Im Beichtstuhl fing alles an

Der Jünger Christi ist immer auch ein Kind der Kirche – Die Botschaft des Bischofs und Seelsorgers Jorge Mario Bergoglio. Von Regina Einig

Kardinal Bergoglio bei einer Messe gegen den Sklavenhandel und Sklavenarbeit in Buenos Aires am 25. September 2012. Foto: KNA
Kardinal Bergoglio bei einer Messe gegen den Sklavenhandel und Sklavenarbeit in Buenos Aires am 25. September 2012. Foto: KNA

Würzburg (DT) Ein Bischofsporträt? Der freundliche Mitarbeiter der Pressestelle des Erzbistums Buenos Aires reagiert am Telefon heiter. Nein, das habe Papst Franziskus stets strikt abgelehnt. Keine Laudatio zu runden Geburtstagen und Jubiläen, keine ausführliche Biografie, keine Festschriften, keine Fotogalerien im Internet. Schon vor dem Konklave im April 2005, als die Medien ihn auf die Liste der „papabile“ gesetzt hatten, dachte Erzbischof Bergoglio, die Journalisten seien übergeschnappt. Nur ein knapper Lebenslauf ist auf der Homepage der Erzdiözese zu finden, mehr war untersagt. Für den zurückhaltenden Jesuiten steht der Dienst in der Kirche an erster Stelle. Sein bischöflicher Wahlspruch „Miserando atque eligendo“ (Erwählt durch Erbarmen), ist einer Predigt des Beda Venerabilis über die Begegnung Jesu mit dem Zöllner Matthäus entnommen und spiegelt ein Amtsverständnis, das die eigene Person so weit wie möglich in den Hintergrund rückt. Zugleich spiegelt sich darin seine eigene Berufungsgeschichte: Als Siebzehnjähriger lernte Jorge Bergoglio in seiner Pfarrgemeinde einen Priester kennen, mit dem er so tief ins Gespräch kam, dass er sich spontan entschloss, bei ihm zu beichten. Diese Beichte veränderte sein Leben von Grund auf. Als eine „überwältigende Begegnung“ hat er das Ereignis fünfzig Jahre später in einem Interview beschrieben. „Ich merkte, dass man auf mich wartete.“ Das macht für ihn seitdem das Wesen religiöser Erfahrung aus: die überwältigende Begegnung des Menschen mit dem, der auf ihn wartet. Gott hat den Menschen zuerst gesucht und gefunden, auch wenn dieser schon auf dem Weg zu ihm ist. Der Vater war mit der Berufswahl des Sohnes einverstanden, kein Verständnis zeigte hingegen die Mutter.

Den stillen Sohn sollte die konsequente Nachfolge manches kosten. Nachdem er jahrelang Vorlesungen über Pastoraltheologie und Einführung in die Heilige Schrift an der philosophisch-theologischen Fakultät der Jesuiten, des Colegio Máximo San Miguel in Buenos Aires, gehalten hatte, musste er seine akademischen Pläne zurückstecken und andere Aufgaben übernehmen. 1992 wurde er zum Weihbischof von Buenos Aires ernannt. Die begonnene Promotion über Romano Guardini blieb bis heute unvollendet. Josemaría Cantó, Rektor der philosophisch-theologischen Fakultät San Miguel, erinnert sich im Gespräch mit dieser Zeitung an theologische Gemeinsamkeiten des jungen Dozenten mit Joseph Ratzinger: ein Beter mit einem ausgeprägten Sinn für Liturgie. Schon als Student hatte Bergoglio in Buenos Aires Gottesdienste im sogenannten byzantinischen Ritus mitgefeiert. Pater Bergoglio habe die Kirchenväter geliebt und sich sehr für die Schriften Hans Urs von Balthasars interessiert. Vor allem die Predigten des heiligen Augustinus habe er gern in seine Vorlesungen einbezogen. Auch die seelsorglichen Qualitäten des jungen Jesuiten stehen Cantó noch lebendig vor Augen: „Er konnte gut zuhören und hatte einen aufmerksamen Blick für die sozial Schwachen.“ In seiner „Option für die Armen“ habe er ungeteilt mit der Kirche und dem Evangelium übereingestimmt. Wie viele argentinische Jesuiten las auch Pater Bergoglio die Werke seines Mitbruders Miguel Angel Fiorito SJ über ignatianische Spiritualität.

