Im Blickpunkt: Paderborner Debakel um Abtei Marienmünster

Missbrauch in der katholischen Kirche
Peter van Briel nimmt mit einer umfangreichen Abhandlung zum Thema aus priesterlicher Sicht Stellung zur Missbrauchskrise. Foto: Harald Tittel (dpa)

Der Schlag traf die meisten Gläubigen unvorbereitet: Seit knapp zwei Jahren galt es als beschlossene Sache, dass die französische Priestergemeinschaft St. Martin den Wallfahrtsort  Marienmünster  seelsorglich betreuen sollte. Drei junge Geistliche der berufungsstarken Gemeinschaft wollten im Herbst nach Ostwestfalen kommen, wo die Passionisten mangels Nachwuchs nicht mehr präsent sein konnten. Mit einer Pressemeldung des Erzbistums Paderborn zerschlugen sich am Montag die Erwartungen. Aus dem geplanten Neubeginn in Marienmünster wird nichts, auch wenn die Pläne für eine Ansiedlung  der Gemeinschaft St. Martin , zu der auch mehrere deutschsprachige Kleriker gehören, weiterbestehen. Sie soll ein geistlich-missionarisches Zentrum erhalten.

Das Debakel wäre an sich schon groß genug. Schon im Bistum Rottenburg-Stuttgart scheiterte vor Jahren ein Versuch der Gemeinschaft, die Abtei Weingarten zu übernehmen. Doch in Paderborn scheint ein Schwarzes-Peter-Spiel zu beginnen. Erzbistum und Kirchenvorstand widersprechen sich öffentlich: Gescheitert ist die Ansiedlung der jungen Gemeinschaft jedenfalls nicht an den vom Erzbistum Paderborn zitierten unterschiedlichen Vorstellungen über die gemeinschaftliche Nutzung der Räumlichkeiten. Der Ärger des stellvertretendes Vorsitzenden des Kirchenvorstands wirkt jedenfalls nachvollziehbar. Dass die Gemeinde während der vergangenen Jahrzehnte mit den Passionisten eine liberale Gangart pflegte und nun einen anderen Stil kennenlernte, hätte in einer an Toleranzgeboten so reichen Ortskirche wie der deutschen auch nicht die rote Karte nach sich ziehen dürfen. Zwar seien die inhaltlichen Unterschiede im Kirchen-, Priester- und Frauenbild nicht von der Hand zu weisen, heißt es aus den Reihen des Kirchenvorstands. Doch auch in Glaubensfragen sollte dem Dialogbereitschaft die Maxime sein. Warum nun doch der lange Arm des Ordinariats gegriffen haben soll, bleibt unklar. Und wesentlich wichtiger ist: Soll der Totschlagbegriff „erzkonservativ“, der im Zug der Gespräche ebenfalls öffentlich gegen die Gemeinschaft in die Waagschale geworfen, aber nie sachlich begründet wurde, im Raum stehen bleiben?

Die Gemeinschaft St. Martin hat es keineswegs nötig, mit Ordinariaten und Kirchenvorständen um Niederlassungen zu kämpfen. Seitens der französischen Bischöfe ist die Nachfrage hoch, weil sich die Priester in der Seelsorge bewährt haben und bekannt sind für ihre profiliert katholische Jugendarbeit. In Paderborn geht es allerdings um eine Grundsatzfrage. Sind junge Geistliche mit klaren katholischen Positionen in deutschen Diözesen und Pfarreien als Geschenk an die Ortskirche tatsächlich willkommen? Oder werden sie am Erbe der liberalen Vorgänger gemessen und müssen sich in spannungsreichen Verhandlungen ihren Platz im zumeist überalterten Diözesanklerus erobern? Das wäre eine Karikatur der priesterlichen Communio.

Der Gedanke, die Kirche könne gerade von den Jüngeren auch dazulernen, ist in diesen Tagen von Papst Franziskus wieder ins Spiel gebracht worden. Dass von Jüngeren oft erwartet wird, sich den liberalen Vorgaben der Ortskirche anzupassen, liegt angesichts der Altersstruktur vieler Pfarreien zwar auf der Hand: Ein Großteil derer, die noch kommen, will definitiv keine Veränderung im Sinne einer missionarischen Erneuerung, sondern möchte lieber alles so lassen, wie es ist. Eine Gemeinde, die Wortgottesfeiern vorzieht, um der Eucharistie mit jungen, vermeintlich „erzkonservativen“ Geistlichen auszuweichen, ist im Denken nicht weniger Katholiken eine völlig akzeptierte Größe. Das Gebet für geistliche Berufungen scheitert in der Praxis oft an dieser Haltung. Doch die priesterlose Gemeinde ist kein erstrebenswertes Zukunftsmodell. Sie bleibt ein Armutszeugnis für die Ortskirche. Für die Gemeinschaft St. Martin wäre eine zügige Lösung, um in Paderborn Fuß zu fassen, ein Weg, um den Schaden zu begrenzen.