Im Reich der Stuhlkreise

Tabufrei diskutieren? Das gilt bei der Auftaktveranstaltung zum katholischen Dialogprozess in Mannheim aber nur, solange das Wort „Rom“ nicht fällt. Von Regina Einig

Welche Zusammensetzung die nächsten Runden des Dialogprozesses haben, ist derzeit noch offen. Foto: KNA
Welche Zusammensetzung die nächsten Runden des Dialogprozesses haben, ist derzeit noch offen. Foto: KNA

Mannheim (DT) Der Dialogprozess schwelgt in Papieren. Im Saal des Mannheimer Kongresszentrums kann der Besucher den Blick wenden, wohin er will, nirgends gönnt der Raum dem Auge Abwechslung. Beschriftete Transparente an den Wänden, Beratungsergebnisse auf Din-A-3- Blättern und mehr als dreißig Flip-Charts, Tagungsbücher der Delegierten und Zettel allerorten. Es braucht etwas Geduld, um das Kruzifix im Raum zu entdecken. In Stuhlkreisen platziert, dreht ihm ein Großteil der Delegierten ohnehin den Rücken zu. In bunten Farben haben die Teilnehmer zum Auftakt des bundesweiten Dialogprozesses ihre Erwartungen und Zielvorstellungen notiert: „neues Selbstbewusstsein als deutsche Kirche“ etwa oder „mehr Transparenz“. Gut dreihundert Delegierte befassen sich auf Einladung der deutschen Bischöfe in Mannheim mit der Frage „Wo stehen wir?“ An der Schwelle zum Protestantismus, könnte der Querschnitt der Meinungen auf den Flip-Charts lauten, auch wenn Luthers Erfahrung, dass der Teufel mit Tinte bekämpft werden kann, wenig zu tun hat mit all den postmodernen Gedankenspielen.

Nach Berufsgruppen geordnet, hatten Priester, Ordensleute, Caritasmitarbeiter, Theologieprofessoren und andere Delegierte am Freitag überlegt, worauf sie in der Kirche stolz sind und was sie an ihr bedauern. Persönliche Glaubenszeugnisse in neu gemischten Gesprächsgruppen folgten. Etliche Teilnehmer hofften am Freitag beim Programmpunkt „Aus welchen Quellen leben wir?“ noch, dass die Veranstaltung auch missionarische Akzente setzen würde. Nach den Zeugnissen gemeinsame Gespräche darüber einzuleiten, was der Einzelne dazu beitragen kann, damit der christliche Glaube in Deutschland vertieft und weitergegeben wird, wäre in den Stuhlkreisen methodisch ein Leichtes gewesen. Einige Delegierte guten Willens regten an, auch selbstkritische Gedanken zum katholischen Mittelmaß zuzulassen. Und mancher Pfarrgemeinderat fragte, wie man eigentlich an „die Basis rankommt“.

Doch als am Samstag Zukunftsbilder der Kirche formuliert werden, gerät die Veranstaltung in den Bann kirchlicher Reizthemen. Reform, Zukunft und Protestantisierung sind für viele Delegierte nicht voneinander zu trennen. Vor allem der Begriff Glaubensweitergabe entpuppt sich als Stopfgans. Denkt eine Minderheit dabei an eine missionarische Kirche, die den biblischen Auftrag, alle Völker zu lehren, ernst nimmt und sich um eine Neuevangelisierung im Sinne Johannes Pauls II. bemühen will, sehen andere darin zunächst einmal das Abarbeiten eines Forderungskatalogs, der in den protestantischen Gemeinschaften längst erfüllt ist. Erst wenn die Kirche auf diese Weise „glaubwürdiger“ geworden sei, meinen sie, könnten sich katholische Christen wieder erfolgreich der Glaubensweitergabe widmen. Ansatz Nummer zwei ist vor allem bei Delegierten populär, die Gremien und Räten angehören, immerhin gut zwei Drittel im Saal. Wer Reformen auf Gegenkurs zum kirchlichen Lehramt in Mannheim ablehnt, erlebt seine Position rasch als zu vernachlässigende Größe.

Im Reich der Stuhlkreise herrschen die Gesetze der Gruppendynamik. Vertraute Gesichter offenbaren befremdliche Seiten. Lehramtstreue Delegierte berichten, dass sie von der Reaktion des Bischofs in ihrem Gesprächskreis doch sehr enttäuscht sind und dieser polemische Angriffe auf die Kirche schweigend ausgesessen habe. Mancher Laie verstummt und denkt an vorzeitige Abreise. Nicht wenige Delegierte wollen am liebsten schon in Mannheim Zielvorgaben für 2015 festschreiben.

