In Kirchen finden Gottes obdachlose Kinder Zuflucht

Begegnungen mit Männern und Frauen ohne festen Wohnsitz, die ihren Tag in den Kirchen von Paris verbringen. Dort finden sie nicht nur ein Dach über den Kopf, sondern auch Raum für ihre seelischen Leiden und ihre geistliche Suche. Von Mikael Corre

Wohin? Der Weg durch Paris führt manchen Clochard näher zu Jesus. Foto: Symbolbild: IN
Wohin? Der Weg durch Paris führt manchen Clochard näher zu Jesus. Foto: Symbolbild: IN

Bei jedem Schritt zieht er seine zu große Hose wieder hoch. Die Kreuze und die wunderbaren Medaillen um seinen Hals und in seinen Händen klimpern, während er zum x-ten Male ein goldenes Kinkerlitzchen vom Bürgersteig aufhebt. Es ist immer das gleiche Ritual: Er schaut es sich an, reibt es ab, wendet es in seinen Händen hin und her, reibt es dann erneut ab, bevor er es in einem seiner Rucksäcke verstaut. Er dreht sich um: „Meinen Sie, dass Jesus real ist? Dass es eine Heiligung durch den Geist gibt? Seien Sie ehrlich!“ Er wird von dir nichts weiter verlangen, kein Geld, keine Arbeit und auch kein Dach über dem Kopf – nichts weiter als ein Glaubensbekenntnis, das dem Seinen entspricht.

Aufgekratzt und euphorisch bleibt er vor dem Portal von Saint-Laurent, nur wenige Schritte vom Gare de l'Est in Paris entfernt, stehen. „Man bekommt den Glauben in der Kindheit, danach ist es ein Kampf. Man entscheidet sich, ihn zu behalten oder sich dem Materiellen zuzuwenden. Ich persönlich möchte lieber frei sein.“

Er geht hinein, ohne seinen Namen gesagt zu haben. Später wird er um ein Blatt Papier und einen Stift bitten, um ihn aufzuschreiben: „Vain sans Marie“ („Ohne Maria ist es vergebens"), dann auf die nächste Zeile: „Vin sang Marie" („Wein Blut Maria“). Vincent-Marie ist ein wandernder Mystiker, der in Kirchen wohnt, und der als Name seine Hoffnung auf die Jungfrau Maria angenommen hat.

Wie er sind es Dutzende, die mitunter schmutzig, zuweilen betrunken ihren Tag in den Kirchen der Hauptstadt verbringen. Man sieht sie im Chor umherwandeln – und wagt doch nicht sie anzusprechen. Am Eingang bitten sie um eine Münze oder schlafen, umgeben von ihren Tüten, hinter einem Pfeiler.

Es gibt die Entwurzelten – das sind diejenigen, die von weither kommen. Wie Elias, der junge Christ aus dem Sudan, der zu der Messe in die Kirche Saint-Eustache im Stadtviertel Les Halles geht, oder dieser Australier, dem man in Saint-Sulpice, ganz in der Nähe von Saint-Germain-des Prés, begegnet und der – jedenfalls nach Aussage seiner Gefährten aus dem Viertel – über eine auskömmliche Rente verfügt. Hinter einer Statue aus dem 18. Jahrhundert versteckt er Weinflaschen. Manchmal hat er so viel getrunken, dass er mit dem Gesicht auf den Marmorboden fällt.

Dann gibt es noch den 28-jährigen Siamak, der ausgestreckt auf dem Fußboden von Saint-Laurent „auf jemanden wartet“: „Ich komme in die Kirche, könnte mich aber auch im Gare de l'Est oder in einem Park aufhalten“, erzählt er gelassen, nachdem er mit dreizehn Jahren den Süden des Irans „wegen der Ayatollahs“, die seine Familie bedrohten, verlassen hatte. „Man muss die Religion respektieren, aber nicht weil Millionen von Menschen daran glauben, dass Gott existiert.“ Mit seinen beiden Brüdern hat er China und anschließend Russland durchreist. Der älteste hat schon bald kehrt gemacht. „Und wer hat denn Gott erschaffen? Es muss doch zwei Mächte gegeben haben, um ihn zu erschaffen, weil es immer zwei Dinge geben muss, um eines zu erschaffen.“ Von seinem Zwillingsbruder hat er seit vier Jahren keine Nachricht mehr erhalten, seitdem sie „von den Schweizer Einwanderungsbehörden“ getrennt wurden.

