Jedes Vergehen ist anzuzeigen

Papst Franziskus verpflichtet in dem Schreiben „Vos estis lux mundi“ alle Kleriker dazu, Missbrauchsfälle oder deren Vertuschung bei den Kirchenoberen zu melden. Von Guido Horst

Pope Francis in Washington DC
Einen amerikanischen Sonderweg – die Aufnahme zeigt amerikanische Bischöfe und Papst Franziskus – soll es im Umgang mit Missbrauchsfällen nicht geben. Das rechtliche Feld ist nun abgesteckt. Foto: dpa

Es ist eine Frucht des Kinderschutz-Gipfels im Vatikan. Zumindest war recht bald nach dem Treffen der Spitzen aller Bischofskonferenzen mit dem Papst und Kurienvertretern im vergangenen Februar der Entwurf des als Motu proprio zu veröffentlichenden Schreibens fertig und ging zur Begutachtung in die unterschiedlichen vatikanischen Dikasterien, die mit der Materie befasst sind. Wären die Leitlinien des Apostolischen Schreibens „Vos estis lux mundi“ (Ihr seid das Licht der Welt) schon auf dem Spitzentreffen zum Thema Missbrauch diskutiert worden, hätte der Gipfel wohl ein besseres Echo in den Medien gehabt. Das Motu proprio trägt nun das Datum vom 7. Mai und geht in die Richtung, die auch Opferverbände und Vertreter staatlicher und internationaler Institutionen erwartet haben: Papst Franziskus hat Richtlinien erlassen, die die Meldepflicht von Missbrauchsvergehen innerhalb der Kirche, die Aufgaben der Bischöfe und die Untersuchung der angezeigten Fälle betreffen. Das Regelwerk gilt für alle Ortskirchen und schließt auch die Orden und ihre Oberen ein. Zum Teil waren schon in einzelnen Ortskirchen wie der deutschen Regelungen in Kraft, wie sie nun das Schreiben „Vos estis lux mundi“ für die ganze Weltkirche verpflichtend vorschreibt, zum Teil müssen diese noch in anderen Regionen eingeführt werden.

Die mit dem Schreiben eingeführte Neuheit besteht zunächst in der absoluten Meldepflicht: Immer dann, wenn ein Kleriker oder ein Angehöriger eines Ordens oder einer Gesellschaft des apostolischen Lebens von Straftaten gegen das sechste Gebot erfährt, muss er diese bei den zuständigen kirchlichen Oberen anzeigen. Dass ein Priester aber das Beichtgeheimnis nicht verletzen darf und Straftaten, die ihm bei einem Sündenbekenntnis offenbart werden, nicht melden muss, wird in dem Apostolischen Schreiben nicht ausdrücklich formuliert, erklärt sich aber mit dem Verweis auf den Kanon 1548 des Codex des Kanonischen Rechts, der wiederum Kanon 1550 zitiert, welcher Priester in den Angelegenheiten als zeugnisunfähig erklärt, die sie bei der sakramentalen Beichte erfahren haben.

Als Straftaten gegen das sechste Gebot nennt „Vos estis lux mundi“ den durch Gewalt, Drohung oder Amtsmissbrauch „erfolgten Zwang, sexuelle Handlungen zu vollziehen oder zu erleiden“. Sodann die Herstellung, Darbietung, den Besitz oder die Verbreitung kinderpornografischen Materials beziehungsweise die Verleitung von minderjährigen oder schutzbedürftigen Personen, an pornografischen Darbietungen teilzunehmen. Straftaten gegen das sechste Gebot sind aber auch die Versuche von Bischöfen, Klerikern und Oberen religiöser Gemeinschaften, die zivilen oder kirchenrechtlichen Untersuchungen solcher Vergehen zu beeinflussen oder zu umgehen. Vertuschung von Missbrauch muss also von Klerikern oder Ordensleuten ebenso angezeigt werden wie der Missbrauch selbst.

Als mögliche Opfer von sexuellem Missbrauch nennt das Schreiben immer Minderjährige und Schutzbedürftige und definiert diese als Personen, die krank, physisch oder psychisch beeinträchtigt sind oder unter Freiheitsentzug leiden. Erwachsene Seminaristen oder volljährige Nonnen in ihrem Verhältnis zu einem kirchlichen Oberen zum Beispiel nennt das Motu proprio nicht als Schutzbedürftige.

Die zweite Neuheit des Apostolischen Schreibens betrifft das Verfahren, das es anzuwenden gilt, wenn ein Kardinal, Patriarch, Bischof, päpstlicher Gesandter oder der Leiter einer Teilkirche, eines Personalordinariats beziehungsweise eine Personalprälatur des Missbrauchs oder der Vertuschung solcher Straftaten angeklagt wird: Abgesehen davon, dass diese Fälle immer der zuständigen vatikanischen Kongregation zu melden sind, die dann wiederum das Staatssekretariat informiert, weist das Motu proprio den Metropolitanerzbischöfen eine besondere Verantwortung zu. Die Metropoliten der Kirchenprovinzen erhalten ab jetzt die besondere Aufgabe, die Untersuchung eines gemeldeten Vergehens einzuleiten und durchzuführen. Wenn ein Metropolitanbischofssitz vakant ist oder ein Metropolit selber angeklagt wird, übernimmt der dienstälteste Suffraganbischof diese Aufgabe.

Die Bischöfe der Vereinigten Staaten hatten in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres geplant, unabhängige Gremien für diese Untersuchungen einzurichten, in denen auch Laien sitzen. Kardinal Blase Cupich, der Erzbischof von Chicago, hatte gegen dieses Vorhaben interveniert und der Vatikan bat damals die amerikanischen Bischöfe kurzfristig, von einem solchen Beschluss vor dem Kinderschutz-Gipfel in Rom abzusehen. Cupich hatte stattdessen das Modell propagiert, bei der Untersuchung von Missbrauch und Vertuschung durch Kirchenleiter die Metropoliten in die Pflicht zu nehmen – ein Vorschlag, den das Motu proprio jetzt aufgreift. Allerdings legt das Schreiben fest, dass die Metropoliten sich bei der Untersuchung eines Falls auch der Informationen und Auskünfte von zivilen Personen oder Einrichtungen bedienen können. Laien oder Kleriker, die dem Metropoliten bei der Untersuchung helfen sollen, werden vereidigt. Papst Franziskus wollte, dass die Untersuchungen von Vorwürfen gegen Kirchenleiter zügig vonstatten gehen. Darum legte er in dem Apostolischen Schreiben fest, dass die Untersuchungen durch den Metropolitanerzbischof nach neunzig Tagen abgeschlossen sein müssen. Und die römischen Dikasterien haben dreißig Tage Zeit, nach der Meldung einer bevorstehenden Untersuchung konkrete Anweisungen zu der Vorgehensweise zu geben. Bischofskonferenzen und Kirchenprovinzen können einen Fonds einrichten, aus dem die Kosten solcher Untersuchungen zu zahlen sind.

Nicht für alle, aber für manche Kirchenregionen neu ist die Bestimmung des Schreibens, dass alle Teilkirchen Systeme einrichten müssen, die es jedem möglich machen, Meldung über mögliche Missbrauchsvergehen zu erstatten, und die für die Öffentlichkeit zugänglich sind. „Vos estis lux mundi“ tritt am 1. Juni in Kraft und wurde von Papst Franziskus für drei Jahre „ad experimentum“ approbiert.