Und wie den deutschen Jesuiten Erich Przywara fasziniert ihn bis heute die Mönchstugend der Discretio, die Gabe der Unterscheidung, als Gegengewicht zum Synkretismus. Als Inbegriff der Discretio leuchtet das Beispiel der Mutter Jesu in seinen Predigten hervor: Maria ist die Frau des Schweigens und der Geduld, die den Schmerz aushält. Insbesondere am „Tag für das Leben“, der von den argentinischen Diözesen am 25. März begangen wird, hat er darum immer wieder auf ihr Vorbild für die Familien hingewiesen, die heute oft von den Versprechungen des Konsumwahns und des Materialismus zerstört würden.

Neuevangelisierung ist für Papst Franziskus in erster Linie eine Frage der missionarischen Kreativität und der stärkeren gesellschaftlichen Präsenz. Aus den Pfarreien und Institutionen sollten die Gläubigen ausschwärmen. Überkommene kirchliche Gepflogenheiten und Prägungen müssten überwunden werden. Traditionell stünden in katholischen Einrichtungen die Türen allen Suchenden offen, hat der ehemalige Erzbischof von Buenos Aires einmal erklärt. Wer kam, sei aufgenommen worden. In einem christlich sozialisierten Umfeld habe das noch funktioniert. Heute sei das passive „Warten auf Kundschaft“ jedoch obsolet. Um die Menschen zu erreichen, müsse die Kirche auch auf Menschen zugehen, deren Empfinden und Erwartungen kirchliche Formen nicht entsprechen. Dabei verwahrt er sich unter Berufung auf das Zweite Vatikanische Konzil dagegen, die Seelsorge gegen die Lehre der Kirche auszuspielen: „Seelsorge ist kein Gegensatz zur Doktrin, sondern schließt sie mit ein.“

Der Papst grenzt sich auch von einem Funktionärsverständnis des Priesteramtes ab. Ohne das Wirken des Geistes laufe der Priester heute Gefahr, im Glauben die Orientierung zu verlieren und „sich in 1001 Form der Selbstreferenzialität zu verheddern“. Durch das Eintauchen in das Mysterium „bewahre uns der Herr vor einer gnostischen Kirche“.

Für die Weitergabe des Glaubens spielen die kirchlichen Reizthemen aus seiner Sicht keine Rolle. In der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen etwa liegt er auf der Linie seiner Vorgänger auf dem Stuhl Petri. „Sie sollen sich in den Pfarreien engagieren und sich in die geistliche Communio der Kirche eingliedern“, hat er einmal gesagt. „Dort gibt es ja Aufgaben für sie.“ Wiederverheiratete Geschiedene, die unter dem Ausschluss von den Sakramenten litten, müsse der Zusammenhang richtig erklärt werden. Es gäbe durchaus Priester, die ihn theologisch so gut vermittelten, dass die Menschen das auch verstünden.

Auch in puncto Lebensschutz ist Jorge Bergoglio ein Freund klarer Worte gegen die „Kultur des Todes“: „Schwangere haben schließlich keinen Tumor im Bauch“, hat er seine Kritik am „täglichen Genozid“ an Ungeborenen einmal begründet. Als kompromissloser Abtreibungsgegner legt er Wert auf eine umfassende Sicht der Lebenssituation werdender Mütter. Für das Leben kämpfen bedeutet für ihn nicht nur das Engagement gegen die straffreie Abtreibung, sondern auch den Einsatz für den gesetzlichen Schutz der Mütter vor und nach der Entbindung sowie das Recht auf medizinische Versorgung von Mutter und Kind. Das „Geschäft“ Abtreibung hat er unmissverständlich angeprangert und dem System „einzigartige Kälte“ vorgeworfen. Das Drama der Frauen, die abgetrieben haben, kennt er aus dem Beichtstuhl. In der verschlossenen Tür sieht er ein Symbol für den Lebensstil der heutigen Gesellschaft, die Kinder und Alte am rücksichtslosesten ausgrenzt. Die Taubheit für den Ruf Gottes, Rückzug auf die eigenen Interessen und die Apathie gegenüber dem Nächsten sind für ihn ein Symptom des Relativismus. Der seelischen Verwahrlosung und Vereinsamung vieler Menschen inmitten einer Konsumgesellschaft sowie der materiellen Not setzt er die Aufforderung zum „reifen Mut“ entgegen. „Kurioserweise ist der Relativismus absolutistisch und totalitär und gestattet kein Abweichen vom eigenen Relativismus und niemand soll aus der Reihe tanzen, wenn es heißt: „sei doch still“ oder „halt dich da raus“.

