Im Geist der Würzburger Synode

Zum Tod von Kardinal Karl Lehmann, dem langjährigen Vorsitzenden der deutschen Bischöfe. Von Michael Karger

Karl Lehmann
Karl Kardinal Lehmann. Foto: KNA
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Karl Kardinal Lehmann. Foto: KNA

Nur mit einer Sondererlaubnis durfte der Theologiestudent Karl Lehmann das Priesterseminar in Freiburg verlassen, um an den Abendvorlesungen von Martin Heidegger teilnehmen zu können. Von seinem Bischof zum Studium nach Rom geschickt, erlebte der Sohn eines Volksschullehrers aus Sigmaringen das letzte Lebensjahr von Papst Pius XII. und die Wahl von Johannes XXIII. Mit der Konzilsankündigung 1959 wurden Hoffnungen geweckt: Wird der verweigerte Dialog mit der Moderne in der Kirche endlich begonnen? Wird das verbreitete denunziatorische Klima in der Theologie ein Ende nehmen? Dürfen nichtmetaphysische Philosophie und historisch-kritische Exegese an katholischen Fakultäten gelehrt werden? Mit seiner philosophischen Arbeit über die Seinsfrage Heideggers und seiner theologischen Dissertation über die neutestamentliche Formel „Auferweckt am dritten Tag nach der Schrift“, hat sich der junge Theologe Lehmann ganz entschieden auf die Seite dieser Strömung gestellt. Zugleich blieb er durch sein ganzes Leben von der nüchternen ignatianischen Frömmigkeit, die über die jesuitische Hausleitung das Germanicum bestimmte, geprägt. In einem Exerzitienkurs bei Pater Hugo Rahner habe sich 1958, sagte Lehmann später, „eigentlich mein Beruf entschieden“. Ein Jahr nach Konzilsbeginn wurde Lehmann von Kardinal Döpfner zum Diakon und auch zum Priester geweiht.

Döpfner, von Lehmann als „Vollblut-Seelsorger“ bezeichnet, wurde sein großes Vorbild und väterlicher Freund. Lehmann wurde als wissenschaftliche Hilfskraft für den Konzilstheologen Karl Rahner abgestellt. Seine Kaplansstelle bei Karlsruhe konnte er nicht antreten, weil Rahner auf seinen Zuarbeiter während der gesamten Konzilsjahre nicht mehr verzichten wollte. Somit ist der spätere Diözesanbischof Lehmann niemals hauptamtlich in der Seelsorge tätig gewesen.

Die Konzilsjahre, die Erfahrung des Ringens um die Formulierung der Beschlüsse auf dem Konzil, waren für Lehmann sicherlich die prägendsten Erlebnisse seines Lebens. Auf den ungeheuer fleißigen Lehmann blieb Rahner angewiesen. Er nahm ihn 1964 als Assistenten mit nach München, als er den Guardini-Lehrstuhl übernahm. Ohne Lehmann hätte Rahner seine zahlreichen editorischen Großprojekte der Nachkonzilszeit niemals bewältigen können. Ein positives Gutachten Joseph Ratzingers war die Voraussetzung dafür, dass Lehmann, der nicht habilitiert war, 1968 einen Ruf als Dogmatikprofessor an die Universität Mainz erhielt. Seit der „Königsteiner Erklärung“, der Antwort der deutschen Bischöfe auf die Enzyklika Pauls VI. „Humanae vitae“ (1968) zum Thema Empfängnisverhütung ist Lehmann mit dem Abwehrkampf gegen die Änderungswünsche der Kurie beschäftigt gewesen.

Über das Zentralkomitee der Katholiken wurde Professor Lehmann in die Synode der deutschen Bistümer (1971–75) gewählt. Hier ging sein Stern dann endgültig auf. In der chaotischen Nachkonzilsära der Bundesrepublik verbanden sich die notwendige Umsetzung des Konzils mit der Erwartung, eindeutig vom Konzil abgewiesenen Bestrebungen nun doch noch zum Durchbruch zu verhelfen. Fast alles, was Lehmann sein Leben lang erreichen wollte, hat in der Würzburger Synode seinen Ausgang genommen: Laienpredigt, Diakonat der Frau, Viri probati, Zulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zur Kommunion, ökumenische Zugeständnisse. Dass es nicht gelang, die Viri probati 1970 noch vor der Schaffung des Berufsstandes der Pastoralreferenten einzuführen, hielt er stets für ein historisches Versäumnis. Dass seine Vorschläge im gemeinsamen Hirtenwort mit den Bischofskollegen Walter Kasper und Oskar Saier zur Lage der wiederverheiratet Geschiedenen im Vatikan 1993 auf klare Ablehnung trafen, empfand Lehmann als eine der „größten Enttäuschungen“ seiner Bischofszeit.“

Auf der Synode wurde Lehmann der Vermittler zwischen allen Fronten und fand seine Rolle als der Überbringer der Voten nach Rom bei den Themen, für die die deutschen Katholiken keine Entscheidungskompetenz haben. Wogegen Lehmann von Außen angerannt ist, das kam ihm mit einem Male aus der Mitte der Kirche entgegen. Er sah sich am Ende seines Lebens durch die Forderung von Papst Franziskus nach einer synodaleren Kirche und mehr Kompetenzen für die Landessynoden wieder in die Aufbruchsjahre der Würzburger Synode versetzt: „Eine solche Haltung öffnet eine wichtigere Tür als ein neues Konzil.“ In sein Heimatbistum kehrte Lehmann 1971 zurück, als er den Dogmatiklehrstuhl in Freiburg annahm.

