Im Fokus: Das Heilige Land

Folker Müller ist Präsident der Bayerischen Ordensprovinz des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem. In dieser Kolumne beschreibt er seine Erwartungen an die Reise von Papst Franziskus ins Heilige Land.

 

Der wichtigste Beitrag der katholischen Kirche im Heiligen Land besteht derzeit darin...

den dortigen Christen direkte Hilfe zu bieten um in Würde zu leben, sei es durch Bildung, caritative Einrichtungen oder auch finanzielle Unterstützung. Die Menschen dort sind die Besuche und die daraus resultierenden Ankündigungen der (ausländischen) Politiker leid, da es keinen spürbaren Fortschritt in den Verhandlungen gibt und die Christen ohnehin von der Politik fast vergessen werden. Die beiden anderen monotheistischen Religionen leiden unter einer solchen religiösen Vernachlässigung absolut nicht. Man kann behaupten, dass die westlichen Regierungen, die ihre christlichen Wurzeln und die Identität ihrer Völker verleugnen, in der Tat den Muslimen helfen, stärker zu werden und die arabisch-christliche Bevölkerung drastisch benachteiligen, denn finanzielle Hilfen gehen zu einem Großteil an die muslimisch-arabische Mehrheit – die Christen bekommen meist nur „Bröckchen“ ab. Dadurch eliminiert der Westen auch die Zukunft der Christen, die zur Auswanderung getrieben werden.

Den Exodus der Christen aus dem Heiligen Land aufzuhalten kann gelingen, wenn...

es gelingt, die Folgen der Demoralisierung der christlichen Araber zu stoppen. Das Dasein der Christen im Heiligen Land ohne das Bewusstsein ihrer Mission lädt zur Auswanderung ein. Dieses Sendungsbewusstsein der Christen ist der wichtigste Faktor, der sie ermutigen kann, im eigenen Land zu bleiben, die vielen Schwierigkeiten zu überwinden, sich an den allgemeinen Bemühungen zu beteiligen, ihr Land zu retten und ihre Heimat zur wirklichen Demokratie zu führen, in ihrer eigenen Tradition verwurzelt, in der arabischen, christlichen und muslimischen Gesellschaft. Falls die christliche Präsenz im Heiligen Land noch weiter abnimmt, wird das unheilvolle Folgen für die Kultur und das bürgerliche Zusammenleben haben. Um dem entgegenzuwirken, benötigen die arabischen Christen ein tieferes und reiferes, persönliches und kollektives Bewusstsein.

Erforderlich ist zunächst die intellektuelle Bemühung, das Bewusstsein der Christen dahingehend zu stärken, dass sie in ihrem Herzen überzeugt sind, zu diesem ihrem Land zu gehören aufgrund ihrer christlich-arabischen Identität. Sie müssen verstehen, dass leben in diesem Land, wo sich die heiligen Stätten befinden, kein Zufall ist, sondern Berufung und Aufgabe. Die Anwesenheit und die Tätigkeit der Ortschristen und ihrer Institutionen beseelen die heiligen Stätten: die heiligen toten Steine müssen von den lebendigen Steinen belebt sein. Die arabischen Christen müssen wieder die Sicherheit haben, dass sie keine „geringe Minderheit“, sondern ein wichtiger Teil der christlichen (und katholischen) Weltkirche sind, die immer an sie denkt und sich für ihr Schicksal interessiert, im besonderen der Heilige Vater in Rom. Die Treffen der katholischen Patriarchen des Ostens, der Besuche der verschiedenen Bischofskonferenzen und natürlich die Pilgerreisen der Päpste ins Heilige Land beweisen, dass sie sich um „die Zukunft“ der Christen im Heiligen Land kümmern und ihren guten Willen zeigen, ihr Möglichstes zu tun, um den Christen vor Ort das Bewusstsein ihrer Wichtigkeit und ihrer Rolle für das Gleichgewicht der Mächte im Nahen Osten zurückzugeben. Viele Gemeinden, Vereine, Institutionen und Einzelpersonen versichern den palästinensischen Christen ihre Solidarität, sodass sie sich nicht vergessen und verlassen fühlen. Den arabischen Christen muss ihre Aufgabe bewusst werden, dass sie Brücke zwischen Ost und West sind. Nur sie haben die notwendigen Qualitäten und Voraussetzungen dazu.

