„Ich habe gelernt, zu delegieren“

Ein Gespräch mit dem designierten Münsteraner Bischof Felix Genn

Ein Bischof wechselt das Bistum: Aus dem Ruhr-Bischof Felix Genn wird nach nur fünfeinhalb Jahren der Bischof von Münster. Dort wird er für doppelt so viele Katholiken wie bisher Verantwortung tragen, mehr als zwei Millionen. Während man sich im drittgrößten deutschen Bistum Münster, das vom nördlichen Ruhrgebiet bis zur Nordsee reicht, auf den neuen Bischof freut, ist sein Wechsel im Ruhrbistum, das unter seiner Führung umstrukturiert wurde, nicht unumstritten. Das Gespräch führte Thomas Emons.

Sie hatten als Ruhrbischof einen tiefgreifenden Umstrukturierungsprozess zu verantworten. Nach dessen Abschluss könnten Sie jetzt stärker inhaltliche Akzente setzten und die neuen Strukturen mit Leben füllen. Warum gehen Sie dennoch nach nur gut fünf Jahren von Essen nach Münster? Sollte ein Bischof

nach so kurzer Amtszeit das Bistum wechseln?

Zweifellos steht nach den tiefgreifenden äußeren Umstrukturierungen im Bistum Essen jetzt die Frage nach den Inhalten an, die in den zurückliegenden Jahren nicht vergessen wurde, aber mitunter im Hintergrund stand, weil die äußeren Fragen bedrängender waren. Ich möchte allerdings hier auf jeden Fall einwenden: Es ist nicht so, dass Leben und Geist erst in die Strukturen zu gießen sind. Geist und Leben sind bereits da. Es geht also darum, das Leben und den Geist, den es in diesen Gemeinden und Strukturen bereits gibt, zu stärken. Deshalb kann ich auch gut dem Ruf des Heiligen Vaters und des Münsteraner Domkapitels folgen und nach Münster gehen. Ich habe nicht zu fragen, ob der Zeitpunkt richtig gewählt ist. Ich habe zu gehen. Da die Kirche ein Gesamtgefüge ist, in der die Einzelnen ihren Dienst dann zu tun haben, wenn er gefordert ist, darf ich in innerer Gelassenheit und Ruhe auch darauf setzen, dass andere aus demselben Geist des Evangeliums das Leben in den Strukturen stärken werden. Das ist unabhängig von meiner Person.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz als Ruhrbischof aus? Worauf sind Sie stolz? Was würden Sie heute vielleicht anders machen?

Nach fünfeinhalb Jahren kann man keine Bilanz ziehen. Ich habe zu dienen. Ich brauche auf nichts stolz zu sein, sondern ich wollte mich meiner Pflicht nicht entziehen, dem gerecht zu werden, was in der Diözese Essen von mir gefordert war. Natürlich frage ich mich mitunter: Was hätte ich anders machen können? Vielleicht wird mir das erst im Rückblick und aus der Distanz stärker bewusst. In der Tiefe bin ich überzeugt, dass der Weg, den wir im Bistum Essen gegangen sind, richtig ist.

Sehen Sie Ihren Wechsel von Essen nach Münster als Aufstieg?

Aufstieg und Abstieg sind für mich keine Kategorien. Wenn ich es wirklich ernst nehme, dass das kirchliche Amt ein Dienstamt ist, habe ich nicht nach Karrierekriterien zu urteilen. Ich bin jetzt 59 Jahre und hoffe, dass ich am Ende meines Lebens einmal zum Himmel aufsteige. Wenn ich das erreicht hätte, hätte ich den Aufstieg geschafft.

Was haben Sie als Ruhrbischof für Ihr neues Bischofsamt in Münster gelernt?

Ich habe gelernt, dass die Kirche in unserer Gesellschaft sich großen Herausforderungen stellen muss, dass sie mitten in dieser Gesellschaft und in dieser Welt steht und von Faktoren beeinflusst wird, die nicht immer von ihr selbst kommen. Ich habe gelernt, zu delegieren, darauf zu verzichten, alles selber machen zu können. Vor allem habe ich gelernt damit umzugehen, dass Menschen bischöfliche Entscheidungen im Letzten nicht verstehen, dass ich mich aber trotzdem nicht vom Spiel der Meinungen hin- und her treiben lassen kann, sondern dem folgen muss, was meine innere Überzeugung bleibt.

Was können andere Bistümer Deutschlands von der Umstrukturierung im Bistum Essen lernen?

Ich habe den Dienst im Bistum Essen nicht als etwas verstanden, von dem andere Bistümer in Deutschland lernen sollten.

Wie schaffen Sie als Bischof den Spagat zwischen Seelsorger und Manager?

Das ist eine eminent geistliche Aufgabe, die nur existenziell und aus dem Gebet heraus zu gestalten ist.