In der Schule des polnischen Primas

Bis heute unvergessen: Am 28. Mai 1981 starb Kardinal Stefan Wyszyñski. Von Stefan Meetschen

Kardinal Wyszyñski 1980 (re.) im Gespräch mit dem Kölner Kardinal Höffner. Foto: KNA
Kardinal Wyszyñski 1980 (re.) im Gespräch mit dem Kölner Kardinal Höffner. Foto: KNA

Zuzela (DT) Eine Kirche, ein Friedhof, ein Lebensmittelladen – wer sich mit dem Auto von Warschau aus gen Osten aufmacht, durchquert zahlreiche solcher verschlafenen Städtchen. Eine Welt, in der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint oder sich die Zeiten problemlos zueinander reihen: Verschiedene architektonische Baustile, Pferdewagen und Satellitenschüsseln, bröckelige Mauern und Werbeplakate. Nach zwei Stunden Fahrt durch die Region Masowien, nach wunderbaren Wald- und Wiesenimpressionen, führt einen der holprige Weg, der mit EU-Mitteln geglättet werden soll, schließlich in ein weiteres Städtchen, das jedoch mit einem Kardinalswappen-Schild begrüßt: Zuzela, das Geburtsdorf des großen polnischen Primas, Kardinal Stefan Wyszyñski. Dem Mann also, der als Symbol des geistigen Widerstandes gegen das kommunistisch-atheistische Regime Polens bis heute verehrt wird.

Vor knapp 110 Jahren am 3. August 1901 kam er hier als Sohn eines Lehrers zur Welt, und so überrascht es nicht, dass ein schlichtes Holzhaus direkt gegenüber der Kirche mit dem Wyszyñski-Denkmal die meisten Besucher anzieht, Reisebusse und Individualpilger: Es ist die alte Schule, wo Vater Wyszyñski lehrte und der von allen „Stefek“ genannte Wyszyñski-Sohn sich das schulische Bildungswissen der damaligen Zeit gewissenhaft einprägte.

Da das Haus der Familie nicht mehr existiert, hat man kurzerhand Möbel, Bilder und Briefe der Wyszyñskis liebevoll in zwei Räumen der Schule im historischen Flair rekonstruiert und man kann sich leicht vorstellen, wie eng und mühevoll das Leben hier einmal gewesen ist, als es noch keine Satellitenschüsseln, Werbeplakate und EU-Mittel gab, stattdessen ein bedrohlich groß ausgebreitetes russisches Reich, das auch diesen Teil Polens geschluckt hatte.

Vielleicht muss man hier in Zuzela gewesen sein, die 25 Meter zwischen Kirche und Holzschulbau beschritten haben, um den bodenständigen, naturliebenden und charakterstarken Primas zu verstehen, der sein Theologiestudium mit einer Dissertation über „Das Recht der Familie, der Kirche und des Staates auf Schule“ 1929 abschloss, dann nach Auslandsaufenthalten in der sozialen Bildungsarbeit von christlichen Gewerkschaften engagiert war, ab 1937 Mitglied des Sozialrates beim damaligen Primas von Polen war, bis er schließlich über eine Bischofsstation in Lublin 1948 zum Erzbischof von Gnesen und Warschau ernannt wurde und damit nun selbst der Primas von Polen und Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz war.

Ein gegenüber den Kommunisten und ihrer Lehre unbeugsam-fester Bischof, der 1953, als er gerade zum Kardinal ernannt worden war, für drei Jahre in verschiedenen Klöstern Polens unter „Hausarrest“ gestellt wurde. Zeit, um jeden Tag den Kreuzweg zu beten und die Novene zur Milleniums-Feier der Christianisierung Polens 1966 zu schreiben und geistig vorzubereiten. Ein bescheidener großer Wurf, der manche gutgemeinte kirchliche Initiative von heute als letztendlich doch recht leeren Marketing-Aktionismus bloßstellt.

Eine Frucht dieser Gefängnis-Exerzitien war sicherlich auch der von Wyszyñski initiierte Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtskollegen, dessen Formulierung „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ Wyszyñski als eine Persönlichkeit von wahrhaft großer christlicher Statur auswies – zumal diese Bitte, die natürlich von den kommunistischen Machthabern gegen den Primas instrumentalisiert wurde, auch innerhalb der polnischen Gläubigen nach all den Leiden des Zweiten Weltkrieges einen gewissen Schock auslöste. Doch der Mann aus Zuzela, dessen geistliches Motto „Durch Maria zu Christus“ über dem Eingang der Dorfkirche eingeschrieben ist, hielt an dieser Haltung der Versöhnung fest, was letztendlich wohl zu den vielen Besuchen und einem regen Austausch zwischen beiden Bischofskonferenzen bis heute geführt hat.

Nach der Wahl des Krakauer Kardinals Karol Wojty³a 1978 zum Papst und der unvergesslichen Szene, wo beide in Rom sozusagen voreinander in die Knie gehen, war es Wyszyñski, der in Polen weiterhin die Stellung gegen das diktatorische System hielt. Wobei Wyszyñski trotz aller Klarheit und Entschiedenheit auch die Tugend der Besonnenheit einsetzte: Immer wieder rief er die polnische Gewerkschaft Solidarnoœæ zu Mäßigung in ihren Forderungen gegenüber den kommunistischen Staatsbehörden auf.

Als Wyszyñski am 28. Mai 1981 starb, unmittelbar nach dem Attentat auf Johannes Paul II., sahen viele Polen darin trotz aller Erschütterung und Verlorenheit auch ein geistliches Opfer. So als würde der fast 80-jährige Wyszyñski sein Leben geben, damit der polnische Papst, dem er den Weg ins 21. Jahrhundert prophezeite, überleben könne.

In Warschau in der Johannes-Kathedrale befindet sich heute der Sarg des großen Primas und die vielen Priester und Pilger, die dort regelmäßig hinströmen, signalisieren, dass sicher in absehbarer Zeit eine Seligsprechung Wyszyñskis zu erwarten ist. Für viele Priester, die ihn persönlich gekannt haben, bleibt er ein unvergesslicher Hirte, der auch viel Humor und sensible Fürsorgefähigkeiten besaß.

Dass die Liturgie in Polen fünfzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil immer noch ordentlich zelebriert wird und die Menschen regelmäßig zur Beichte gehen, hält ein emeritierter Professor der Kardinal-Stefan-Wyszyñski-Universität Warschau auch für ein Verdienst des Mannes aus Zuzela, der übrigens so oft wie möglich auf Flugreisen verzichtete. „Ich erinnere mich, dass zwei Priester den Primas schriftlich darum baten, zukünftig gemeinsam die heilige Messe zu zelebrieren. Aus zeitlichen und organisatorischen Gründen. Vor dem Zweiten Vatikanum war dies nicht erlaubt. Die Antwort kam prompt: Ein Brief mit Wappen, Datum, der Unterschrift Wyszyñskis und dem Wort „Nie“ (Nein).“ Als die Priester, so der Professor weiter, völlig frappiert über die Antwort, den Primas persönlich aufsuchten und um Erklärung baten, habe dieser nur gesagt: „Es geht nicht um Sie, sondern um die Pastoral. Wenn Sie dafür sorgen, dass die Zahl der Messe-Besucher so hoch ist, dass Sie konzelebrieren müssen, dann melden Sie sich wieder.“

Provinzialität ist eben nicht immer eine Folge des Geburtsortes, sondern sie stellt sich gerade dann ein, wenn Gebildete die Wertigkeiten verwechseln. Bei Kardinal Wyszyñski, der hinter den Wäldern zur Welt kam, stimmte die Gewichtung.