Hundertjährig und zeitlos attraktiv

Mutter Teresas Strategie bestand darin, keine Strategie zu haben oder zu ersinnen. Gottvertrauen pur: Alles sollte jederzeit und ganz „Sein Werk“ sein.

Auch 13 Jahre nach ihrem Tod wächst und blüht ihr Orden, die „Missionarinnen der Nächstenliebe“ Von Stephan Baier

Was mag das für eine christliche Heilige sein, von der auch Hindus, Muslime und Buddhisten schwärmen, die der Dalai Lama bewundert und die viele Hindus für eine Göttin halten? Was mag das für eine kontemplative Ordensfrau sein, die rastlos durch die Welt eilte und in den letzten Lebensjahrzehnten mehr Zeit auf Reisen als im Mutterhaus ihres Ordens verbrachte? Was kann das für eine Mystikerin sein, die die 35 Jahre währende Dunkelheit ihres Seelenlebens über den Tod hinaus vor den eigenen Mitschwestern geheim hielt?

Kein Zweifel: Mutter Teresa, die heute hundert Jahre alt würde, verstört und verwundert, betört und begeistert bis heute. Und das global: Das albanische Mädchen, das über einen irischen Orden nach Indien kam, um von dort aus der ganzen Welt zum leuchtenden Zeichen christlicher Selbstlosigkeit zu werden, war bereits zu Lebzeiten ein „global player“, gründete Niederlassungen und soziale Einrichtungen in aller Welt, empfing mehr Ehrungen und Anerkennungen als irgendein Staatsoberhaupt, faszinierte und veränderte Menschen auf allen Kontinenten.

Am 26. August 1910, heute vor 100 Jahren, kam in Üsküp (Skopje) das albanische Mädchen Agnes Gonxha Bojaxhiu zur Welt, als letztes von drei Kindern des frommen Ehepaares Nikola und Drana Bojaxhiu, die zur katholischen Minderheit ihrer Stadt wie ihrer Volksgruppe gehörten. Skopje, heute Hauptstadt Mazedoniens, zählte damals zum niedergehenden Osmanischen Reich, zwei Jahre später zur aufstrebenden Regionalmacht Serbien. Wie ihre Geschwister Aga und Lazar besuchte Agnes die Schule der Herz-Jesu-Kirche, lernte neben der Muttersprache Albanisch auch Serbisch, lauschte den Erzählungen des kroatischen Jesuitenpaters Franjo Jambrenkovic über die Missionare in Indien, über das Wirken der Loreto-Schwestern in der britischen Kolonie Bengalen.

Die Herz-Jesu-Frömmigkeit der Jesuiten in ihrer Heimatstadt prägte sie lebenslang: „Das Herz Jesu war meine erste Liebe“, sollte sie später einmal bekennen. Nicht weniger aber wurde sie geprägt vom ebenso tiefen wie konsequenten Glaubensleben ihrer Mutter. Die Familie lebte einen bescheidenen Wohlstand der Fleißigen, bis der Vater, heimgekehrt von einer Reise nach Belgrad, überraschend erkrankt und stirbt. Bis heute wollen die Gerüchte nicht verstummen, er sei wegen seines Einsatzes für die albanischen Interessen von serbischen Nationalisten vergiftet worden. Nach seinem Tod verarmt die Familie, und es ist die Mutter, die die Kinder zu klarer Frömmigkeit, selbstlosem Dienst und Fleiß erzieht.

Eine Reise ohne Rückfahrkarte

Mit 18 Jahren macht sich Agnes auf eine lange Reise ohne Rückfahrkarte: Das albanische Mädchen durchquert den ganzen Kontinent, von Skopje im Südosten Europas bis ins irische Rathfarnham bei Dublin im äußersten Nordwesten. Die Mutter, die sie nie wiedersehen sollte, gibt ihr eine Weisung mit auf den Weg: „Leg deine Hand in Seine Hand und geh allein mit Ihm, ohne jemals zurückzuschauen.“ Sie tritt in den Loreto-Orden, den irischen Zweig der „Englischen Fräulein“, ein, um ihren Traum zu erfüllen, selbst als Missionarin nach Indien gesandt zu werden. Als Ordensnamen wählt sie „Teresa“: eine Referenz an die eben heiliggesprochene Therese von Lisieux. Ihr Traum wird wahr: Im Januar 1929 bringt ein Schiff die neue Novizin nach Kalkutta, damals die zweitgrößte Stadt des britischen Empire, die Metropole des noch ungeteilten indischen Subkontinents.

