bistumsakademie Erbacher Hof
Madeleine Delbrel-Plastik (Karlheinz Oswald) im Erbacher Hof in Mainz. Foto: Bistumsakademie Erbacher Hof

Madeleine Delbrel (1904–1964) war eine der markantesten Persönlichkeiten des französischen Katholizismus‘ im 20. Jahrhundert. Rosemarie Nürnberg erinnert in einem lesenswerten Bändchen an Leben und Spiritualität der Frau, die nach einer Jugend im Atheismus im Jahre 1924 ihre Bekehrung zu Christus erlebte. In der kommunistisch bestimmten Pariser Vorstadt Ivry hat Delbrel als Sozialarbeiterin und – nach den evangelischen Räten der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams – als missionarische Zeugin Christi gelebt. Sie gewann weiten geistigen Einfluss über ihren unmittelbaren Wirkungsbereich hinaus, inspirierte die „Mission de France“ und versuchte von ihrem klaren kirchlichen Standpunkt her einen Ausgleich zwischen Rom und den Arbeiterpriestern zu bewirken. Ihre Frömmigkeit war eine einfache, leuchtende, zur Nachahmung einladende.

Gerade die Ermutigung und Forderung Papst Franziskus‘ an die Kirche, sich an die Seite der am Rande Stehenden zu stellen und in der Heilung sozialer Wunden eine glaubwürdige Evangelisierung zu beginnen und zu ermöglichen, rückt das Beispiel der Französin in ein neues Licht. Zwei Bücher tragen dazu bei: Zum einen hat die Delbrel-Kennerin Katja Boehme, Theologieprofessorin in Heidelberg, eine aktualisierte Neuausgabe ihres bekannten, schon früher erschienenen biografischen Werkes vorgelegt. In dieses kenntnisreich geschriebene, gut lesbare Buch hinein kann man sich wahrhaft „verlieren“. Viele bemerkenswerte Eigenschaften zeigen sich an der Persönlichkeit Madeleines, und ihr Leben verlief wahrlich nicht linear.

Welche Konsequenz offenbart sich bereits im Handeln der Zwölfjährigen! Als Madeleines Großmutter unmittelbar vor der Erstkommunion der Enkeltochter starb, sodass sie beim großen eucharistischen Fest der anderen Kinder nicht zugegen sein konnte, bestand das Mädchen darauf, dass ihre Erstkommunionfeier vierzehn Tage später nachgeholt wurde. Konsequenz galt es schon hier zu entfalten, weil den Eltern die Religion nicht am Herzen lag.

Genauso konsequent dachte und handelte Madeleine Delbrel dann aber auch in ihrer atheistischen Phase. Als Siebzehnjährige schreibt sie: „Gott ist tot (…), es lebe der Tod.“ Und weiter: „Weil das wahr ist, muss man auch ehrlich genug sein, nicht mehr so zu leben, als ob er lebte.“ So radikal war die junge Frau in ihrer „Folgerichtigkeit“, dass sie als sinnlos im Hinblick auf den ohnehin herannahenden Tod auch politisches Engagement ablehnte. Die Priester waren ihr in jener Phase die „Genossen der über den Toten kreisenden Krähen“.

Und dann wiederum die Konsequenz, in der sie ihre im März 1924 erfolgte Bekehrung versteht und bejaht: „In diesem Augenblick [der Bekehrung] wird Gott für uns zum Allerwichtigsten, wichtiger als jedes andere Ding, wichtiger als jedes Leben, selbst und vor allem als das unsrige. Ohne diesen höchsten, überwältigenden Primat des lebendigen Gottes, der uns einfordert, seinen Willen unserem Herzen vorstellt, damit es in Freiheit Ja oder Nein antwortet, gibt es keinen lebendigen Glauben.“

Anziehend wurde sodann die Kirchlichkeit Madeleine Delbrels! Sie betete am Petrusgrab in Rom, als das Verbot der Arbeiterpriester durch die höchste kirchliche Autorität zu befürchten war; und sie tat es sicher mit der Intention, dass es zu dieser äußersten Maßnahme nicht käme. Aber wie sehr hat sie, nachdem die römische Entscheidung doch in dieser Richtung gefallen war, auch den sich dagegen Sträubenden ins Gewissen geredet! Ihre „leidenschaftliche Liebe zur sichtbaren Kirche“ ließ sie schreiben: Man kann die von Christus geforderte Liebe „nur leben, wenn wir unsere innige, verborgene, vitale Zugehörigkeit zu Christus in der Kirche intensivieren. Ansonsten fallen wir in den Graben oder fälschen die Botschaft oder machen sie un-fruchtbar. Einzig in der Kirche und durch sie ist das Evangelium Geist und Leben. Außerhalb ihrer ist es nur noch geistreich, aber nicht mehr Heiliger Geist“.