In seiner Botschaft zur Fastenzeit hat er in diesem Jahr das „Drama der Herzen“ beschrieben: zerstörte Familien, Neid, Verleumdung und die Herrschaft des Geldes. Auch die Fehler und Sünden der Kirche verschweigt er nicht.

Den Christen Mut zum Zeugnis zu machen – dieser Appell zieht sich wie ein roter Faden durch die Predigten und Katechesen des ehemaligen Erzbischofs von Buenos Aires. Fest gebucht in seinem Terminkalender waren die öffentlichen Messen gegen den Sklavenhandel und Sklavenarbeit in der Stadt, ebenso zu Beginn des Rosenkranzmonats Oktober die jährliche Fußwallfahrt der Jugend zum Marienheiligtum Luján knapp 70 Kilometer vor den Toren der argentinischen Hauptstadt.

Zum Bekenntnis forderte er die Gläubigen des Erzbistum Buenos Aires auch in seiner Botschaft zum „Jahr des Glaubens“ auf: „Der Jünger Christi ist ein Kind der Kirche und darf nie auf den Gedanken kommen, Glaube sei Privatsache.“ Die Schwelle des Glaubens zu überschreiten setze voraus, dass jemand sich nicht schäme, wie ein Kind an das Unmögliche zu glauben und in der Hoffnung leben zu können. Glauben bedeute, ohne Unterlass zu bitten, unermüdlich zu beten und anzubeten, um eine neue Sicht der Dinge zu gewinnen. Der Mensch dürfe die Hoffnung nicht mit dem Optimismus verwechseln. Im Zentrum der christliche Hoffnung steht für Papst Franziskus die Gnade.

In seiner bildkräftigen Predigtsprache greift er gern zu unkonventionellen Vergleichen: An Fronleichnam ergehe es den Gläubigen etwa wie den Jüngern beim wunderbaren Fischfang am See Genezareth: Jesus führe sie nicht durch geschlossene Räume mit fester Statik, sondern in einen dynamisch-offenen Raum. Am Beispiel der russischen Holzpüppchen Matroschka veranschaulicht er das Mysterium Mariens als der „eucharistischen Frau“. Die Gottesmutter sei innerhalb der Kirche und trage sie zugleich in sich. Liebe zur Kirche und Marienverehrung gehören für Papst Franziskus zusammen: Der Christ erkenne im Antlitz der Kirche immer die Reinheit und Heiligkeit Mariens. Immer wieder unterstreicht er das mütterliche Vorbild Mariens: Nach ihrem Beispiel sollen die Gläubigen andere bei der Hand nehmen und zum Glauben führen.

Der Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, unterstreicht im Gespräch mit dieser Zeitung die zurückhaltenden Auftritte des neuen Papstes bei Bischofssynoden. Wenige, aber bestimmte und klare Worte hätten die Wortmeldungen des ehemaligen Oberhirten von Buenos Aires ausgezeichnet. „Er ist ein tieffrommer Mensch, der die Sorgen der Menschen kennt“, so Erzbischof Müller.

Papst Franziskus kennt die deutsche Kultur und Sprache. In seinen Predigten und Katechesen zitiert er Romano Guardini, Hans Urs von Balthasar und Erich Przywara. Auch familiäre Bande bestehen nördlich der Alpen: Sein Neffe José Luis Narvaja gehört ebenfalls dem Jesuitenorden an. Derzeit hat er eine Gastprofessur an der Philosophisch-Theologischen Hochschule des Ordens in St. Georgen inne. Er ist einer der wenigen, der Papst Franziskus in diesen Tagen den Gefallen tut, kein Aufhebens um seine Person zu machen. Für Stellungnahmen nicht erreichbar.