In Darjeeling, am Fuße des Himalaja, vollendet sie das Noviziat, lernt neben Englisch auch Hindi und Bengali. Ähnlich wie der Südtiroler Steyler-Missionar Josef Freinademetz, der als Missionar nach China ging und den Chinesen ein Chinese sein wollte, identifiziert sich Schwester Teresa mit Indien und nimmt 1951 die indische Staatsbürgerschaft an. Der indische Starfotograf Raghu Rai erzählt Jahrzehnte später in seinem beeindruckenden Bildband, dass ein reicher Schweizer, aus dessen Haltung Arroganz abzulesen gewesen sei, Mutter Teresa in Kalkutta eine hohe Geldspende anbot. Sie habe darauf geantwortet: „Sicher gibt es auch in Ihrem Land bedürftige alte Menschen, die Fürsorge und ein Dach über dem Kopf brauchen. Warum machen Sie dort nicht etwas? Ich bekomme genügend Geld von den Leuten hier, um mich um die Armen in meinem Land zu kümmern.“ Nie sei er so stolz gewesen, Inder zu sein, kommentiert dies Raghu Rai.

1931 legt sie die ersten Gelübde als Loreto-Schwester ab, 1936 die ewigen Gelübde. Sie beginnt mit Eifer und Geschick ihre neue Aufgabe als Lehrerin für Geschichte, Geografie und Englisch am St. Mary's College in Kalkutta. Es sind die höheren Töchter der indischen Gesellschaft, die diese Schule besuchen, deren Rektorin Mutter Teresa 1944 wird.

Wenige Jahre später versinkt Bengalen im Chaos: Die Briten entlassen Indien in die Unabhängigkeit, aber nicht als ein geeintes, multireligiöses Land, von dem Mahatma Gandhi geträumt hat, sondern in zwei Hälften zerschlagen: Die Grenze, die ein hinduistisch dominiertes Indien vom muslimischen Pakistan trennt, läuft quer durch Bengalen. Hunderttausende Flüchtlinge und Vertriebene überschwemmen Kalkutta. Die einst pulsierende Metropole versinkt unter dem Ansturm der mittellosen und hungernden Flüchtlingsmassen im Elend. Ein Anblick, der Mutter Teresa bewegt haben dürfte.

Am 10. September 1946 verlässt sie die behütete Insel des St. Mary's College, um sich wieder einmal ins kühle Darjeeling zu Exerzitien zu begeben. Doch während der Zugfahrt macht sie eine Erfahrung der Nähe Jesu, die ihr ganzes Leben verändern sollte: In ihrem Herzen vernimmt sie das Wort Jesu am Kreuz „Mich dürstet!“, und sie erkennt ihre Berufung, den Durst Jesu nach der Liebe der Menschen zu stillen. Nach der in Jugendjahren ohne Bruch und Widerstand gereiften Berufung zur Ordensfrau und Missionarin erfährt sie nun eine zweite Berufung: Jesus im Geringsten seiner Brüder zu dienen, im Hungernden und Sterbenden, im Heimatlosen und Elenden: „Die Botschaft war ganz deutlich. Es war ein Befehl. Ich fühlte, dass Gott mehr von mir verlangte. Er wollte, dass ich arm sein und ihn in der traurigen Gestalt der Ärmsten der Armen lieben sollte.“

Nicht aus eigenem Wollen oder Antrieb, sondern weil sie ein Privatgelübde geleistet hatte, „Jesus nie Nein zu sagen“, und nun einen so klaren Befehl Jesu vernommen hatte, verlässt Mutter Teresa den Loreto-Orden. Der Abschied fällt ihr schwer, und doch drängt sie den Erzbischof von Kalkutta, Ferdinand Périer SJ, und ihre Generaloberin zu den notwendigen Dispensen. Am 2. April 1948 erteilt Papst Pius XII. ihr die Erlaubnis, sie dürfe als Ordensschwester außerhalb ihrer Gemeinschaft leben und wirken, verpflichtet sie zugleich zum Gehorsam gegenüber dem Erzbischof von Kalkutta. Noch im selben Monat tauscht sie das Ordensgewand gegen den Sari und zieht die Klosterpforte hinter sich zu. Ihr Weg führt sie in die endlosen Slums von Kalkutta, wo sie – die erfahrene Pädagogin – über den Kontakt zu den Kindern das Vertrauen der Eltern erobert.

Ihre Strategie war pures Gottvertrauen

Sie hat keine Mittel, Unterstützer oder Strategien, kein Konzept und – wie damals, als sie von Skopje nach Irland fuhr – keine Rückfahrkarte. Sie hat nichts als die Gewissheit, einem Befehl Jesu zu folgen, der sie gebeten hatte, Ihn „in die Höhlen der Armen zu tragen“, Sein Licht bei den Elenden zu sein. Mehr noch: Mutter Teresas Strategie bestand darin, keine Strategien oder Pläne zu entwickeln. Auf keinen Fall sollte das, was sie im August 1948 anfing, ihr eigenes Werk sein. „Alles für Jesus“ und „Es ist Sein Werk“, so lauteten ihre Standard-Antworten, wenn sie später – als Friedensnobelpreisträgerin, Weltreisende und medialer Superstar wider Willen – nach ihren Leistungen gefragt wurde. Damit es aber von Anfang an ganz und ausschließlich „Sein Werk“ sein konnte, wollte sie sich vollständig der Vorsehung Gottes überlassen.

