„In der Muslimbruderschaft gibt es verschiedene Strömungen“

Erzbischof Michael Fitzgerald, früher Präsident des „Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog“ und seit 2006 Nuntius in Ägypten, über die pluralistische

Gesellschaft und die Religionsfreiheit am Nil Von Stephan Baier

Erzbischof Michael Fitzgerald. Foto: sb
Erzbischof Michael Fitzgerald. Foto: sb
Exzellenz, Sie sind hier in Kairo und die ägyptische Botschafterin ist wieder zurück in Rom. Sind die diplomatischen Beziehungen zwischen Ägypten und dem Heiligen Stuhl wieder hergestellt?

Ja, auch wenn noch keine gänzliche Stabilität in diesem Land besteht, wo die Institutionen einer Erneuerung bedürfen. Aber was die diplomatischen Beziehungen betrifft, so gibt es keine Schwierigkeiten. Natürlich war ich nie weggeschickt worden, aber die Botschafterin wurde zu Beratungen nach Kairo zurückgerufen, auch wenn die diplomatischen Beziehungen nie abgebrochen wurden.

Wie steht es um die Beziehungen zwischen dem Vatikan und der großen islamischen Autorität, der Al Ashar?

Die wurden noch nicht ganz wiederhergestellt. Da ist ein Unterschied zu den politischen Fragen und den diplomatischen Beziehungen. Ich hoffe in der Lage zu sein, mit den Autoritäten in der Al Ashar darüber bald zu sprechen, aber ich warte noch auf die Gelegenheit, dies zu tun.

Waren diese Gespräche in der Vergangenheit wirklich konkret und fruchtbar?

Da waren gute Beziehungen seit 1998, als ein gemeinsames Komitee geschaffen wurde und Al Ashar ein ständiges Gremium für den Dialog mit den monotheistischen Religionen schuf. Sie traten in Dialog mit dem „Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog“ wie auch mit den Anglikanern, nämlich mit dem Büro des Erzbischofs von Canterbury für den interreligiösen Dialog. Da gab es jährliche Treffen, abwechselnd in Kairo und in Rom. Es gab bedeutende Erklärungen, etwa zur Situation in Bosnien und zur Verurteilung des Terrorismus. Auch wenn der Dialog nicht sehr tief ging, wie ich meine. Aber die Beziehungen waren gut. Nun meinte Al Ashar aus bestimmten Gründen, den Dialog mit dem Heiligen Stuhl einfrieren zu müssen, doch wir glauben, dass diese Phase ebenfalls durch den Dialog überwunden werden kann. Man braucht den Dialog, um den Dialog zu starten und die Blockade zu überwinden.

Kann man gläubigen Muslimen erklären, was wir als Christen unter Dialog, Religionsfreiheit und Toleranz verstehen?

Ich denke nicht, dass es unmöglich ist, das zu erklären. Und ich meine, dass wir unseren Glauben sehr wohl erklären können, nicht nur unsere Sicht von Religionsfreiheit, sondern auch unseren tiefen Glauben an Jesus Christus als unseren Herrn und Retter. Ja, wir können das erklären, aber es bedarf der richtigen Atmosphäre. Wir brauchen eine Empfänglichkeit dafür. Man darf auch nicht erwarten, dass es in diesen Fragen Übereinstimmung gibt. Auch über unser Konzept von Religionsfreiheit wird es wohl keine vollständige Übereinstimmung geben. Religionsfreiheit bedeutet nach unserer Überzeugung nicht nur freie Religionsausübung, wie wir sie in diesem Land haben, sondern auch freie Wahl: die eigene Religion zu wählen und zu wechseln, wenn man spürt, dass Gott einen dazu gerufen hat. Das ist für Muslime sehr viel schwerer zu akzeptieren. Sie meinen, dass das ein Abgehen von der Wahrheit wäre, nicht ein Schritt auf die Wahrheit hin. Natürlich sind auch wir nicht glücklich, wenn Christen Muslime werden. Das schmerzt uns, aber wir können es nicht verbieten. Unsere Haltung ist weit entfernt von der islamischen Position, wo der Apostat keinerlei Rechte mehr hat. Diese Fragen müssen und können diskutiert werden.

Ist die freie Religionsausübung tatsächlich gewährleistet in Ägypten, wo die Scharia in Artikel 2 der Verfassung verankert ist?

Der Militärrat hat die Verfassung, die Artikel 2 einschließt, im Wesentlichen bestätigt. Aber das unterbindet nicht die freie Religionsausübung für die Christen. Artikel 2 besagt, dass der Islam die Religion des Landes ist und die Scharia die Quelle des Rechts. Doch die jüdische und die christliche Religionsgemeinschaft sind frei, ihren Glauben auszuüben.

Gibt es innerhalb der Muslimbruderschaft unterschiedliche Strömungen, also mehr moderate und radikalere?

In der Muslimbruderschaft gibt es verschiedene Strömungen, ja. Es gibt da auch einen Graben zwischen den Generationen. Die jüngere Generation möchte einigen Wandel. Und es gibt einen Dissidenten, der eine moderate islamische Partei gegründet hat.

Manche Beobachter sagen, die Islamisierung der Gesellschaft – wenn auch nicht des Staates – sei längst abgeschlossen.

Ägypten ist eine pluralistische Gesellschaft, mit Millionen von Christen, die nicht „islamisiert“ sind. Ich würde also nicht ganz zustimmen, wenngleich es so scheint, dass der Islam deutlicher hervortritt. Es gibt auf unterschiedlichen Ebenen Gespräche zwischen Muslimen und Kopten, aber auch zwischen dem Militärrat und Papst Schenouda. Auch in der Arbeit für den Wandel gibt es Formen des Miteinanders von Christen und Muslimen, welche zwar nicht Muslimbrüder sind, aber überzeugte Muslime.

Hat die koptisch-orthodoxe Kirche, die hohe Mauern errichtet und eigene Sicherheitskräfte einsetzt, eine eher abgeschlossene Mentalität? Separiert sie sich mehr von der Mehrheitsgesellschaft als die Katholiken?

Ja, das ist wohl wahr. Die Sicherheitsvorkehrungen sind der Kirche aber von der Regierung empfohlen worden, insbesondere nach dem 1. Januar. Deshalb gibt es derzeit Einlasskontrollen bei wichtigen Kirchen. Zu den Beziehungen zwischen der koptisch-orthodoxen Kirche und dem Rest der Gesellschaft: Ich meine, ein Beispiel dafür sind die katholischen Schulen, die für Orthodoxe und Katholiken ebenso offen sind wie für Muslime. Die koptische Kirche hat keine solchen Schulen, sondern beschränkt sich auf die Sonntagsschulen, wo die koptische Jugend eine religiöse Erziehung genießt. Es gibt hier aber nicht einen vergleichbaren Dienst an der Gesellschaft. Das ist ein Unterschied zwischen der katholischen und der koptisch-orthodoxen Kirche.

Wie sind die Beziehungen zwischen der katholischen und der koptisch-orthodoxen Kirche in Ägypten?

Die Beziehungen sind herzlich. Mit der Zusammenarbeit aber ist es schwieriger. Es gab einige Treffen der Religionsführer mit Blick auf die aktuelle Situation, aber die Zusammenarbeit ist nicht einfach. Auch sind die Beziehungen regional unterschiedlich, abhängig von den jeweiligen Personen.