Im Blickpunkt: Die Erforschung eines Dilemmas

Seit dreizehn Jahren schon arbeiten die Mitarbeiter der vatikanischen Archive daran, die Akten zum Pontifikat von Pius XII. so vorzubereiten, dass sie der Forschung zugänglich gemacht werden können. Das soll nun am 2. März kommenden Jahres geschehen. Die Kirche habe keine Angst vor der Geschichte, sagte Papst Franziskus, als er jetzt die Öffnung der Archive vor deren Mitarbeitern ankündigte.

Die Nachricht schlug in den italienischen Medien hohe Wellen. Vor allem die Sprecher der jüdischen Gemeinschaften in Italien zeigten sich mehr als zufrieden. Die Erwartungen sind hoch, vielleicht zu hoch, denn jetzt schon warnen Fachleute davor, sich völlig neue Erkenntnisse aus dem „run“ auf die Archivalien zu erwarten, der in einem Jahr einsetzen wird. Selbst jüdische Stimmen hoffen, dass man „zwei Legenden“ beseitigen kann, „die schwarze und die rosafarbene“. Wobei die schwarze wohl in dem Zerrbild besteht, das Rolf Hochhuth in seinem Schauspiel „Der Stellvertreter“ gezeichnet hat. Das öffentliche „Schweigen des Pacelli-Papstes“ zum Holocaust ist nach wie vor das Thema Nummer eins, das die Öffentlichkeit interessiert, wenn es um die Aufarbeitung des Pacelli-Pontifikates geht. Für die Katholiken stellt sich aber auch die Frage, wie sich die Öffnung der Archive auf die Seligsprechung von Pius XII. auswirken wird. Allein schon die Entscheidung von Benedikt XVI. im Jahr 2009, den heroischen Tugendgrad Pacellis anzuerkennen, hat nicht nur in der jüdischen Welt für Empörung gesorgt. Werden sich mit der Sichtung der Archivalien nun diese Wogen glätten?

Es sind Millionen von Papieren, die den Forschern zugänglich sein werden. Sie liegen im Vatikanischen Geheimarchiv, im Historischen Archiv der Sektion für die auswärtigen Beziehungen im Staatssekretariat, in den Archiven der Glaubenskongregation, der „Propaganda Fide“, dem Archiv der Kongregation für die orientalischen Kirchen, dem Archiv der „Fabbrica di San Pietro“ und den historischen Archiven anderer Dikasterien und der Tribunale. Der Glaube, dass die Wissenschaftler ab März 2020 einen Blick auf die Bestände werfen werden, um dann die Seligsprechung des Pacelli-Papstes durchzuwinken, ist naiv. Vierzehn Jahre wird man dann auf die Aufarbeitung der Archivalien gewartet haben. Und Jahre wird es dauern, bis sich das Bild des Weltkriegs-Papstes erhärtet hat. War der Ruf bisher der, der Vatikan möge die Akten freigeben, so wird der Ruf in den nächsten Jahren der sein, man brauche Zeit, den immensen Berg an Dokumenten zu durchforsten. Franziskus konnte die Entscheidung, die Archive bald zu öffnen, in aller Ruhe verkünden. Er selber wird nicht mehr darüber befinden müssen, ob der Pacelli-Papst zur Ehre der Altäre gelangt. Einen Weltkriegs-Papst seligzusprechen, der in seiner Amtszeit auch schwierige diplomatische Entscheidungen fällen musste und der im besetzten Rom von den Schergen Hitlers umzingelt war, ist kein Pappenstiel. Auch manche Katholiken wünschten sich im Rückblick einen Papst, der den Nazis öffentlich und mutig entgegengetreten wäre – mit sehr wahrscheinlich verheerenden Folgen für die Kirche in den von Nazi-Deutschland kontrollierten Gebieten. Dieses Dilemma Pius' XII. kann auch die Wissenschaft nicht auflösen.