„Ich glaube an die Kraft des Gebets“

Gebetswoche für die Einheit der Christen: Ein Gespräch mit Abt Bernhard Alter OSB. Von Till Magnus Steiner

Bernhard Maria Alter
Bernhard Maria Alter, Abt der Benediktinerabtei Dormitio, am 4. April 2018 im Kreuzgang der Abtei in Jerusalem. Foto: Andrea Krogmann (KNA)

Herr Abt, wie steht es um die Ökumene und Einheit der christlichen Minderheit in Jerusalem?

Es gibt in der Ökumene zwei Ebenen, die man unterscheiden muss. Wenn eine Kirche in Jerusalem ein Problem hat, eine Ungerechtigkeit erfährt oder in Schwierigkeiten gerät, gilt untereinander die christliche Solidarität. Das prägt die Ökumene. Auch ist es schön und gut, dass man sich in der Weihnachts- und Osterzeit, sowie in der Gebetswoche gegenseitig besucht. Aber zugleich herrscht auf der theologischen Seite Stille und ein großer Mangel, der sich in den Begegnungen immer wieder bemerkbar macht.

Können Sie Beispiele nennen?

Vor drei Jahren gab es in Galiläa Bemühungen, einen gemeinsamen Ostertermin festzulegen und somit zumindest am selben Tag, jeder in seinem Ritus, die Auferstehung des Herrn zu feiern. Leider wurde diese Bemühung von der Orthodoxen Kirche nicht wahrgenommen. Es gab nicht mal ein positives Echo. Das war eine schmerzliche Erfahrung. Ein zweites Beispiel: Vor einigen Jahren begann die Gebetswoche für die Einheit der Christen wie üblich in der Grabeskirche und vor dem Gebet sagte ein Vertreter der Griechisch-Orthodoxen Kirche: Sie bitten darum, nicht mitzubeten, sondern nur dabei zu sein. Aber wir waren doch gekommen, um an dem wichtigsten Ort der Christen für die Einheit der Kirche zu beten. Auch das war eine große Enttäuschung. Sie sehen, wieviel wir hier noch zu tun haben.

Von der mit Rom unierten, melkitischen, griechisch-katholischen Kirche wurden Sie im letzten Monat zum Archimandrit ernannt worden. Was bedeutet Ökumene für Sie?

Ich bin in das Kloster Niederaltaich in Bayern eingetreten, und ich habe mich mit der Aufgabe identifiziert, den ökumenischen Charakter der Abtei zu leben. Als ich dann vor 19 Jahren nach Jerusalem kam, fing ich an, auch in Jerusalem regelmäßig in der sechsten Station der Via Dolorosa die Göttliche Liturgie zu feiern. Hierzu versammelten sich zunehmend mehr und mehr orthodoxe Gläubige, es bildete sich eine feste Gruppe, die mit uns gemeinsam gefeiert hat. Als Eremit habe ich dies weitergeführt im Kloster „Johannes in der Wüste“. Es war eine Bereicherung, die Sehnsucht nach der Einheit im Gottesvolk zu spüren. Zu dieser „Gemeinde“ gehörten auch getaufte Juden aus Russland. Schon vor ihrer Einwanderung nach Israel waren sie durch den später ermordeten Pater Alexander Men getauft worden und zeigten große Offenheit und einen erweiterten Blick auf das gesamte Christentum. Aus dieser Gruppe haben dann drei Mitglieder Theologie studiert und einer wurde im russisch-orthodoxen Moskauer Patriarchat geweiht. Meine Aufgabe, Brücken zu bauen, wird nun fortgeführt durch einen orthodoxen Priester.

Die Einheit in der Ökumene wird gerade schwer belastet. Alle Proteste aus Moskau waren vergebens: Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel hat die Unabhängigkeit der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine anerkannt. Wie beurteilen Sie dies?

