Im Inneren der Kirche und für die Kirche wirken

Ein Gespräch mit Martin Hafner, Leiter der Internationalen Union der Pfadfinder Europas. Von Stefan Matthaei

Martin Hafner. Foto: Matthaei
Martin Hafner. Foto: Matthaei
Herr Hafner, was genau ist die UIGSE?

Die UIGSE (Union Internationale des Guides et Scouts d'Europe) ist ein europäischer Dachverband nationaler Pfadfinderverbände. Sie wurde 1956 von Jugendlichen in Köln gegründet mit dem Gedanken, zur Versöhnung der Völker beizutragen, vor allem der deutschen und französischen Jugend. Das Pfadfindertum konnte dabei einen wertvollen Beitrag leisten, weil es der Pfadfinderidee innewohnt, junge Menschen zusammenzubringen und gemeinsam etwas zu bewegen.

Warum engagiert sich der Verband beim Weltjugendtag?

Seit 2003 ist die UIGSE vom päpstlichen Rat für die Laien anerkannt als eine Gemeinschaft von Gläubigen päpstlichen Rechts. Es ist uns ein Anliegen, dass wir unsere Beziehungen zum Heiligen Stuhl laufend vertiefen. Wir sind ein Verband, der sich der Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen widmet. Seit 2000 sind wir stets mit von der Partie, wenn der Weltjugendtag in Europa gastiert.

Eine Zeltstadt für 1 500 Pfadfinder zu errichten ist ein kleines Event im eigentlichen Event. Wie stellte sich die Vorbereitung dar?

Die Vorbereitungen starteten bereits im Jahr 2014. Bei der Wahl des Lagerplatzes und der Koordination unserer Helferdienste waren viele Gespräche mit dem Diözesankomitee vonnöten. Neben der reinen Logistik und den Einsätzen als „Volunteers“ ist es uns ein Anliegen, dass es für unsere Pfadfinderinnen und Pfadfinder die Möglichkeit für ein intensives Gebets- und Glaubensleben gibt. Auch jeder einzelne Helfer soll geistlich vom Weltjugendtag profitieren.

Was bedeutet das Motto der Barmherzigkeit ganz konkret für die jungen „Volunteers“ hier?

Es ist uns sehr wichtig, dass alle Pilger, die nach Krakau kommen, das Motto des Weltjugendtages mitten ins Herz trifft. Für die Helfer gilt: Es ist erst dann wirklich möglich, Barmherzigkeit auszustrahlen und zu schenken, wenn man sie selbst vorher erfahren hat. Daher gibt es für unsere Helfer hier im Camp ein breites Angebot, um Barmherzigkeit zu empfangen: Barmherzigkeitsrosenkranz, Gesprächskreise, tägliche Gelegenheiten zur heiligen Messe und Beichtgelegenheiten. Ich bin überzeugt, dass sie so gestärkt ihren Dienst auf einzigartige Weise leisten.

Die Weltjugendtagsteilnehmer kommen aus über 180 Ländern. Das bedeutet sprachliche Barrieren und kulturelle Unterschiede. Wie sind die Helfer darauf eingestellt?

Als Mitglied einer europäischen Pfadfinderbewegung sind unsere Helfer von Haus aus gut aufgestellt. Wir veranstalten regelmäßig internationale Lager, und fordern die Teilnehmer heraus, gemeinsam etwas zu unternehmen. Durch das gesprochene Wort können sie sich oft nicht oder nur wenig verständigen. Kochen, singen oder spielen werden da zu völlig neuen Erfahrungen. Wir arbeiten laufend an internationalen Projekten, bei denen jeder seine eigene Kultur und Herangehensweise einbringen kann. Wenn solche Projekte mit gut 20 Ländern klappen, ist die Öffnung für die ganze Welt oft nur ein kleiner Schritt.

Die letzten Monate wurden Europa und die Welt von Terroranschlägen erschüttert. Ist das bei den Helfern ein Thema? Gibt es Bedenken oder gar Angst?

Natürlich ist das auch hier ein Thema. Die Ermordung des Priesters in Frankreich löste nicht nur bei den französischen Pfadfinderinnen und Pfadfindern große Betroffenheit aus. Hier in Krakau wurden sehr viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen, auch in Bezug auf unser Camp. Das Menschenmögliche ist getan. Daher haben wir die Hoffnung – und beten darum –, dass wir hier in Sicherheit sind. Johannes Paul II. hat der Jugend beim Weltjugendtag in Toronto 2002 zugerufen: „Habt keine Angst, die Zeugen des neuen Jahrtausends zu sein.“ Das wollen wir in seiner Heimatstadt beherzigen.

Welchen Beitrag kann die UIGSE zu einem vereinten Europa erbringen?

In Europa haben wir gerade die verschiedensten Krisen zu bewältigen. Viele Menschen haben große Befürchtungen, was ihre Zukunft angeht. Ich ermutige unsere Pfadfinderinnen und Pfadfinder, sei es in der Ukraine, in Frankreich oder wo auch immer, sich in erster Linie für die Mitmenschen in ihrer unmittelbaren Umgebung einzusetzen. Wir müssen den selbstlosen Blick für den unmittelbar Nächsten haben. Dann hinterlassen wir die Welt täglich etwas besser, als wir sie angetroffen haben.

Auch wenn die Politik versucht, den Krisen mit großem Engagement zu begegnen, scheint das Gelingen nicht immer in den Händen der Politiker zu liegen. Politik setzt Autorität und Macht voraus, um Dinge zu ändern. Das Pfadfindertum folgt dem Geist des Dienstes. Wenn sich jeder an dem Ort verschenkt, wo er ist, kommen wir zu einem Europa der Herzen und bleiben nicht bei einem Europa der Strukturen stehen.