Würzburg

Im Blickpunkt: Belohnt Rom die Treue seiner Ukrainer?

Über Jahrzehnte waren die Ukrainischen Katholiken auch von Rom fast vergessen. Sie hielten dennoch ihre Glaubenstreue.

Der Kiewer Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk
Das derzeitige Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine ist der Kiewer Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk. Foto: dpa

Wenn die Führung der ukrainisch-katholischen Kirche am Freitag und Samstag im Vatikan mit Papst Franziskus konferiert, wird sie ihm eine Bitte neuerlich vortragen: Die zahlenmäßig größte mit Rom unierte Ostkirche strebt seit langem danach, vom Papst offiziell zum Patriarchat erhoben zu werden. Warum zwar die mit Rom unierten Kopten, Maroniten, Syrer, Melkiten, Chaldäer und Armenier von einem Patriarchen geführt werden, und somit einen sichtbaren Ausdruck ihrer Eigenständigkeit innerhalb der vielgestaltigen katholischen Welt haben dürfen, nicht aber die dem Papst unterstehenden Ukrainer des byzantinischen Ritus, ist in der Tat schwer zu argumentieren.

Zumal die gut fünf Millionen Gläubige zählende Kirche, die ihre Wurzeln in der Taufe der Kiewer Rus 988 hat und im Jahr 1596 ihre Einheit mit dem Nachfolger Petri bekundete, längst alle Strukturen eines Patriarchats aufweist: Sie ist, wie die genannten katholischen Patriarchate, eine Kirche „sui iuris“ mit Bischöfen, verheirateten und zölibatären Priestern, Eparchien und Exarchaten, Ordensleuten, Priesterseminaren und Hochschulen. Gegen die Erhebung zum Patriarchat wird häufig „konservativ“ argumentiert: Dieser Wunsch allein offenbare bereits eine nationalkirchliche „Los von Rom“-Tendenz, die mehr orthodoxes als katholisches Denken zeige, heißt es manchmal. Tatsächlich jedoch hat gerade diese Kirche in all den Jahrzehnten extremer Verfolgung von 1946 bis 1990 ihre Treue zum Papst und zur weltkirchlichen Communio eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Lieber in den Tod als weg von Rom

Der rote Tyrann Stalin war bereit, die ukrainisch-katholische Kirche zu dulden – um den Preis ihrer Trennung von Rom. Diesen Preis wollten die Bischöfe, Priester und Gläubigen der unierten Ukrainer allerdings nicht zahlen. Für ihre Einheit mit dem Nachfolger Petri gingen sie in sowjetische Arbeitslager, in den Untergrund, ins Exil, und viele auch in den Tod.

Während die vatikanische Ostpolitik die Existenz dieser leidgeprüften Untergrundkirche im Namen einer trügerischen Entspannungspolitik zu ignorieren bereit war, hielten die Gläubigen in der Ukraine wie im Exil die Treue zu Rom. Erst Papst Johannes Paul II. holte die vergessene und verratene Untergrundkirche wieder ins vatikanische und ins weltkirchliche Bewusstsein. Kein Wunder, dass der Papst aus Polen bei seiner Ukraine-Reise 2001 von Millionen euphorisch gefeiert und dankbar umjubelt wurde.

Der Status des Patriarchats blieb den ab 1989 aus dem Untergrund tretenden Unierten auch nach der triumphalen Heimkehr ihres Großerzbischofs von Rom nach Lemberg versagt. Nicht aus juristischen oder gar theologischen Gründen, sondern weil die vatikanische Diplomatie – in überaus einseitiger ökumenischer Selbstverpflichtung – die russisch-orthodoxe Kirche keinesfalls provozieren wollte.

Neue Realitäten in der Orthodoxie

Dieses Argument ist heute hinfällig, nachdem der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel der ukrainischen Orthodoxie die Autokephalie verliehen, sie also völlig aus der Vormundschaft des Moskauer Patriarchats befreit hat. Bei allem redlichen Bemühen um den Dialog mit Moskau darf Rom diese innerorthodoxe Weichenstellung doch respektieren. Die unierten Ukrainer sind somit kein Thema mehr in den ökumenischen Gesprächen mit Moskau, sondern nur mehr mit der von Bartholomaios geschaffenen ukrainischen Orthodoxie. Und deren Patriarchen Epifanij darf und soll das Oberhaupt der ukrainisch-katholischen Kirche durchaus auf Augenhöhe begegnen. Die innerorthodoxen Querelen, Eitelkeiten und Streitigkeiten dürfen die vatikanische Ukraine-Politik nicht länger bestimmen. Zumal ein Ende dieser Streitigkeiten und wechselseitigen Verwerfungen derzeit nicht in Sicht ist. Der Papst wäre gut beraten, die in der Verfolgung bewiesene Treue der unierten Ukrainer jetzt zu würdigen und ihren Status mit der Erhebung zum Patriarchat zu bekräftigen.