„Ich habe Zweifel, dass sie viel bewirken können“

Ein Gespräch mit Pater Christian W. Troll SJ über das katholisch-islamische Forum im Vatikan

Wer von muslimischer Seite am katholisch-islamischen Forum im Vatikan teilnehmen würde blieb bis kurz vor Beginn offen. Unter den muslimischen Vertretern war schließlich kein Mitglied einer die islamische Welt prägenden Institution. Dennoch soll der Dialog weitergehen. Regina Einig sprach darüber mit Pater Christian W. Troll SJ, Honorarprofessor für Islam und christlich-muslimische Begegnung an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt und Mitglied der Unterkommission der Deutschen Bischofskonferenz für den Interreligiösen Dialog. Er hat in der vergangenen Woche am katholisch-islamischen Forum im Vatikan teilgenommen.

Von anglikanischer Seite gab es den Vorschlag, die Scharia in die geltende

Rechtsordnung einzubeziehen. Ist darüber in Rom gesprochen worden?

Nicht direkt. Der anglikanische Erzbischof Rowan Williams hatte ja diesen Vorschlag nur auf Großbritannien bezogen in die Diskussion gebracht. Die Briten haben schon in ihrem Kolonialreich durchweg, gerade auch in Fragen des Rechts das Prinzip der Subsidiarität praktiziert und darauf geachtet, den einzelnen Völkerschaften ihre Bräuche und Rechte zu belassen, solange es nicht dem größeren Ganzen schadet. Von diesem typisch britischen Ansatz her hat der Erzbischof von Canterbury öffentlich darüber nachgedacht, inwieweit Teile der Scharia – etwa im Erb- und Familienrecht – den Muslimen in Großbritannien zugestanden werden könnten. Dieser Vorschlag ist auf starke Kritik gestoßen. Der britische Innenminister hat der Idee vor kurzem noch einmal eine klare Absage erteilt. Außerhalb Großbritanniens wäre dieser Ansatz noch weniger mehrheitsfähig als dort, zumal wenn man an die Schaffung einer eigenen Schariagerichtsbarkeit für Muslime denkt. Selbst in Großbritannien gab es scharfe Kritik und zwar auch von muslimischer Seite.

Immer wieder wird die Friedensarbeit als gemeinsames Ziel des Dialogs zwischen Christen und Muslimen genannt. Verstehen beide Seite unter Frieden dasselbe?

Unter dem Begriff Frieden kann man wie unter dem Begriff Liebe für oder gegen vieles sein. Wahrscheinlich haben Muslime aus unterschiedlichen Gesellschaften auch verschiedene konkrete Vorstellungen über Frieden. Frieden bedeutet politisch betrachtet für Christen, nationale und internationale Konflikte so weit wie möglich ohne Gewaltanwendung zu lösen. Ob dann Frieden auf

nationaler und regionaler Ebene von allen im Sinne eines Zusammenlebens nach den Regeln einer pluralistischen, säkularen Demokratie verstanden wird, ist eine andere Frage. Deshalb wird in der Abschlusserklärung auch nicht so sehr vom Frieden gesprochen, sondern mehr von der menschlichen Würde, den Menschenrechten, der Religionsfreiheit und dem Recht, den Glauben privat und öffentlich zu praktizieren und der grundsätzlichen Gleichheit von Männern und Frauen. Das sind zusammen mit der sozialen Gerechtigkeit die Grundlagen für den Frieden.

Die Lage der Christen im Irak spitzt sich zu.

Auch in der Türkei werden Christen benachteiligt. Können Ihre muslimischen Dialogpartner mehr für die Religionsfreiheit im öffentlichen Raum tun, als ihren persönlichen guten

Willen zum Ausdruck zu bringen?

Die Gruppe, die in Rom war, ist im Hinblick auf die Predigt und Rechtsprechung in den Kernländern des Islam sicher nicht als einflussreich einzuschätzen. Die muslimische Delegation setzte sich ja weitgehend aus amerikanischen und europäischen Muslimen zusammen. Vertreter der „Islamischen Institution“, das heißt der Institutionen, die die Imame und Muftis ausbilden und Rechtsentscheide (Fatwas) erlassen waren nicht da, abgesehen vom Großmufti Bosniens, Mustafa Ceric. Man darf die unmittelbaren Möglichkeiten der muslimischen Dialogpartner in Rom nicht überschätzen. Auch wenn viele der Gesprächsteilnehmer in Rom doch wohl persönlich von den Aussagen der Abschlusserklärung überzeugt sind, habe ich doch Zweifel, dass sie viel bewirken können. Als akademische Lehrer und Prediger haben sie natürlich einen gewissen Einfluss, aber sie stehen nicht für die Institutionen, die die islamische Welt bisher prägen.

Wie wird die Abschlusserklärung in der islamischen Welt aufgenommen werden?

Einige Formulierungen der Abschlusserklärung sind, vor allem in muslimisch mehrheitlichen Gebieten, nicht einfach zu verkaufen. Vielleicht nimmt man sie hin als Beitrag zur Imagepflege des Islam, aber eine andere Sache ist es, diese Forderungen in den mehrheitlich islamischen Gesellschaften durchzusetzen und als wesentliches Element an den theologischen Fakultäten und Rechtsschulen zu lehren. Das ist ein langer Weg.

Haben auch Frauen an der Konferenz teilgenommen?

Ja, der islamischen Delegation gehörten zwei (USA, Philippinen), der katholischen Delegation drei Frauen (Deutschland, USA, Italien) an.

Welche Aufgabe kommt Papst Benedikt XVI. bei einem solchen Treffen zu?

Der Papst legt eine Linie fest, die sich konsistent durch die verschiedenen Begegnungen, die im Laufe der Jahre zwischen Katholiken und Muslimen stattfinden, zieht. Daran können sich Kardinal Tauran und die Mitarbeiter des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog orientieren. Der Papst nimmt nicht an den Diskussionen teil, aber er hat in seiner Abschlussrede die Punkte herausgestellt, die aus der Sicht des Heiligen Stuhls zentral sind – sie betreffen vor allem das überzeugte Eintreten für die Menschenwürde und Menschenrechte, nicht zuletzt die aktive und passive Religionsfreiheit.

Der nächste katholisch-muslimische Austausch dieser Art soll in zwei Jahren in einem mehrheitlich muslimischen Land stattfinden. Haben sich die Gesprächsteilnehmer bis dahin Ziele gesteckt?

Ein Ziel ist es, effektive Schritte zu unternehmen, um die Darstellung der jeweils anderen Seite in den relevanten Schulbüchern gemeinsam zu prüfen und zu verbessern. In Deutschland ist in dieser Hinsicht erst von der Universität Köln aus (A. Falaturi), dann, was die islamischen Schulbücher angeht, von der Uni Rostock aus ein bemerkenswerter Beitrag geleistet worden und diese Arbeit geht weiter. Es käme darauf an, das das katholisch-muslimische Forum sich über den Stand dieser Arbeiten informiert, ihn unterstützt und bei seiner Umsetzung Hilfestellung leistet. Ferner hat Kardinal Tauran daran erinnert, dass dem Papst viel daran liegt, die zehn Gebote zu thematisieren und darüber nachzudenken, ob sie auch von der muslimischen Interpretation der entsprechenden koranischen Texte her Grundlage für ein zu formulierendes gemeinsames Wertefundament sein können. Der Koran enthält Texte, die an die zehn Gebote nahe herankommen. Hier will man beim nächsten Treffen des Forums ansetzen.