Im Blickpunkt: Auf krummen Linien gerade

Der Geruch des Rätselhaften wird Medjugorje auch weiterhin anhängen. Zum einen ein Wallfahrtsort, zu dem jährlich Millionen pilgern. Wo sich Menschen bekehren, beichten, ihre Berufung finden. Von dem ein Impuls ausgegangen ist, der zur Gründung junger geistlicher Gemeinschaften führte, die heute segensreich wirken. Zum anderen ein Heiligtum Mariens, bei dem man nicht weiß, ob die von den sechs Sehern bezeugten Erscheinungen und Botschaften der Gottesmutter wirklich echt und glaubwürdig sind. Diese Zweideutigkeit hat die Entscheidung des Papstes, ganz offiziell Wallfahrten von Diözesen und Pfarreien in den bosnischen Wallfahrtsort zuzulassen, ohne dass damit die Anerkennung der Authentizität der Visionen verbunden ist, auf unabsehbare Zeit verfestigt. Wahrscheinlich müssen die Erscheinungen enden – vielleicht erst mit dem Tod des letzten Sehers –, bevor sich der Vatikan je wieder mit der abschließenden Bewertung der übernatürlichen Vorgänge befassen wird, die das Heiligtum zum Magneten gemacht haben. Franziskus hat nach langen Jahren eine Unsicherheit beendet, zu der er auch selber beitrug, als er beiläufig bemerkte, die Muttergottes sei doch keine Postbotin oder Chefin eines Telegrafenamts, die täglich eine Nachricht überbringe. Aber dem Menschenstrom nach Medjugorje wollte er auch kein Ende setzen – aus pastoralen Gründen. Die Pilgerfahrt dorthin ist jetzt päpstlich approbiert, ohne dass der eigentliche Kern der Wallfahrten, die Erscheinungen der „Gospa“, das kirchliche Gütesiegel der Echtheit erhalten hätte, wie es etwa für Lourdes, Fatima oder Guadalupe gilt.

Die von Benedikt XVI. im Jahr 2010 eingesetzte Untersuchungskommission unter Leitung des italienischen Kardinals Camillo Ruini war 2014 zu dem Ergebnis gekommen, dass bei den Erscheinungen Mariens zu unterscheiden ist. Die ersten sieben vom 24. Juni bis 3. Juli 1981 könnten echt sein. Dafür sprachen sich 13 Kommissionsmitglieder aus, bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung, was die Medien erst 2017 enthüllten. Wesentlich skeptischer war man, was alle folgenden Erscheinungen angeht, als die Seher und die Marienerscheinungen in den harten Konflikt zwischen dem Ortsbischof und den Franziskanern hineingezogen wurden, die die Pfarrei von Medjugorje betreuten. Allerdings sprach sich die Ruini-Kommission mit großer Mehrheit dafür aus, das Verbot offizieller Wallfahrten nach Medjugorje aufzuheben – eine Empfehlung, der Franziskus jetzt gefolgt ist. Und eine Wallfahrt mit päpstlichem Siegel ist sie doch geworden, weil dort nun mit dem polnischen Erzbischof Henryk Hoser ein Sondergesandter des Papstes sitzt, mit dem Pfarreien und Diözesen ordnungsgemäß Wallfahrten absprechen und planen können, ohne dass dies den Geruch des Privaten haben muss.

Man könnte Medjugorje also als einen Ort verstehen, an dem Gott auf krummen Linie gerade schreibt. Auch wenn Zweifel an der Echtheit der bis heute anhaltenden Erscheinungen und Botschaften der Gottesmutter bestehen, auch wenn es dort Skandale gegeben hat – immerhin wurde ein früherer geistlicher Begleiter der Seher laisiert und verließ den Franziskanerorden –, auch wenn die Ortsbischöfe stets strikte Gegner der Echtheit der Erscheinungen waren: Wer guten Willens ist und beste Absichten hat, darf gerne nach Medjugorje fahren, jetzt auch über den Weg kirchlich ganz offiziell organisierter Wallfahrten – und das Heiligtum so erleben, wie es der überwiegenden Mehrzahl von Millionen von Pilgern nun bald vierzig Jahre lang in Erinnerung geblieben ist: als Ort der Gnade, der Umkehr, der eucharistischen Anbetung und der Beichte. Das im Siechtum begriffene Christentum in Europa hat nur noch wenige geistliche Brennkammern. Medjugorje ist eine davon – und nicht wie Notre Dame als Abglanz einer großartigen katholischen Vergangenheit, sondern als lebendiges Zentrum des Glaubens. Franziskus hat pragmatisch entschieden. Und Medjugorje vor dem Aus bewahrt.