Oft schlafen sie noch am Morgen auf einem Stuhl sitzend, den Kopf gegen eine Steinsäule gelehnt

Einige möchten nicht reden. Wie etwa „Madame Dieu“, wie sie sich nennt, die auf Knien auf einem Strohstühlchen betet. Ebenso wie dieser Mann, der vor dem Eingang der Kirche Saint-Merri neben dem Centre Georges Pompidou im Regen sitzt: „Da möchte ich mir gerne eine Kugel in den Kopf jagen.“ Oder diese Mutter mit ihrer vierzehnjährigen Tochter, von denen man überhaupt nichts weiß, außer dass sie jeden Tag nach Saint-Laurent kommen – die Mutter schon seit 20 Jahren. Nebeneinander sitzend kämmen sie sich und waschen sich in Ruhe verdeckt hinter dem Altarraum in einer Chorkapelle das Gesicht.

Andere bleiben auf dem Vorplatz der Kirche. Dort hält ein junger Mann mit Irokesenschnitt und Armeejacke eine Getränkedose in der Hand: „Ich glaube zwar an Gott, aber ich traue mich nicht hinein. Ganz ehrlich, ich würde schon gerne, aber ich traue mich nicht.“ Sein Nebenmann mischt sich ein: „Du willst da rein? Gott - was hat der denn für uns getan? Was hat er getan, als es uns dreckig ging?“

Der Bulgare Dimitar, um die 40, der in der Nähe des Kanals Saint-Martin schläft, sitzt nicht weit entfernt auf einer kleinen Mauer. Er kommt regelmäßig hierher, um in der Kirche zu beten. Aber nicht heute, weil er zu viel getrunken hat. Er ist es selbst, der das mit rotem Gesicht sagt und dabei mit seiner Krücke wedelt: „Es ist verboten zu trinken und dann hineinzugehen. Wir respektieren die Kirche.“ Stolz zeigt er ein Kreuz aus Holz, das er sich um den Hals gebunden hat: „Der großartige Pater Philippe (Philippe Christory, der Pfarrer der Gemeinde) hat es mir geschenkt – er ist für alle Menschen ein guter Mensch“.

Oft schlafen sie noch am Morgen auf einem Stuhl sitzend, den Kopf gegen eine Steinsäule gelehnt. So bilden sie eine seltsame Gemeinschaft von himmlischen Clochards: Diese verschleierte Frau in Saint-Laurent mit ihrer ganzen Habe, die in Säcken verpackt auf einem Kofferkuli vom Flughafen aufgetürmt sind. Tony in Saint-Sulpice, der seinen Namen sagt und – das Gesicht in der blauen Regenjacke vergraben – auf jede Frage mit „Ja“ antwortet. Er lächelt, als man ihn darauf anspricht, dass er sich den Pfeiler ausgesucht hat, der der Mittagssonne am besten ausgesetzt ist. Sie dürfen sich aber nicht hinlegen – die meisten Priester verbieten das ebenso wie das Betteln oder den Alkohol.

Linda, eine „Forscherin vom Institut Pasteur“ ist „wegen eines Prozesses“ seit einem Jahr auf der Straße. Sie trägt eine Kappe auf dem Kopf, hat ein rundes Gesicht und ihre klaren grauen Augen suchen manchmal im Leeren nach unsichtbaren Feinden. Sie verbringt ihre Vormittage und den Beginn des Nachmittags in Saint-Eustache: „Das ist einer der wenigen Orte, wo ich wegen meiner Angstzustände schlafe.“

