„Immer wieder Gerüchte“

Berliner Jesuitengymnasium arbeitet alte Missbrauchsfälle auf

Berlin (DT/KNA) Am renommierten Berliner Canisius-Kolleg haben mindestens zwei Lehrer in den 1970er- und 80er Jahren Schüler sexuell missbraucht. Ihm seien bislang sieben männliche Opfer bekannt, sagte der heutige Rektor des Jesuitengymnasiums, Pater Klaus Mertes, am Donnerstag vor Journalisten in Berlin. Sie seien damals im Alter zwischen dreizehn und sechzehn Jahren gewesen. Nach derzeitiger Kenntnis sei der Missbrauch nicht über einen langen Zeitraum, jedoch nach einem bestimmten Muster erfolgt, erklärte der Jesuit. Er gehe davon aus, dass es weitere Opfer gebe. Die mutmaßlichen Täter hätten Mitte der 80er Jahre das Gymnasium verlassen, so Mertes, der seit 1994 dort arbeitet. Sie seien wenig später aus dem Jesuitenorden ausgetreten. Wegen Verjährung rechne er damit, dass eine strafrechtliche Verfolgung nicht mehr möglich sei. Er stehe aber in Kontakt mit dem Landeskriminalamt.

Nach Angaben von Mertes nahm die Ansprechpartnerin der Jesuiten für Missbrauchsfälle, die Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue, inzwischen schriftlich Kontakt zu beiden Verdächtigen auf, die noch leben. Dies mache sie nur in Absprache mit den Opfern, unterstrich der Pater. Die Schule übe darauf keinen Einfluss aus, weil sie nach seinem eigenen Verständnis faktisch die Täterseite repräsentiere. Mertes räumte ein, an dem Gymnasium habe es „immer wieder Gerüchte“ über Missbrauch gegeben. Vor gut fünf Jahren hätten ihm zwei Opfer davon berichtet und zugleich um „absolute Diskretion“ gebeten. Zudem hätten sie keinen Kontakt zu den Tätern gewünscht. Dem habe er entsprochen. „Ich quäle mich mit der Frage, ob ich früher hätte reagieren sollen“, fügte der Jesuit wörtlich hinzu.

Briefe an gut 500 Ehemalige

Nach einem Jahrgangstreffen hätten sich im vergangenen Dezember und Januar weitere fünf Opfer an ihn gewandt. Dies habe ihm die Kraft gegeben, nach Rücksprache mit seinem Vorgesetzten im Orden an die Öffentlichkeit zu gehen. In der vergangenen Woche schrieb Mertes Briefe an gut 500 Schüler der „potenziell betroffenen“ Abiturjahrgänge 1975 bis 1983. Darin entschuldigte er sich für „ein Wegschauen“ im Lehrerkollegium und Orden und rief Betroffene auf, sich zu offenbaren. Mertes betonte, er verstehe seinen Schritt nicht „als Flucht nach vorn“.

Das Interesse der Opfer müsse Vorrang vor dem Image der Schule haben. In den Gesprächen mit einigen der Opfer habe er verstanden, „welche tiefen Wunden sexueller Missbrauch im Leben junger Menschen hinterlässt und wie die ganze Biografie eines Menschen dadurch jahrzehntelang verdunkelt und beschädigt werden kann“, schreibt der Rektor in dem Brief. Er habe großes Verständnis dafür, wenn Betroffene nun aufgrund ihrer Erfahrung für sich die Entscheidung getroffen hätten, mit dem Kolleg, mit dem Orden und mit der katholischen Kirche insgesamt zu brechen. Das Canisius-Kolleg hat gut 850 Schüler und sechzig Lehrkräfte, darunter sechs Jesuiten.