In Madrid Weltkirche erleben

Jugendseelsorge des Bistums Görlitz lädt zur Vorbreitung auf den Weltjugendtag ein. Von Andreas Titze

Nachtwallfahrt jugendlicher Pilger von Cottbus nach Neuhausen. Foto: Fotos: Titze
Nachtwallfahrt jugendlicher Pilger von Cottbus nach Neuhausen. Foto: Fotos: Titze

Bunte Lichter huschen über die schneeweißen Wände. Die allerletzten Sonnenstrahlen dringen noch durch die großen Fenster. Vom Chorgestühl der katholischen Christuskirche in Cottbus erklingen alte von Männern gesungene Kirchenlieder. Die Kirche ist nicht brechend voll, aber keine der Bänke bleibt leer. Sie sind vor allem von Jugendlichen besetzt, aber auch Erwachsene und Rentner sieht man. Gerade findet eine Vesperandacht statt, die den Beginn der zwei Tage dauernden Vorbereitung für den diesjährigen Weltjugendtag (WJT) darstellt. Die Jugendseelsorge des Bistums Görlitz hat dazu alle Teilnehmer aus ihrem Gebiet, die sich schon angemeldet haben, eingeladen und weit mehr als die Hälfte von ihnen ist auch gekommen; sie sitzen nun in dieser rot angestrahlten Kirche, in der es nach Weihrauch riecht und vor deren Altar hinter einer Ikone ein großes Kreuz mit dem Symbol des WJT aufgestellt ist.

Aufbruch in die dunkle Nacht

Der Abend beginnt andächtig. Es wird gesungen und nicht gepredigt. Jugendliche beten Psalmen und berichten, wie sie Gott in ihrem Leben erfahren durften. Der Tenor ist bei allen der Gleiche: Man kann nur fest im Glauben stehen, wenn man Erfahrungen mit Jesus macht und dazu soll auch der WJT dienen.

Immer wieder werden Psalm-Gesänge angestimmt. Das Kreuz wird von Weihrauch eingehüllt, aber der Szenerie haftet nichts Mystisches oder Geheimnisvolles an, sondern viel mehr etwas in sich Ruhendes, etwas Freudiges. Das Ganze wirkt nicht verstaubt, sondern frisch und lebendig.

Nach der Andacht sammeln sich die Jugendlichen im Gemeindesaal und essen gemeinsam Abendbrot. Es ist eigentlich mehr ein Stehimbiss, aber das ist auch gut so, denn ständig wechseln die Gesprächsgruppen. Da die Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Winkeln des kleinen Bistums kommen, haben sich einige schon lange nicht mehr gesehen und müssen entsprechend viel miteinander austauschen. Sie alle werden sich im August auf den langen Weg nach Madrid machen, um bei diesem einzigartigen Fest dabei zu sein.

Die 16-jährige Anna aus Lübbenau freut sich schon sehr auf dieses Gemeinschaftsgefühl zusammen mit Millionen anderen: „Schon die Ministrantenwallfahrten nach Rom waren unglaublich, mit so vielen Menschen an einem Ort, die dasselbe denken und aus dem gleichen Grund da sind." Es scheint einer der wichtigsten Gründe für die Teilnahme zu sein, denn auch Maria aus Eisenhüttenstadt erwartet vor allem „den Austausch mit vielen anderen Katholiken über den Glauben“. In der Region zwischen Görlitz und Beeskow – dem Gebiet des Bistums Görlitz – sind 80 Prozent der Menschen nicht getauft. Es ist tiefste Diaspora. Verständlich also, dass sich katholische Jugendliche von dort auch einmal nicht als Minderheit begreifen, sondern Weltkirche erleben wollen.

Nach dem Abendbrot folgt dann der große Aufbruch. Die Jugendlichen pilgern nun in tiefster Dunkelheit zwölf Kilometer von Cottbus nach Neuhausen, wo das einzige Jugendbildungshaus des Bistums steht. Eine Nachtwallfahrt soll es werden. Und so ziehen 65 schwarze Gestalten mit Fackeln in der Hand durch den Wald an der Spree entlang, an ihrer Spitze wird ein Kreuz getragen.

Aus einem Event ein geistliches Erlebnis machen

Die Jugendlichen, die in diesem Pulk mitlaufen, sind alle katholisch. Doch ihr Glaube hat für sie einen unterschiedlichen Stellenwert. So ist Glauben für Maximilian (17) aus Cottbus „wichtiger als alles andere. Er hat bei mir die höchste Priorität.“ Dillwyn aus Lübben dagegen würde sich selber wohl eher nicht als beflissenen Kirchgänger bezeichnen. Der 17-Jährige aus Lübben meint: „Ich finde Kirche als Gemeinschaft gut, aber sie ist für mich nicht notwendig, um meinen Glauben zu leben.“ Nach fast vier Stunden anstrengendem Fußmarsch erreicht der Tross endlich die kleine Neuhausener Kirche. Etwas durchgefroren und ziemlich erschöpft drängeln sich die Jugendlichen hinein. Das Abendgebet ist nicht mehr allzu lang. Die meisten wollen sowieso nur noch was essen und dann schnell ins Bett.

Aber eine ganze Reihe von Jugendlichen versammelt sich dann doch noch in einem Gemeinschaftsraum des Bildungshauses. Unter ihnen auch Kaplan Marko Dutzschke und der Jugendseelsorger Roland Elsner. Die beiden sind sich darüber einig, dass diese Vorbereitung sehr wichtig ist. „Eine Vorbereitung kann helfen, aus einem Event ein geistliches Erlebnis werden zu lassen“, sagt der 33-jährige Kaplan. Elsner pflichtet ihm bei: „Etwas ,auf das man sich vorbereitet, hat später einen größeren Wert. Eine Vorbereitung an sich ist schon ein Wert.“

„Wo Christus ist, gibt es eine Chance auf Zukunft“

Beide sind auch einer Meinung, dass die Auswahl Spaniens als Austragungsland des WJT eine gute Idee war. „Ganz Europa hat das Problem, dass Menschen Traditionen nicht mehr suchen, aber für Spanien kann der WJT eine Chance sein. Überall wo Christus ist, gibt es eine Chance, die in die Zukunft führt“, meint Dutzschke. Auf die Frage, wie viel Anteil Papst Johannes Paul II., der den WJT ins Leben gerufen hat, immer noch an dieser Veranstaltung hat, antwortet der gebürtige Pole Elsner schnell: „Immer noch 70 Prozent.“ Die ganze Struktur gehe noch auf den verstorbenen Papst zurück, den der 41-Jährige nur „J. P. Two“ nennt.

Am nächsten Morgen versammeln sich alle Beteiligten wieder in der kleinen Kirche. Alle sehen noch verschlafen aus. Die wenigsten sind dann doch gleich mit Beginn der Nachtruhe ins Bett gegangen. Man hört es am Gesang. Etwas mehr als 60 belegte Stimmen singen Jugendlieder. Sie werden heute noch intensiv über den Ablauf ihrer Reise nach Madrid informiert werden. Sie werden erfahren, dass sie vor dem eigentlichen WJT Zwischenstopps in Taizé, Tartosa und Barcelona einlegen werden. Sie werden ein paar Brocken Spanisch lernen und sie werden bei alledem wieder viel lachen. Und erstaunlicherweise wird keiner stöhnen, wenn ihm gesagt wird, dass er während der ganzen Reise fast länger im Bus als in Madrid sein wird.