Heiterkeit im Raum, als die erste Delegierte ein verschachteltes Satzungeheuer vorträgt. Christlicher Wille zur Protestantisierung paart sich in Mannheim jedenfalls nicht mit Lutherscher Sprachgewalt. Aber wozu gutes Deutsch einfordern, nach theologischen Kenntnissen fragt ja auch keiner. Die am häufigsten genannten Forderungen der Delegierten betreffen wiederverheiratete Geschiedene, die Gleichberechtigung der Frau – Zulassung zu Weiheämtern und zur Gemeindeleitung inklusive – sowie eine andere Haltung der Kirche zu homosexuellen Partnerschaften. Mit ortskirchlichen Kompetenzen hat das alles nichts zu tun, doch darüber verliert niemand ein Wort. Eine Delegierte fordert, die Kirche solle keinen „Exklusivitätsanspruch auf Wahrheit“ erheben, eine andere verordnet den Katholiken eine „kollektive Angsttherapie“.

Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx verspricht, dass die Vorschläge weitergeleitet werden: in die Deutsche Bischofskonferenz, die Pfarreien und in die Öffentlichkeit: „Wir nehmen alles ernst“, verspricht der Erzbischof. Das dürfte den Gläubigen wohl schwer fallen. Denn auf die Frage „Was berichte ich als Botschafter zuhause?“ äußert sich beispielsweise Rita Waschbüsch vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken erleichtert darüber, dass sie das Wort „Rom“ an diesem Wochenende nicht ein einziges Mal gehört habe. Eine andere Delegierte fordert „Strategien, um endlich Beschlüsse umzusetzen“, wobei unklar bleibt, um welche Beschlüsse es gehen soll.

Gut, dass die Benediktinerin Johanna Domek den Delegierten wenigstens einen Zahn zieht: Sie sagt zu, dass der Kölner Konvent in den nächsten Monaten besonders für den Dialogprozess beten werde. Die von vielen geäußerte Sorge, er werde keine Folgen haben, ist also unbegründet.

Erzbischof Robert Zollitsch spart am Ende der Veranstaltung nicht mit Lob. Das Wagnis habe sich gelohnt. Der Freiburger Oberhirte lädt alle Delegierten zur Rede Papst Benedikts ins Freiburger Konzerthaus am 25. September ein, die, so erläutert Pater Hans Langendörfer SJ bei der Abschlusspressekonferenz, das programmatische Gegenstück zur Ansprache Benedikts im Bundestag darstelle. Trifft der Heilige Vater bei seinem Deutschlandbesuch eine gespaltene Ortskirche an? Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck, Mitglied der Steuerungsgruppe für den Dialogprozess, weist jeden Gedanken an eine Spaltung der katholischen Kirche in Deutschland zurück. „Es gibt keine Spaltung der Kirche in Deutschland, auch keine Anzeichen dafür. Das Treffen in Mannheim war ein deutliches Zeichen der Einheit der Kirche in unserem Land“, so der Essener Oberhirte.

Worin besteht diese Einheit? Beispiel Frauenfragen: Weder die Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, Maria Theresia Opladen noch die Steyler Missionarin Schwester Miriam Altenhofen bejahen die Frage, ob sie das von Johannes Paul II. 1994 veröffentlichte Apostolische Schreiben Ordinatio sacerdotalis über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe als definitive Antwort akzeptieren. Opladens taktisch-ausweichende Stellungnahme würde jeder Tarifverhandlung Ehre machen. Das Priesteramt für Frauen zu fordern, sei „aussichtslos“, erklärt sie. Daher hat sich ihr Verband darauf verlegt, den Diakonat der Frau zu fordern, um „etwas zu erreichen“. Glaube, Berufung und Dienstbereitschaft für die Kirche kommen in dieser Argumentation nicht zur Sprache. Wer könnte Stefan Vesper vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken widersprechen, wenn er die gegenwärtige Krise der Kirche auch damit erklärt, dass „wir“ dazu beigetragen haben, dass der Respekt verloren gegangen ist?

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode stellt fest, dass Stichworte des Theologenmemorandums in die Gespräche eingeflossen seien. Dass der Dialogprozess auch ohne kirchenrechtlich bindende Beschlüsse Spuren hinterlassen wird, steht für Bode außer Frage: „Ich kann das nicht einfach in die Tube zurückdrücken“.