Im Fokus steht der Glaubensakt

Bischof von Regensburg stellt die Enzyklika „Lumen fidei“ vor und zieht Parallelen zum Ratzinger-Klassiker „Einführung in das Christentum“. Von Reinhard Nixdorf

Bischof Rudolf Vorderholzer beleuchtet die Handschrift des emeritierten Papstes in der Enzyklika. Foto: dpa
Bischof Rudolf Vorderholzer beleuchtet die Handschrift des emeritierten Papstes in der Enzyklika. Foto: dpa

Regensburg (DT) Als wortgewaltiges Werk, das im Glauben stärken soll, hat der Bischof von Regensburg, Rudolf Voderholzer die neue Enzyklika „Lumen fidei“ (Licht des Glaubens gewürdigt, die von Papst Benedikt XVI. begonnen und von Papst Franziskus vollendet worden ist. „Der Text verdient, immer wieder gelesen und betrachtet zu werden“, sagte der Bischof am Montag bei einem Pressegespräch in Regensburg. Dieses erste Lehrschreiben des neuen Papstes sei auch ein Zeichen der ungebrochenen Kontinuität zwischen Benedikt und Franziskus in Fragen der kirchlichen Lehre. „Ich sehe mich in meiner schon ganz früh geäußerten Auffassung vollumfänglich bestätigt, dass zwischen Benedikt und Franziskus kein Blatt Papier passt“, sagte Bischof Voderholzer.

Es sei keineswegs ungewöhnlich, dass ein Papst auf einen Entwurf zurückgreift, der nicht aus seiner eigenen Feder stamme. Die meisten päpstlichen Rundschreiben basierten auf der Zuarbeit von Experten, Ratgebern oder Ghostwritern, zumal die großen Sozialenzykliken. Neu und ungewöhnlich an der Enzyklika „Lumen fidei“ sei jedoch, dass es sich beim Autor der Vorlage um den noch lebenden Vorgänger handle – und dieser Vorgänger im Text offiziell erwähnt wird: Papst Franziskus sage in Nr. 7, dass er sich einen fast vollständig ausgearbeiteten Entwurf seines Vorgängers Benedikt XVI. zu Eigen gemacht und diesen „wertvollen Text“ an einigen wenigen Stellen erweitert habe. „Papst Franziskus hat also die Größe, den Anteil seines Vorgängers am Entstehen des Rundschreibens ausdrücklich selbst zu benennen und zu würdigen“, stellte der Bischof fest.

In der in vier Kapitel gegliederten Enzyklika, die an alle Gläubigen gerichtet ist und hinein in die Kirche spricht, gehe es weniger um Inhalte des Glaubens, als um den Glaubensakt, also um die Frage: „Was tut ein Mensch, der sagt: Ich glaube?“

Eine Definition gibt die Enzyklika im ersten Kapitel: ,,Der Glaube ist die Antwort auf ein Wort, das eine persönliche Anrede ist, auf ein Du, das uns beim Namen ruft." Glaube sei also immer eine Reaktion auf etwas, ihm gehe eine Anrede voraus, ,,eine Selbstmitteilung des göttlichen Du“. „Der Glaube des Menschen antwortet auf dieses Wort, und in dieser Antwort kommt auch die Mitteilung an ihr Ziel“, sagte der Bischof. ,,Dieses Heilsgeschichte eröffnende Ruf- und Antwortgeschehen wird nun in ihren heilsgeschichtlichen Phasen vorgestellt: vom Anruf Gottes an Abraham über den Glauben Israels bis zum ,Mittler‘ Mose. Es findet seinen Höhepunkt im Christusereignis, worin Gott nicht einfach nur ,etwas' über sich mitteilt, sondern sich zugleich als ,Liebe‘ offenbart.“

Gegenüber dem oft ins Feld geführten Gegensatz zwischen Glauben und Wissen charakterisiere die Enzyklika den Glauben als anthropologisches Grundphänomen: Ohne Glaube und Vertrauen könne der Mensch gar nicht existieren: „In vielen Lebensbereichen“, sage der Papst – „vertrauen wir uns anderen Menschen an, die mehr Sachverständnis besitzen als wir. Wir haben Vertrauen zu dem Architekten, der unser Haus baut, zu dem Apotheker, der uns das Medikament zur Heilung anbietet, zu dem Rechtsanwalt, der uns vor Gericht verteidigt.“ Schon rein menschlich gesprochen könne man also sagen: ,,Der Glaube erschließt neue Wirklichkeiten, Glauben ist die dem Menschen gemäßeste Weise, Erkenntnis zu erlangen und seinen Horizont zu erweitern“, sagte der Bischof. Die Enzyklika deute dies im Blick auf den Glauben an Christus aus: „Im Glauben dehnt sich das Ich des Glaubenden aus, um von einem Anderen bewohnt zu sein, um in einem Anderen zu leben, und so weitet sich sein Leben in der Liebe“, sodass man sagen könnte: „Wer glaubt, sieht mehr und erkennt tiefer. Der Christ glaubt nicht ins Blaue hinein, sondern macht sich fest in der Liebe Gottes, die in Jesus Christus geschichtlich manifestiert worden ist. Der Glaube ist also Antwort“.