Und diese schickte ihr alles: ehemalige Schülerinnen, die sich der Lebensform und dem Dienst der verehrten einstigen Lehrerin anschlossen, Unterstützer aus allen Schichten und Religionsgemeinschaften, Bewunderer in allen Ländern der Erde, aber auch täglich neue Herausforderungen. Ihre Schwestern legen neben den drei evangelischen Räten (Keuschheit, Gehorsam, Armut) ein viertes Gelübde ab: „Hingabe in der Arbeit an die Armen“.

In den Statuten ihrer Gemeinschaft schrieb die Gründerin fest, was unzählige Menschen bei der Begegnung mit ihr und ihren Schwestern erfuhren: das liebevolle Vertrauen auf die Vorsehung Gottes, die völlige Verfügbarkeit für Seinen Willen und die Fröhlichkeit. Immer war Mutter Teresa ganz dem Einzelnen zugewandt, hatte keine Zeit für politische Überlegungen und Reformideen. Sie dachte nicht in Strukturen, sondern sah in jedem Menschen, dem sie begegnete, den „Geringsten meiner Brüder“, mit dem sich Jesus identifiziert. Und zwar nicht theologisch abstrakt, sondern praktisch und konkret: Als die klein gewachsene Frau einen Sterbenden auf der Straße auflas und unter Mühen ins nächste Krankenhaus trug, wurde sie fortgeschickt, weil sie keine Kaution für den in den letzten Zügen liegenden Mann leisten konnte. Er starb auf einer staubigen, lärmenden Straße im Zentrum von Kalkutta – in den Armen Mutter Teresas.

Und sie beschloss in diesem Moment, ein Haus für die Sterbenden zu gründen: Nirmal Hriday, Ort des unbefleckten Herzens, nannte sie dieses Haus, das in Kalighat, unmittelbar neben dem menschendurchfluteten Tempel der hinduistischen Gottheit Kali errichtet wurde. Radikale Hindus waren empört, doch Mutter Teresa ging der aufgebrachten Menge furchtlos entgegen und geleitete ihre Anführer persönlich in ihr Haus. „Ihr könnt die Schwestern von hier vertreiben“, soll der Rädelsführer seinen Leuten zugerufen haben, als er Nirmal Hriday wieder verlies, „aber erst, wenn eure Mütter und Töchter das tun, was diese Schwestern hier tun.“

Das Haus für die Sterbenden in Kalighat gibt es noch immer. Die Hälfte jener Menschen, die – von den Schwestern in den Slums aufgelesen oder von Verwandten vor der Türe abgelegt – hier versorgt werden, kehren gestärkt und genesen in das Leben zurück, erzählt eine Schwester in Kalkutta. Die anderen aber sterben in Würde, umsorgt und an der Hand eines Menschen. Zu diesem Haus hatte Mutter Teresa stets eine besondere Beziehung. Oft eilte sie nach der morgendlichen Messe und dem bis heute kargen Frühstück im Mutterhaus hierher, nahm die Freiwilligen – Studenten, Ärzte oder Aussteiger, die im Elend von Kalkutta jenen Lebenssinn suchen, der ihnen im heimischen Wohlstand abhanden gekommen ist – bei der Hand, führte sie zu einem der Siechenden und erteilte einen konkreten Auftrag. Der eine sei zu waschen, der andere zu rasieren, der dritte von Würmern zu befreien. Nein, nicht die freiwilligen Helfer taten den Leidenden und Sterbenden einen Dienst: In der Begegnung mit dem „Geringsten meiner Brüder“ durften sie Jesus selbst begegnen, so real und sichtbar wie in der Eucharistie – so sah und lebte es Mutter Teresa.

Als Papst Johannes Paul II., mit dem sie in einer herzlichen Freundschaft verbunden war, Kalkutta besuchte, da nahm die kleine Ordensfrau ihn energisch bei der Hand und führte ihn wie einen ihrer freiwilligen Mitarbeiter an der Hand zu einem Sterbenden. Kaum ein Foto hat die Botschaft Mutter Teresas besser eingefangen als ein Bild von Raghu Rai: Auf dem kahlen, aber sauberen Boden liegt ein ausgemergelter, apathischer Mensch; eine indische Ordensschwester kniet am Boden, um ihn mit einem freundlichen Lächeln und ohne Berührungsängste zu waschen; auf der Wand hinter ihr hängt ein Bild, das den vom Kreuz abgenommenen, toten Jesus zeigt, darunter die Schriftzeile „Body of Christ“.