Insgesamt zehn Jahre – einschließlich der Publikation der Beschlüsse – war Lehmann mit der Synode beschäftigt. Ein Jahr nach deren letzter Sitzung starb 1976 Kardinal Döpfner, dessen wichtigster theologischer Berater Lehmann inzwischen geworden war. Unter den mehr als fünfzig Doktoranden und Habilitanden von Lehmann waren Paul-Josef Cordes, Gerhard Ludwig Müller, Bernd Jochen Hilberath, Albert Raffelt, Ulrich Ruh, Dorothea Sattler und Werner Löser SJ. Zusammen mit Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger war Lehmann Mitherausgeber der Zeitschrift „Communio“ und Mitglied der Internationalen Theologenkommission. Im Jahr 1983 wurde Lehmann zum Nachfolger von Hermann Kardinal Volk auf dem Mainzer Bischofsstuhl ernannt. Seinen Wahlspruch „Steht fest im Glauben“ entnahm er dem ersten Korintherbrief.

Zuerst als Stellvertreter von Kardinal Joseph Höffner und nach dessen Erkrankung ab 1987 als kommissarischer Leiter stand Lehmann der Deutschen Bischofskonferenz vor. Bei der Wahl zum Vorsitzenden 1987 setzte sich Lehmann gegen den Münchener Kardinal Wetter durch. In den Jahren 1993, 1999 und 2005 wurde der Bischof von Mainz jeweils für sechs weitere Jahre wiedergewählt. Später hat der Vatikan mehr als zwei Amtsperioden eines Vorsitzenden untersagt, was Lehmann folgendermaßen kommentiert hat: „Es ist deutlich, dass mein Beispiel zu einem solchen Verbot geführt hat. Natürlich hat die lange Amtszeit auch die Kritik mancher Kollegen befördert. Wer dieses Verbot schließlich durchgesetzt hat – manche sprechen von einer ,Lex Lehmann‘ –, weiß ich bis heute nicht.“ Bischof Lehmann wurde zu dem medialen Gesicht des deutschen Katholizismus: „Ich bin also durch die konkreten Bedürfnisse der Medien in eine Rolle hineingewachsen, die früher so nicht gegeben war. Wenn man dies einigermaßen ordentlich macht, dann gibt es von den Kollegen eine stille Ermächtigung, auf diesem Weg fortzufahren – ohne Änderung des Statuts.“ Kein Vorsitzender war bisher mit so vielen Positionspapieren zu kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen an die Öffentlichkeit gegangen. Für die Mehrheit der deutschen Bischöfe war dies komfortabel: Lehmanns breiter Rücken bot Schutz vor römischen Einsprüchen und gleichzeitig besänftigte seine permanente Forderung nach „Spielräumen für Experimente“ die radikalen Reformkatholiken.

Als in den 90er Jahren eine Gesetzesänderung von den kirchlichen Beratungsstellen die Ausstellung einer Bescheinigung verlangte, die einzig dem Zweck diente, eine straffreie Abtreibung zu ermöglichen, kam es zum offenen Konflikt mit Kardinal Ratzinger, dem Präfekten der Glaubenskongregation. Nach vierjährigem Kampf verlangte Rom den Rückzug der kirchlichen Schwangerenberatung aus dem staatlichen System und die konsequentialistische Position der Mehrheit der deutschen Bischöfe zurückgewiesen. Umso erstaunlicher war dann die Kardinalserhebung von Lehmann 2001, die der Mainzer Bischof auf eine persönliche Initiative von Papst Johannes Paul II. zurückführte.

Als Kardinal nahm Lehmann am Konklave 2005 teil, aus dem Joseph Ratzinger als Benedikt XVI. hervorging. Papst Benedikt lehnte das Rücktrittsangebot ab, das Lehmann mit Vollendung des 75. Geburtstags eingereicht hatte. Benedikts Nachfolger Franziskus nahm 2016 zum 80. Geburtstag das Rücktrittsgesuch des inzwischen gesundheitlich angeschlagenen Kardinals an. Als Hauptkonsekrator hat Kardinal Lehmann die Weihe seines Nachfolgers auf dem Bischofsstuhl von Mainz, Peter Kohlgraf, noch selbst vornehmen können. Nach einem Schlaganfall und einer Gehirnblutung im September 2017 wurde Kardinal Lehmann im Mainzer Bischofshaus gepflegt, wo er am frühen Morgen des Sonntags Laetare verstarb.