Das zweite Kapitel stehe unter dem alttestamentarischen Wort „Glaubt ihr nicht, so versteht ihr nicht“. Diese Passagen seien bereits in Joseph Ratzingers Buch „Einführung in das Christentum“ vorweggenommen worden, erläuterte Bischof Voderholzer. Dort gehe es vornehmlich um den Aufweis, dass die aus der liebenden Zuwendung erwachsende Sicht auf die Wirklichkeit nicht zu einem Weniger an Wahrheit und Gewissheit führe, sondern dem Menschen erst wahrhaft die Augen öffne. Wer also die Welt mit den liebenden Augen Christi betrachte, werde nicht nur immer mehr in ihn verwandelt, sondern ,,ihm erschließt sich auch mehr und mehr der Sinn der Gesamtwirklichkeit“.

„Die frühen Christen haben ihre geistesverwandten Brüdern und Schwestern in den Philosophen gesehen“, sagte der Bischof. „Getrieben von dem Wunsch, die gesamte Wirklichkeit von der in Jesus offenbarten Liebe Gottes her zu erleuchten, und in dem Bemühen, selbst mit eben dieser Liebe zu lieben, fanden die ersten Christen in der griechischen Welt und deren Hunger nach Wahrheit ein geeignetes Gegenüber für den Dialog“, so „Lumen fidei“. „Die Begegnung der Botschaft des Evangeliums mit dem philosophischen Denken der Antike bildete den entscheidenden Schritt, damit das Evangelium zu allen Völkern gelangte.“ Christen seien keine Obskuranten, folgerte der Bischof. Das große Problem der Gegenwart sei jedoch, dass sich die neuzeitliche Vernunft nicht mehr für wahrheitsfähig halte.

Im dritten Kapitel gehe es um die Vermittlung des Glaubens, um die Frage. „Wie kann man mit Jesus Christus ,gleichzeitig‘ sein, um über die räumliche und zeitliche Gemeinschaft mit ihm und somit auch in die Liebe zu ihm aufgenommen werden?“ Auch hier setze die Enzyklika bei anthropologischen Sachverhalten an, nämlich bei der Sozialstruktur, wonach der Mensch stets in und von der Beziehung zu anderen lebt – und zwar auch mit denen, die ihm vorausgegangen sind. Die Brücke dorthin schaffe die Sprache, die vorgegebene lebendige Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft. Für die Vermittlung des Glaubens bedeute dies: „Insofern der Glaubende immer schon in eine lebendige Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft eingebunden ist, kann er im Eintreten in das die Zeiten und Räume übergreifende ,Wir‘ der Kirche dem Du Gottes, das sich in Jesus Christus geoffenbart hat, begegnen.“

Und: „Weil es bei der Weitergabe des Glaubens nicht nur um Sätze und ein Buch geht, sondern um eine Beziehung, bedarf es auch einer umfassenderen Ordnung des kirchlichen Lebens zur Vermittlung der Offenbarung – der Sakramente, in denen die göttliche Liebe für alle Sinne greifbar und erfassbar und den ganzen Menschen mit einbeziehend gegenwärtig wird.“

Das abschließende vierte Kapitel konkretisiere die Ausführungen über den Glauben sozialethisch. Als Kernaussage nannte Bischof Voderholzer den Satz aus Nr. 51: ,,Das Licht des Glaubens ist in der Lage, den Reichtum der menschlichen Beziehungen zur Geltung zu bringen sowie ihre Fähigkeit, bestehen zu bleiben, verlässlich zu sein und das Leben in Gemeinschaft zu bereichern.“ Dazu gehörten die Aussagen zu Familie und Ehe: Die dauerhafte Verbindung von Mann und Frau in der Ehe, so die Enzyklika, entstehe „aus ihrer Liebe, die Zeichen und Gegenwart der Liebe Gottes ist, und geht aus der Anerkennung und Annahme des Gutes der geschlechtlichen Verschiedenheit hervor, durch welche die Ehegatten sich zu einem Fleisch verbinden können.“

Da die Enzyklika beim Wort ansetzt, sieht Bischof Voderholzer in ihr auch einen Impuls zur Ökumene. Auch biete sich das päpstliche Schreiben als Gesprächspapier in den Pfarreien und Lektüre in theologischen Seminaren an der Universität und im Priesterseminar an. Er selbst will auch einige Predigten dazu verfassen. Denn: „Wer sich auf die Enzyklika einlässt, wird um etliche Einsichten schon philosophisch menschlicher Art bereichert und nicht zuletzt im Glauben gestärkt“, sagte Bischof Voderholzer.