Im Blickpunkt: Illusionen der Einheit

Viele Brücken versuchte Papst Franziskus der bulgarischen Orthodoxie zu bauen: Er beschwor angesichts der kommunistischen Christenverfolgung des 20. Jahrhunderts „die Ökumene des Blutes“ und die heute notwendige „missionarische Ökumene“. Er erinnerte an die Slawenapostel Cyrill und Method, an den in Bulgarien populären heiligen Papst Johannes XXIII. (1881–1963), der einst als Nuntius in Sofia wirkte, an die katholische Gastfreundschaft für die bulgarisch-orthodoxe Gemeinde in Rom. Doch die Hierarchen der bulgarischen Orthodoxie ließen den Papst abblitzen.

Bereits im Vorfeld hatten sie klargestellt, dass sie jede Form gemeinsamer liturgischer Feiern und des Gebetes ablehnen. So waren zwar Vertreter von Judentum und Islam beim „Regina Coeli“ und beim interreligiösen Friedensgebet anwesend, nicht aber Hierarchen der in Bulgarien dominanten Orthodoxie.

Die Zeichenhandlungen der orthodoxen Bischöfe und die Ansprache, mit der Patriarch Neofit den Papst höflich, aber distanziert im Heiligen Synod begrüßte, legen so manche katholische Illusion im ökumenischen Dialog offen: Es ist eine Illusion, die Ausübung des Papstamtes als letzte Hürde zur katholisch-orthodoxen Einheit zu sehen.

Vielmehr fehlt der Orthodoxie eine Theologie und Spiritualität des Petrusdienstes. Die bulgarische und viele andere orthodoxe Kirchen widersprechen der katholischen Sicht, es gebe eine Einheit im Glauben, die nur von einer Vielfalt der Traditionen und Stile verdunkelt werde. Aus der Sicht mancher orthodoxer Kirchen ist die katholische Kirche häretisch. Nach dem Besuch Johannes Pauls II. in Bulgarien forderte ein orthodoxer Metropolit, die Alexander-Newski-Kathedrale neu zu weihen, weil „ein Häretiker“ dort gebetet habe. Auch jetzt begleiteten die orthodoxen Bischöfe den Papst nicht in ihre Kathedrale, und sie weigerten sich, gemeinsam mit dem Nachfolger Petri zu beten.

Es ist offenbar auch eine Illusion, aus der brüderlichen Offenheit des Ökumenischen Patriarchen zu schließen, es gebe insgesamt einen Fortschritt im katholisch-orthodoxen Dialog. Bartholomaios ist leider nicht repräsentativ für die vielstimmige, auch in sich zerstrittene Welt der orthodoxen Kirchen: Katholiken in Serbien, Bosnien, Bulgarien, Russland und Georgien müssen sich von orthodoxen Mönchen, Popen und Bischöfen immer wieder anhören, der Ökumenismus sei eine „katholische Häresie“.

Wie in Serbien, Griechenland, Georgien und Russland hat sich die Orthodoxie auch in Bulgarien in die trügerische Bequemlichkeit einer Staatskirche begeben. Die auf dem Balkan und in Osteuropa weit verbreitete Identifikation der Orthodoxie mit der jeweiligen Nation führt dazu, dass Konflikte wie jene um die Orthodoxie in der Ukraine und in Mazedonien eskalieren.

Die darüber hinaus reichende Identifikation mit dem jeweiligen Staat schafft falsche Loyalitäten: Sie macht die Orthodoxie abhängig von der Politik und diskreditiert sie durch deren Versagen und Korruption. Franziskus hat in Bulgarien versucht, den Blick der orthodoxen Hierarchen auf ein pastorales Hirtenamt in universaler Brüderlichkeit zu weiten. Es gibt jedoch keine Anzeichen dafür, dass sich die Repräsentanten der bulgarischen Staatskirche davon inspirieren ließen.