Im Blickpunkt: Klerikerstand in der Krise

Noch vor drei Wochen stand der Vatikan im Brennpunkt der Aufmerksamkeit: Zum Kinderschutz-Gipfel waren nicht nur die Spitzenvertreter aller nationalen Bischofskonferenzen nach Rom gereist, sondern auch Berichterstatter und Kamerateams aus aller Welt. Jetzt ist es in der Kurie still geworden: Franziskus hat sich mit seinen engsten Mitarbeitern zu den Fastenexerzitien nach Ariccia bei Rom zurückgezogen. Die Nachricht, dass der handfester homosexueller Umtriebe beschuldigte Bischof Gustavo Zanchetta, den Franziskus erst zum Bischof im argentinischen Oran gemacht und ihm dann eine Stelle in der vatikanischen Güterverwaltung APSA besorgt hatte, ebenfalls Teilnehmer dieser Exerzitien sei, wie der „Catholic Herald“ vermeldete, mag manchen befremden. Nicht nur, dass die argentinische Staatsanwaltschaft gegen den Bischof ermittelt. Auch die Schwulenvideos und die Nacktselfies von sich selbst, die Zanchetta auf seinem Handy hatte, lassen etwas das Feingefühl der Oberen im Vatikan vermissen. Zwar mag der Mann Exerzitien besonders nötig haben, aber müssen Papst und Kurie so tun, als könne man bei dieser Personalie zur Tagesordnung übergehen, nur weil der Betroffene ein Freund und Schützling des Papstes ist? Schon im Fall des inzwischen zurückgetretenen chilenischen Bischofs Juan Barros von Orsono wie in der Behandlung der Missbrauchskrise in Chile generell hatte Franziskus wenig Fingerspitzengefühl bewiesen. Und der Missbrauchs-Gipfel vor drei Wochen hat wieder einmal gezeigt, wie genau die Öffentlichkeit hinschaut, wenn es um den Vatikan selber geht – etwa in der Frage, wie der inzwischen laisierte Theodore McCarrick Erzbischof von Washington und Kardinal werden konnte, obwohl Warnungen aus den Vereinigten Staaten wegen des Lebenswandels dieses Bischofs der Kurie schriftlich vorlagen. Die Aufklärung dieses Vorgangs, die der Bischofspräfekt Kardinal Marc Ouellet vor längerem in einem Schreiben an den Ex-Nuntius Carlo Maria Vigano angekündigt hatte, lässt nach wie vor auf sich warten.

Die jüngsten statistischen Daten des Vatikans zeigen, dass die Zahl der Priester und Seminaristen in Amerika und Europa zurückgegangen ist. In Deutschland hat die Missbrauchskrise das Priesterbild zusätzlich angekratzt. Wer heute in ein Seminar eintritt, ist fast ein Held: Er weiß, dass der Klerus an einem Imageproblem leidet, das der säkularisierte Zeitgeist, aber auch die Missbrauchspriester verursacht haben. Es wird auch in naher Zukunft nicht einfach sein, der Kirche als Priester zu dienen. Wer sich heute dazu entschließt, vor dem kann man nur den Hut ziehen. Den Lösungsansatz, den die deutschen Bischöfe unter anderem verfolgen, die Zahl der Frauen in kirchlichen Leitungsämtern zu erhöhen, kann die Krise nur verschleiern, nicht lösen. Wankt das sakramentale Priestertum, wankt die Sakramentalität des kirchlichen Lebens insgesamt. Da helfen auch keine kosmetischen Aufhübschungen.

Gerade Rom sollte hochsensibel sein, wenn es um die eigenen Leute geht. Transparenz und Null-Toleranz müssen auch für den Vatikan selber gelten. Nur so zu tun, als stünde man auf der hohen Warte, von der aus man „die Kirche da draußen“ beurteilen könnte, wäre völlig unangemessen.