Ebenso stellt Boehme die Aussagekraft Delbrels in der Formulierung geistlicher Leitsätze in helles Licht. In großer Einfachheit vermag diese durch und durch katholi-sche und zugleich sich aller Schablonen entziehende Französin Kompliziertes aus-zudrücken, und zwar so, dass es sich einprägt und als Ermutigung verstanden wird: „Schleif deine Kanten, und du stößt dich weniger. … Finde dich damit ab, dass du deinen Brüdern manchmal im Wege stehst, für sie ein Kreuz bist, also eine Gnade. … Wenn man dich ständig in die Pfanne haut, dann denke daran, dass ohne Fett alles anbrennt.“

Wer nach der Lektüre des sehr empfehlenswerten Buches von Katja Boehme die Begegnung mit Madeleine Delbrel fortsetzen möchte, und wen insbesondere nach weiteren „verba ipsissima“ von ihr dürstet, der nimmt am besten das Delbrel-Lesebuch zur Hand, das Annette Schleinzer herausgegeben hat. Hier finden wir Texte Madeleines von ihrer atheistischen Lebensphase bis hin zu ihrem Testament. Verschiedenes in diesen Texten kann den Leser tief bewegen. Es ist einfach so, dass die Frömmigkeit Madeleine Delbres die reine, klare Luft des Evangeliums atmet; in ihrer Einfachheit und tiefen Wahrhaftigkeit belebt die hier vorfindliche Spiritualität auch die Gedanken des Lesers, der sich als Suchender begreift.

In unserer Sorge um die Schwestern und Brüder unserer Zeit, die in Not sind, tut es gut, Madeleines Worte zu hören und aufzunehmen: „Wenn wir uns anderen zuwen-den, dann tun wir das, um ihnen ein wenig ihren Schmerz zu erleichtern. Aber leider ist es meist so, dass wir nichts anderes tun können, als ihnen zu helfen, Schmerzen zu ertragen, die nicht zu ändern sind. Wir Menschen sind so beschaffen, dass unser Schmerz erträglich wird, wenn wir wissen, wozu wir leiden: Was aber können wir an-deren auf diese Frage antworten, wenn wir sie für uns selbst nicht beantwortet haben? Wenn wir uns anderen zuwenden, dann tun wir das, um sie aufzurichten, manchmal aber auch, um sie zu führen: Wie aber kann jemand andere führen, wenn er selbst nicht weiß, wohin es gehen soll? Wenn wir uns anderen zuwenden, dann tun wir das, um ihnen zu einem leiblichen und seelischen Gleichgewicht zu verhelfen: Wie aber kann jemand anderen dabei helfen, der bei allem, was er tut, ständig ja und nein zugleich sagt?“

Hier wird nicht zuletzt deutlich, wie wirksam soziales Engagement „Glaubensarbeit“, nicht zuletzt die Arbeit am eigenen Glauben zur Voraussetzung haben sollte. Auch Annette Schleinzers Buch ist von hohem geistlichem Wert. Man kann nur hoffen, dass es bald zur Seligsprechung Madeleine Delbrels kommt, die 1996 zur Dienerin Gottes erklärt wurde. Wenngleich sie in ihrer leuchtenden Bescheidenheit in ihrem Testament formuliert hat: „Wenn ihr Gott folgt, müsst ihr nicht meinem Andenken folgen. Macht das nur, wenn es euch richtig erscheint: Denn ich möchte, dass ihr wahrhaft frei seid.“

Katja Boehme: Madeleine Delbrel. Die andere Heilige. Herder Verlag: Freiburg, Basel, Wien 2014, 125 Seiten,

ISBN 978-3-451-06726-6; EUR 10,99

Annette Schleinzer (Hg.): Madeleine Delbrel. Deine Augen in unseren

Augen. Die Mystik der Leute von der Straße. Verlag Neue Stadt, München, Zürich, Wien 2014, 268 Seiten,

ISBN 978-3-7346-1026-4; EUR 19,95