Nur ein Jahr nach Nirmal Hriday gründet Mutter Teresa ihr erstes Kinderhaus, Shishu Bhavan, kurz darauf die erste Leprastation, wenig später das erste Dorf für die von der Gesellschaft und ihren Familien ausgestoßenen Lepra-Kranken, Shanti Nagar. Die Aktivitäten der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ breiten sich über Indien aus. 1965 anerkennt Papst Paul VI. Mutter Teresas Gründung als Orden päpstlichen Rechts. Nun steht ihr die Welt offen: Noch im selben Jahr gründet Mutter Teresa eine Niederlassung in Venezuela, 1968 in Rom und Tansania, dann in Australien. Sie drängt in den Raum des vom atheistischen Kommunismus beherrschten Ostblocks: 1981 entsteht die erste Niederlassung in der „DDR“, 1983 in Polen, 1988 in Moskau, dem Herzen des Sowjetimperiums. Nach China sehnte sie sich, doch es blieb ihr verschlossen. Nach Albanien durfte sie erst nach dem Sturz des totalitären kommunistischen Regimes 1991 einreisen.

„Sein Werk“ wächst auch nach ihrem Tod weiter

Zu diesem Zeitpunkt hatte Mutter Teresa längst erkannt, dass die „Ärmsten der Armen“ nicht nur in den sichtbaren Slums zu suchen sind, sondern dass es auch eine Armut im sozialen und spirituellen Sinn gibt. Mehr noch: Wie sie sich durch die freiwillige Armut in den Ordensgelübden mit den materiell Armen solidarisch machte, so wird sie auf unfreiwillige Weise auch solidarisch mit den spirituell Armen. Sie, die in Kindertagen ihr Herz ganz und gar Jesus schenkte, die seine tröstende und fordernde Nähe spüren durfte, die bei der zweiten Berufung Seine Worte und Wegweisungen vernahm, erlebt Jahrzehnte einer „Nacht der Seele“. Viele ihrer Briefe an ihre Beichtväter, die im Seligsprechungsprozess behandelt und später veröffentlicht wurden, geben Zeugnis von dieser empfundenen Gottverlassenheit und Gottessehnsucht, diesem Einstimmen in den Schrei Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Inzwischen wächst ihr Werk – das sie stets als „Sein Werk“ sah – wie ihr Ansehen in aller Welt: Mutter Teresa wird zur „Ikone“ christlicher Nächstenliebe, ihr Name zum Synonym für Selbstlosigkeit. Sie sammelt Ehrungen, Ehrenbürgerschaften, Orden und Auszeichnungen, die sie demütig und stellvertretend für die Ärmsten der Armen annimmt, nur um überall die Botschaft zu sagen: dass der Mensch von Gott geschaffen sei, „um zu lieben und geliebt zu werden“. Sie skizziert den Zusammenhang von Frieden, Gerechtigkeit, Gottbezogenheit und Gebet: „Wenn wir beten, werden wir anfangen zu glauben. Wenn wir glauben, werden wir anfangen zu lieben. Und wenn wir lieben, werden wir anfangen zu dienen.“

Nach dem Friedensnobelpreis 1979 regnet es Anerkennungen, doch Mutter Teresa passt sich nicht an, lässt sich nicht auf das billige Klischee einer Sozialarbeiterin reduzieren. Wo sie vor den Mächtigen dieser Welt spricht – bei der Nobelpreisrede, vor den Vereinten Nationen oder beim „National Prayer Breakfast“ 1994 in Washington – da prangert sie die Ungerechtigkeiten vehement an, auch und in deutlichen Worten den „Mord im Mutterschoß“.

Mutter Teresa gründet nach den aktiven „Missionarinnen der Nächstenliebe“, die sich als „Kontemplative in der Welt“ verstehen, noch vier weitere Zweige ihrer Ordensfamilie: neben einer Priestergemeinschaft je eine rein kontemplative Gemeinschaft für Frauen und Männer sowie eine Gemeinschaft aktiver Brüder. Als sie am 5. September 1997 starb, gab es weltweit 3 914 Missionarinnen der Nächstenliebe, die in 594 Niederlassungen den „Ärmsten der Armen“ dienten. Doch weder der Tod der Gründerin noch das Bekanntwerden ihrer „Nacht der Seele“ stürzten die Schwestern in eine Krise oder bremsten das Wachstum des Ordens: Heute wirken 5 001 Schwestern in 765 Niederlassungen in 137 Staaten der Erde. Schwester Prema, heute Generaloberin des Ordens, hat dafür eine einfache Erklärung: „Wir folgen nicht Mutter Teresa. Wir folgen Jesus!“