Die russisch-orthodoxe Kirche ist dankbar, dass die katholische Kirche sich zurückzieht und den schwierigen Prozess im Gebet begleitet. Es ist eine sehr komplizierte Situation. Die Orthodoxe Kirche von Moskau spricht von einem alten Gebiet der Russen, das mit Kiew verbunden ist, der sogenannten Kiewer Rus, von wo sich das Christentum ins ganze, heutige russische Gebiet verbreitet hat und seit dem 16. Jahrhundert gibt es ein Patriarchat in Moskau, das auch vom Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel verliehen wurde. Die nationalistischen Tendenzen auf beiden Seiten verwischen und belasten nun die gemeinsame Geschichte der beiden Völker. Aus diesen Streitigkeiten haben sich die mit Rom unierten Kirchen klugerweise herausgehalten, damit sie sich nicht – sozusagen – ihre Finger in der Tür einklemmen.

Sie sprachen im Bezug auf Jerusalem über einen theologischen Mangel im ökumenischen Dialog und haben nun angedeutet, wie schwer auch der Dialog innerhalb der Orthodoxie ist. Wo sehen Sie Hoffnung für den langen, noch zu gehenden ökumenischen Weg?

Allein die Tatsache, dass die verschiedenen Kirchen hier in Jerusalem sich gegenseitig besuchen und zum Teil gemeinsam beten, bietet Hoffnung. Ich glaube an die Kraft des Gebets. Vor einigen Jahren hat unser Alt-Abt Benedikt Lindemann einmal in einer Predigt im Abendmahlsaal gesagt: Er sehne sich nach der Einheit der Christen, aber er sei auch Realist. Und er werde erst an die Ökumene glauben, wenn man einen katholischen Bischof und einen orthodoxen Bischof sehe, wie sie sich gegenseitig die Füße waschen. Erst, wenn wir das Gebot des Herrn ernst nehmen, erst, wenn wir zum demütigen Dienst der Liebe auch an den anderen Kirchen bereit sind, sind wir auf einem guten ökumenischen Weg.

Bernhard Maria Alter OSB steht seit dem 20. Februar 2018 der Benediktinerabtei Dormitio auf dem Berg Zion in Jerusalem vor. Die Mönchsgemeinschaft hat ihn für acht Jahre zum Abt gewählt.

 

Hintergrund

Er wurde 1946 in Ostpreußen, Polen, geboren, studierte Theologie und Philosophie in Krakau und zudem Kunst in Russland. Seine Profess legte er 1970 im Paulinerkloster Jasna Góra in Tschenstochau ab und wurde 1973 zum Priester geweiht. Nach verschiedenen Seelsorgertätigkeiten in Bayern kam er 2000 nach Jerusalem, wo er 2003 in die Benediktinerabtei Dormitio übertrat.

Seine Benediktion im vergangenen April zeigte seine tiefe Verwurzelung im ökumenischen Dialog: Repräsentanten des Griechisch-Orthodoxen Patriarchates von Jerusalem, des Armenischen Patriarchen, der Syrischen Metropolie, der Koptisch-Äthiopischen Kirche, der Russisch-Orthodoxen Kirche und der Melkitischen Kirche von Jerusalem, sowie Vertreter der Evangelisch-Lutherischen Gemeinschaft als auch der Anglikanischen und der Alt-Katholischen Kirche kamen zu seiner Einführung als Abt.

In seiner Dankesrede sagte er: „Wenn wir jetzt – katholische, orthodoxe und evangelische Geistliche und Angehörige verschiedener Kommunitäten – zu diesem Gottesdienst versammelt sind, so möge dies ein Zeichen der Zukunft sein, ein Zeichen dafür, dass wir alle miteinander ,versöhnte Kirche in verschiedenen Prägungen und Traditionen‘ sind, Kirche im Advent, Kirche in der Erwartung auf die Einheit im Heiligen Geist sind, die hier ,keine bleibende Stätte hat‘, sondern die im Dunkel des Glaubens der unbeschreibbaren Verheißung Gottes entgegengehen darf.“ TMS