Sichtbare Früchte des interreligiösen Dialogs sind...

die muslimischen Studenten an den christlichen Universitäten zum Beispiel im palästinensischen Bethlehem oder Bir Zeit. Man kann es aktive Friedensarbeit nennen, denn durch den direkten Kontakt mit den christlichen Studenten können Vorurteile abgebaut und Verständnis für die andere (christliche) Kultur und Lebensweise gefördert werden.

Beim Anblick der Mauer....

denke ich an die Politik des Staates Israel, die sich der „Sicherheit“ für ein Volk widmet, das in Angst lebt: Angst vor der Vergangenheit, vor der Gegenwart und vor der Zukunft. Die „Sicherheit“ ist absolutes Gesetz geworden. Jede Rechtsverletzung gegenüber den Nichtjuden, jede Einschränkung ihres Lebens und ihrer Bewegungsfreiheit wird mit der Ausrede der „Sicherheit“ gerechtfertigt. Niemand, auch nicht die Freunde des Staates, wagt Israel zu sagen, was richtig und was falsch ist. Natürlich wünschen die Christen Palästinas Sicherheit und Ruhe für Israel und beten für den Frieden. Aber man darf nicht nur über den Konflikt reden, ohne etwas für seine Lösung zu tun. Eine Lösung würde nicht nur beiden Völkern helfen, sondern auch allen Nachbarn aus dem ganzen Nahen Osten. Oftmals berichten die Massenmedien über Attentate und Vergeltungen – Früchte sinnloser Gewalt im Heiligen Land. Der israelische Jude sieht im Palästinenser einen Feind, der ihn aus der Welt schaffen möchte. Der Palästinenser sieht im israelischen Juden jemanden, der ihn nicht nur hasst, sondern der ihm auch sein Land weggenommen hat. Für den Palästinenser ist der israelische Jude der herrische, der „zuletzt Angekommene“, der ihm mit Gewalt die Heimat und die Freiheit genommen hat. Deshalb leiden die Palästinenser an den Verletzungen ihrer menschlichen Grundrechte, der Zerstörung ihrer Häuser und Institutionen und manchmal leiden sie auch Hunger. Bis jetzt haben die politische Weltgemeinde und die verschiedenen religiösen Oberhäupter erfolglos versucht, zwischen den beiden Völkern zu vermitteln. Neben der unerträglichen israelischen Besatzung fehlt in den palästinensischen Gebieten politische Stabilität, was manchmal einer Anarchie ähnliche Auswirkungen hat. Auch dadurch wächst die Versuchung für Christen, die eigene Heimat zu verlassen, um anderswo zu leben, wo man seine Würde behalten und Ruhe finden kann.

Zu den sinnvollsten Projekten im Heiligen Land zähle ich...

in erster Linie die Bildungsprojekte. Die meisten christlichen Schulen stehen unter der Leitung des Lateinischen Patriarchats, der Franziskanischen Kustodie oder des Melkitischen Vikariats in Galiläa. Aber auch das Gesundheitswesen und die soziale Arbeit, die im Heiligen Land hauptsächlich von Ordensleuten und von Vertretern internationaler Institutionen geleitet werden. In den besetzten Gebieten sichern diese Werke die einzige qualifizierte medizinische Versorgung. Es müssen Pilgerfahrten ins Heilige Land gefördert werden. Hier geht es um eine wichtige Hilfe. Die Pilger und Touristen, die in christlichen Hotels, Restaurants, Devotionalienläden, et cetera die Dienstleistungen in Anspruch nehmen, sind der Brotverdienst vieler palästinensischer Christen und gleichzeitig eine Gelegenheit, ihr christliches Zeugnis abzulegen. Zuletzt, aber nicht weniger wichtig, ist das Gebet der Weltchristenheit für die einheimischen Christen des Heiligen Landes, damit der Herr die politischen Führer erleuchtet und die diplomatischen Bemühungen für Frieden und harmonisches Zusammenleben mit Erfolg krönt. Der Frieden ist eine wertvolle Gabe Gottes, besonders in der heutigen Zeit, in der es scheint, dass Hass und Rache den Dialog ersetzt haben. Der Glaube bleibt für die Kirche des Heiligen Landes der einzige Grund zur Hoffnung. Eines Tages werden Gerechtigkeit und Friede endlich siegen. Denn Gott hat dieses Land erwählt für die Gemeinschaft Gottes mit den Menschen und die brüderliche Gemeinschaft zwischen ihnen.