Die Kirche ist ihre Zuflucht. „Ich finde das sehr gut, dass man allen Menschen die Türen öffnet. Hier gibt es zwei oder drei Hindus und Muslime, ich finde das sehr gut. Man darf die Leute nicht ausschließen, weil sie nicht den Glauben an Gott haben.“ Sie protestiert lautstark gegen die „Evangelikalen“, die „ein bisschen Essen gegen zwei Stunden Beten eintauschen“, fügt dann aber etwas leiser hinzu: „Warum bin ich hier? Weil ich mich wohl fühle, weil Gott hier wohnt. Er wohnt in mir, ist an meiner Seite. Ich brauche Zeit und das ist es, was man mir hier gibt. Diese Kirche ist mein Hort der Hoffnung.“

Das meint auch Sylvie. Sie sitzt mit einem Karton zu ihren Füßen auf dem Bürgersteig, der Place du Châtelet zugewandt, und verlangt einen Obolus. Als Erstes erzählt sie, dass sie ihre drei Kinder hat taufen lassen: „Aber nicht das letzte, die Sozialdienste haben das nicht ermöglicht. Obwohl es die Sozialdienste von Lisieux waren, der Stadt der heiligen Therese.“ Ganz schwarz gekleidet und geschminkt, bezeichnet sie sich als „Christin aus der Gothic-Szene“. Ist sie oft unter Freunden? Sie stellt richtig: „In den Milieus der Nacht hat man keine Freunde, sondern nur Kollegen. Galeerengefährten.“ Am Tag zuvor betete sie auf Knien vor einer Ikone in einer Kirche im Stadtviertel Les Halles: „Ich habe um Vergebung gebeten. Ich bin zu jemandem nicht nett gewesen.“

Wie alle anderen ist auch Sylvie eine, die in den Kirchen wohnhaft ist – es ist ihr einziger fester Wohnsitz. Sie zählt ihre Wohnsitze auf, wie man einen Rosenkranz herunterbetet: „Ich habe meinen Wohnsitz in Saint-Leu Saint-Gilles, in Saint-Eustache, in Saint-Nicolas des Champs....“ Für manche ist das sogar eine ganz offizielle Adresse: Elena kommt aus Miami, „wo meine Kirche gebrannt hat“ und verbringt ihre Tage in Saint-Laurent, stets mit einem schwarz-weißen Jogginganzug bekleidet. Ihre Mutter schreibt ihr jede Woche aus Finnland an die Adresse der Pfarrei. Neulich hat sie zum Dank dafür einen kleinen Schokoladenhasen vor den Eingang der Sakristei gelegt. Sie spricht von Gott, zumindest ein bisschen, und von Barbara Streisand: „Gestern dachte ich an die Strahlung der Sterne.“ Sie leiht sich Stift und Papier, um ein Gedicht aufzuschreiben: „Die Hölle ist kein Berg aus Eis/ sie wird solarbeheizt/ Gott weiß alles von euch/ die Zeit ...“ Sie verstummt, plötzlich traurig: „Ich bin müde.“

In Saint- Laurent begegnen wir Vincent-Marie wieder, dem wandernden Mystiker. Auf Knien betet er vor einer Muttergottes-Statue – mit der Stirn, die mit einer rosafarbenen karierten Baskenmütze geschützt ist, am Boden. Jede Bewegung zieht den Pulli ohne Form, den er direkt auf der Haut trägt und der aus einem zu großen Mantel herausragt, ein kleines bisschen mehr in die Länge. Mit einem dichten Bart und Begeisterung im Antlitz erhebt er sich: „Ich glaube, dass Jesus wieder zu mir kommen wird, wenn ich versuche, ihm mit Ernst erneut zu begegnen.“

In einem kleinen Raum der Gemeinde, den ihm der Pfarrer zur Verfügung gestellt hat, öffnet er hektisch einen seiner drei Rucksäcke. Je mehr er von seinem Leben erzählt, seit seiner Geburt bis zu seinem Leben auf der Straße, umso mehr Bücher kommen zum Vorschein: „Eines Tages möchte ich gerne eine Bibliothek mit religiösen Werken haben.“

Mit freundlicher Genehmigung

der Tageszeitung „La Croix“

Aus dem Französischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt