Im Kranken das Gesunde erhalten

„Wehe der Welt der Ärgernisse!“ – Bei Homosexualität, Pädophilie und Zölibat ist dringend Differenzierung geboten. Von Kardinal Paul Josef Cordes

Der Mond in der Kunst
Die Kirche bleibt mit ihren Wüsten, dem Staub ihrer Geschichte und den Kratern ihrer Menschlichkeit in der Dunkelheit des Daseins das unersetzliche Zeichen der Treue Gottes. Foto: dpa

Der Generalstaatsanwalt von Pennsylvania/USA, Josh Shapiro, hatte das „Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel“ für seine Hiobsbotschaft gewählt: In den vergangenen 80 Jahren hätten über 300 Geistliche sich an mehr als 1 000 Kindern vergangen. Er sparte nicht mit schrecklichen Einzelheiten. Der Schock erschütterte die Kirche bis ins Mark. Dann kamen wenig später die skandalösen Taten ans Licht, mit denen der US-Kardinal McCarrick sich selbst und die Christenheit beschmutzt hat. Und deren Vertuschungen bis heute unsere Kirche bis in den Vatikan hinein belasten.

Beschämt möchten sich alle Glieder des mystischen Leibes Christi ducken. Wer brüstet sich schon, wenn seine Familie an den Pranger gestellt und angefeindet wird? Erst recht legen die ihre Hand wortlos auf den Mund, die der Herr seiner Kirche als Hirten gegeben hat. Doch ein „Schwamm drüber“ und ein „Aussitzen“ kann nicht wieder hingenommen werden. Stattdessen gilt, was Papst Benedikt XVI. gestand: „Die größte Verfolgung der Kirche erwächst aus den Sünden der Kirche“ (11.5.2010). Und Gott vergibt unsere Sünden nur, wenn wir sie zuerst bekennen. Außerdem: Niemand kann so blind sein zu behaupten, Welt und Gesellschaft brauchten nicht länger Gottes erlösendes Heil. Wenn aber der Bote unglaubwürdig ist, wer wird dann das Evangelium annehmen? Es ist Seiner Kirche anvertraut. Damit sind gerade deren geweihte Hirten zur Integrität gerufen.

Nicht als ob sie bislang geschlafen hätten! Allein im „Katechismus der Katholischen Kirche“ macht das „Das sechste Gebot“ mehr als 30 Nummern aus. Zu viele? Die sogenannte „sexuelle Befreiung“ zeigt überall ihre große Macht. Wie sollte ihre moralische Zügellosigkeit nicht auch die Lebensführung der Christen verderben? Moderne Lebens-Modelle verdrängen zunehmend den im Glauben geoffenbarten und vom Lehramt gewiesenen Weg zu Gott. So ist es denn wohl als erstes wieder einmal an der Zeit, mit dem Völker-Apostel laut zu rufen: „Gleicht euch nicht dieser Welt an!“ (Röm 12,2) Denken der Welt und Wahrheit des Glaubens sind niemals deckungsgleich. Welche weiteren Einsichten legen sich nahe? Die fällige innerkirchliche Aufarbeitung sollte nicht allen aufgebrochenen Unrat in einen Kübel werfen und ihn über die Kirche ausgießen. Das tun so oft die Feinde der Kirche in „klammheimlicher Freude“. Missbrauchsfälle, Vertuschungen, Homosexualität, beschämende Einzelschicksale und erzwungene Rücktritte lassen sich fraglos bündeln zu einem unerträglichen „Kessel Buntes“. Und wer es tut, wird Aggressionen leicht befeuern. Doch wer heilen will, muss im Kranken das noch Gesunde erhalten.

Darum ist besonders gegenüber dem „Link“ des Zölibats mit Homosexualität und Pädophilie Differenzierung geboten. Immer wieder behauptet man zwischen ihnen zwingende Verflochtenheit – auch in Kirchenkreisen und kirchlichen Medien. So wird die kirchenpolitische Forderung vorbereitet, endlich den Zölibat abzuschaffen, damit uns Skandale wie der gegenwärtige in Zukunft erspart bleiben.

Wer so argumentiert, ist ein „Flachdenker“. Wohl ist Homosexualität in allen kirchlichen Gruppen mit der Strenge zu ahnden, die das Neue Testament vorgibt (Röm 1,18ff.). Aber Zölibat, Homosexualität und Pädophilie zu einem einzigen sündhaften Syndrom zu machen, ist ein eklatanter Schwindel. Ihm widersprechen klar die Ergebnisse seriöser wissenschaftlicher Umfragen. Etwa der Bericht des John-Jay-Teams, durchgeführt im Namen der US-Bischofskonferenz und veröffentlicht im Mai 2011. Dort heißt es: Mag es noch so viele Anekdoten oder Vermutungen über die Homosexualität von Priestern geben – diese Untersuchung hat gezeigt: Signifikative Fakten, dass Zölibat oder Homosexualität zur Pädophilie beigetragen hätten, ließen sich nicht finden. Wohl hätten sich die perversen Täter häufiger an Jungen als an Mädchen vergangen; doch Priester hätten eben leichter Zugang zu Jungen gehabt. Dass der oft behauptete „Link“ unzutreffend ist, erwiesen auch internationale Spezialisten – alle Nichtkatholiken – bei einem Symposion im Vatikan über „Sexual Abuse in the Catholic Church – Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche“ (publiziert von R. K. Hanson, M. Lütz u. a., Vatikan 2004). Wörtlich heißt es auf Seite 53: „Erwachsene Heterosexualität ist immer noch die ausgesprochen vorherrschende sexuelle Orientierung von Pädophilen, sogar Pädophilen die Jungen belästigen.“

Als zweites müssen wir in der Schande fraglos einen Fingerzeig erkennen für Verkündigung, Katechese sowie die vielfältigen Impulse der kirchlichen Zeitschriften und Institute: Das ganze Evangelium ist anzusagen; Gottes Wort darf nicht länger gefiltert werden! Da ist – um nur ein Beispiel zu nennen – etwa der Lasterkatalog im Munde Jesu selbst. Er zählt eine Anzahl von Freveln ungeschönt auf (Mk 7,21f.). Wann wurden sie eigentlich letztmals öffentlich bedacht? Oder dass der Apostel Paulus die Sünden benennt, die vom Reich Gottes ausschließen: „Unzucht, Götzendienst, Ehebruch, Pädophilie, Homosexualität, Diebstahl“ et cetera (1 Kor 6,9f.)? Scheuen sich Prediger und Medienleute nicht über die Maßen, solche Verse überhaupt in den Mund zu nehmen? Pastoral correctness verbietet es. Mögen solche Sünden – das wissen wir noch vom Hören-Sagen – vor Jahrzehnten die Standard-Themen bei „Pfarr-Missionen“ gewesen sein. Heute sind sie nicht zumutbar und könnten die ohnehin kleine Zahl der Getreuen vertreiben.

Schließlich Jesu Wort von den Ärgernissen. Sie „müssen zwar kommen. Doch wehe dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt“. Für ihn „wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals in die Tiefe des Meeres versenkt würde“ (Mt 18,6ff.). Sicher, nicht jedes geoffenbarte Wort passt in jede Lebenssituation. Aber gerade dieses ist von bestürzender Aktualität. Und es hindert uns, alle menschliche Sünde mit inflationär ausgerufener Barmherzigkeit Gottes zu banalisieren.

Des Weiteren hinterlässt der Skandal die Aufgabe, dass wir unser Kirchenbild prüfen – keineswegs um die angefallene Schande zu verharmlosen. Doch die drückende Beschämung mag dazu beitragen, unsere religiösen Gefühle an theologischen Daten zu messen.

Das Matthäus-Evangelium enthält Jesu Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Mt 13, 24-30). Wir haben es noch im Ohr: die Geschichte von dem Gutsherrn, der guten Samen sät. Dennoch ist Unkraut auf dem Acker gewachsen. Und die Knechte vermelden es verwundert und wollen das Unkraut ausreißen. Doch der Herr erwidert: Lasst Weizen und Unkraut „wachsen bis zur Ernte“. Der Herr, auf den das Gleichnis zurückgeht, und die junge Gemeinde, die es aufgeschrieben hat, wissen um Verderbnis in der Kirche und um die Schwächung ihrer Leuchtkraft. Diese Tatsache kann nichts entschuldigen. Aber sie soll wie bei den Knechten des Gleichnisses unsere Irritation abfangen. Wie es etwa Augustinus in seiner Auslegung des Psalms 48 beschreibt: „Als Volk Gottes gelten jetzt alle, die das Sakrament empfangen haben, aber nicht allen gilt Gottes Erbarmen. Denn alle, die das Sakrament der Taufe empfangen haben, werden zwar Christen genannt, aber nicht alle leben würdig jenes Sakramentes. Denn es gibt einige, von denen der Apostel sagt: ,Sie wahren den Schein der Frömmigkeit, doch die Kraft der Frömmigkeit verleugnen sie‘“ (PL 36,538f.). Im gleichen Sinn hält auch die Kirchenkonstitution des Vaticanum II fest, dass „die Kirche Sünder in ihrem eigenen Schoße umfasst“ (Nr. 8). Solche Erkenntnis straft einmal jeden kirchlichen Triumphalismus Lügen. Ihn auszuschließen, mag uns noch leichtfallen. Doch wie der Kirche weiter verbunden bleiben, wenn das Trommelfeuer ihrer Verderbtheit ohrenbetäubend wird? Wie sich mit ihr identifizieren, wenn man plötzlich vor ihr zurückschrecken möchte? Der Katholik erlebt sich wie ein Liebender, der den Verrat seiner großen Liebe erleben muss. Er leidet, und was schlimmer ist: mit der Enttäuschung über die Kirche nehmen Glaube und Gottesliebe ab. Es sei denn, Schock und Schmerz ließen mit neuer Intensität zum Herrn der Kirche aufblicken und ihn suchen.

Joseph Ratzinger hat vor vielen Jahren (1971) ein Plädoyer abgelegt: „Warum ich noch in der Kirche bin.“ Nach dem Konzil kursierte ja der Slogan: „Glaube ja – Kirche nein!“ Vielen erschien sie nicht länger das Zeichen, das Glauben weckt, sondern eher als das Haupthindernis, ihn anzunehmen. Ratzinger versucht, auf diese Verdunkelung der Wahrheit eine Antwort zu geben; sie ist noch heute gültig.

Er erinnert an eines der Sinnbilder, mit dem die „Kirchenväter“ das Zueinander von Christus und seiner Kirche deuteten: die Verwiesenheit des Mondes auf die Sonne. Wer unseren Erdtrabanten beschaufelt und befährt, entdeckt nur Wüste, Sand und Abgründe. Das ist das Seinige. Und doch macht er das Dunkel hell und wird uns Widerschein des Sonnenlichtes. So bleibt auch die Kirche mit ihren Wüsten, dem Staub ihrer Geschichte und den Kratern ihrer Menschlichkeit in der Dunkelheit des Daseins das unersetzliche Zeichen unseres Bruders Christus und seines liebenden Vaters. Und selbst wenn der Mond sich teilweise verschattet oder gar hinter düsteren Wolken ganz verbirgt, wissen wir im Glauben, dass Gottes Sonne unsere Mond-Kirche weiter anstrahlt; denn Gott ist treu.

Solcher Glaube an Gottes Treue betrifft schließlich ein letztes: Die Träger des geweihten Amtes stehen unter Generalverdacht. Die Philosophie spricht vom Fehlschluss „falscher Äquivalenz“, wenn ein Spezialfall vorschnell (als „Pars pro toto“) auf das Ganze übertragen wird. Gegenüber einer von den Medien erreichten „gefühlten Mehrheit“ von Pädophilen ist festzuhalten, was etwa 2002 für die USA wissenschaftlich erhoben wurde: 1,5 – 2 Prozent vergingen sich (Angabe in „Sexual Abuse…“ S. 189).

Doch nicht nur der Diskreditierung eines Standes ist entgegenzutreten. Schlimmer noch ist, dass der Sinn des Weihesakraments zerstört wird. Der Herr gib in ihm die Gnade, dass seine Offenbarung gewahrt und er in den Sakramenten präsent wird. Wer das vergleichgültigt, dem bleibt nur die Sekte. Ja, er macht die Kirche zur autonomen Diesseits-Institution, zum kalten Mond, der nicht länger von der Sonne erwärmt und erleuchtet wird.

Der Autor war Präsident des Päpstlichen Rates „Cor Unum“.