Jeder trägt ein Grab in seinem Herzen

Papst Franziskus stärkt die Menschen in der Erdbebenregion der Emiglia Romagna. Von Guido Horst

Rom (DT) Es hatte die Menschen damals völlig überrascht: Die Emiglia Romagna zählt nicht zu den typischen Erdbebenregionen Italiens. Aber am 20. Mai 2012 erschütterten die ersten Erdstöße die Region, es war das schwerste Beben dort seit fünfhundert Jahren und hielt neun Tage an. 27 Menschen verloren ihr Leben, weit über sechzehntausend Menschen wurden obdachlos. Vor allem die Sachschäden waren sehr hoch, die Kosten für den Wiederaufbau allein der öffentlichen und religiösen Gebäude wurden auf 1, 664 Milliarden Euro veranschlagt. Davon fehlten im Mai vergangenen Jahres noch 605 Millionen.

Auch der Dom „Santa Maria Assunta“ von Carpi wurde damals schwer beschädigt, erst am vergangenen 25. März konnte er nach umfangreichen Arbeiten wieder eröffnet werden. Am Sonntag hat Papst Franziskus diese Region besucht und sein erstes Ziel war die Kathedrale von Carpi. Auf dem Vorplatz feierte er mit mehreren zehntausend Menschen einen Gottesdienst. Zuvor, bei der Begrüßung der Bischöfe im Dom, eine Umarmung des Papstes mit dem ehemaligen Erzbischof von Bologna, Kardinal Carlo Caffarra, einem der vier Autoren des Briefs mit den „dubia“ zu „Amoris laetitia“. Der Pressesaal des Vatikans beeilte sich, das entsprechende Foto sofort durch das Netz zu schicken.

In seiner Predigt sprach Franziskus von Gott, der das Leben schenkt und den Tod besiegt. „Das ist das Herz Gottes: fern dem Bösen, aber nah demjenigen, der leidet.“ Der Herr könne das Leid nicht auf magische Weise auslöschen, aber er leide mit und sei den Menschen nah, so der Papst. Er erinnerte die Gläubigen daran, dass auch sie aufgefordert seien, sich zu entscheiden: zwischen Trauer und Hoffnung. Entweder man blicke traurig auf die Gräber von heute und gestern oder man lasse Jesus sich den Gräbern nähern, erklärte der Papst. Jeder habe ein Grab in seinem Herzen, eine Narbe, einen Fehler, Reuegefühl oder eine Sünde. Franziskus ermutigte die Gläubigen, Jesus einzuladen, statt allein im Dunkeln zu verharren und uns zu bemitleiden. „Steh auf, steh auf, komm heraus!“, rief Papst Franziskus aus und forderte alle dazu auf, die Angst abzustreifen und Hoffnung zu haben.

Nach dem Angelusgebet segnete Papst Franziskus die vier Grundsteine für die Pfarrei Sant?Agata in Carpi, für das Exerzitienhaus in Novi, die „Cittadella della Carita“ in Carpi und die Mehrzweckeinrichtung „San Martino Carano“ in Mirandola. Auch diese Gebäude wurden 2012 durch das Erdbeben zerstört und müssen von Grund auf neu errichtet werden.

Der Nachmittag begann für Franziskus mit einer Begegnung mit den Priestern und Seminaristen in der Kapelle des Seminars von Carpi. Das nächste Reiseziel war die Kleinstadt Mirandola. Hier besuchte Franziskus die Kathedrale, die ebenfalls seit 2012 schwer beschädigt und eingerüstet, aber der Öffentlichkeit noch nicht zugänglich ist. Am Besuchstag des Papstes wurde bekannt gegeben, dass die Mittel zur Restaurierung nun endlich freigegeben worden seien.

Franziskus ermutigte die Bevölkerung zum Wiederaufbau nach dem Erdbeben. Auf dem Platz vor der Kathedrale hielt Papst Franziskus eine Ansprache und versprach seine Solidarität, wie es bereits Benedikt XVI. kurze Zeit nach dem Erdbeben vor Ort getan habe. Dieser hatte die Erdbebenregion am 26. Juni 2012 besucht, vier Wochen nach den Erdstößen. Fast fünf Jahre nach dem Unglück sollten die Gläubigen nicht „der Verzagtheit nachgeben angesichts der Schwierigkeiten, die noch bleiben“, sagte Franziskus. Er sei gewiss, dass es am guten Willen aller Beteiligten in der italienischen Erdbebenregion Emilia-Romagna nicht fehlen werde, um eine rasche Umsetzung der nötigen Arbeiten sicherzustellen. Und er wisse um die Schäden am „menschlichen und kulturellen Erbe“. Vor allem aber denke er an die „inneren Wunden“ derer, die durch das Beben Angehörige oder ihr Lebenswerk verloren hätten. Aber auch in schmerzlichen Ereignissen sollten Gläubige die „geheimnisvolle Gegenwart“ eines liebenden Vaters erkennen und annehmen.

Der Papst verweilte lange auf der Piazza und nahm sich viel Zeit für die Familien. Vielen Gläubigen standen Tränen in den Augen. Eile zeigte Franziskus keine, und so verschob sich das weitere Programm um gut eine halbe Stunde. Im Dom legte Franziskus einen schlichten Blumenstrauß in den Farben Gelb und Weiß auf dem Altar nieder. Dann fuhr der Papst in das Dorf San Giacomo Roncole südlich von Mirandola und legte am Denkmal für die Opfer des Erdbebens einen Kranz nieder. Anschließend flog er zurück in den Vatikan.